POTSDAM. "Hier kocht der Chef" - wer oft essen geht, wird diesen Werbespruch schon mal gesehen haben. An den roten Doppelstockwagen, die mit Höchsttempo 160 durch Berlin und Brandenburg rollen, müsste dagegen stehen: "Hier musiziert der Chef." Denn die Melodien, die in diesen Zügen die Bahnhofsansagen einleiten, werden von dem Berliner Karl-Heinz Friedrich gespielt - seines Zeichens Regionalbereichsleiter für Produktion und Technik bei der Deutschen Bahn (DB) in Potsdam. Er hat im Tonstudio der Bahn in die Tasten gegriffen. "Ich habe mich der Sache persönlich angenommen", sagt der Manager, der für den Betrieb und die Fahrzeuge des Regionalverkehrs zuständig ist. Doch so einfach, wie "die Sache" zunächst aussah, war sie leider nicht. Am Anfang stand eine Idee des damaligen DB-Konzernbeauftragten für Brandenburg, Hans Leister. In Japan weisen kleine Melodien die Bahn-Fahrgäste dezent darauf hin, wo sie sich gerade befinden - warum nicht auch in Berlin und Brandenburg? Eine Aufgabe, für die kein anderer in der Potsdamer Chefriege so gut geeignet ist wie Friedrich.Der Berliner hat zu Hause in Friedrichshain ein Klavier und musiziert gern. "In der Schule sang ich im Chor. Später, als ich Sachbearbeiter bei der Reichsbahn war, trat ich mit einer Band im Friedrichstadt-Palast auf", erzählt Friedrich. Er suchte Melodien aus und spielte sie auf einem Musik-Computer ein.Die Stücke wurden in den Bord-Computern der Doppelstockzüge gespeichert. Die Satellitenortung GPS hilft dabei, dass stets die richtigen "Jingles" erklingen, in Berlin war dies die "Berliner Luft". Alles schien in Ordnung zu sein. "Auch wenn sich einige Pendler beschwerten", sagt Friedrich. Das war 1999. Doch schon bald ging der Ärger los.Denn die Gesellschaft für musikalische Aufführung und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz Gema genannt, kam der DB auf die Schliche. Das Unternehmen, das für Komponisten und Verleger Aufführungsgebühren eintreibt, stufte die roten Wagen als rollende Konzertsäle ein - und wollte Geld. Viel Geld, weil es pro Zug bis zu 400 Sitzplätze gibt. Friedrich: "Die Gema argumentierte damit, dass wir die Melodien zur Unterhaltung spielen, obwohl wir damit nur unsere Bahnhofsansagen ankündigen wollten." Notgedrungen beglich die DB die ersten Gema-Rechnungen, umgerechnet 5 000 Euro pro Monat. Friedrich suchte nach Alternativen und fand sie bei den Volksliedern. Denn für Stücke, die aus dem 19. Jahrhundert stammen oder noch älter sind, werden keine Gebühren fällig. Friedrich: "Also ging ich wieder ins Studio und spielte die Melodien ein, die heute zu hören sind." So beginnen Bahnhofansagen in Berlin jetzt mit einer Tonfolge aus der mährischen Volksweise "Jetzt kommen die lustigen Tage". "Galgenhumor", meint der DB-Manager. Für Brandenburg hat Friedrich ein Lied von 1839 ausgesucht: "Wer recht in Freuden wandern will". Im Regionalexpress der Linie RE 4, der nach Wismar fährt, ertönt in Mecklenburg-Vorpommern eine Melodie aus dem norddeutschen Volkslied "Dat du min Leevsten büst". So ganz ist der Ärger allerdings noch nicht vorbei. Denn als die DB vor kurzem im "Usedom-Express" Jazz spielte, weil auf der Insel ein Festival mit dieser Musik stattfand, bekam dies die Gema wieder spitz - und wollte erneut Tantiemen."Lustige Tage" in Berlin // In den Zügen des RE 1 (Magdeburg-Eisenhüttenstadt), RE 2 (Rathenow-Cottbus) und RE 4 (Elsterwerda-Wismar) erklingen zu Beginn der Ansagen Kurzmelodien.In Brandenburg hören die Fahrgäste in den Doppelstockwagen eine Melodie aus "Wer recht in Freuden wandern will" von 1839. Emanuel Geibel schrieb den Text, Franz Gustav Klauer komponierte die Musik.In Berlin wird vor jedem Bahnhof "Jetzt kommen die lustigen Tage" angespielt.