E nde 1919 macht sich ein Reporter der Zeitschrift "Film-Kurier" auf den Weg nach Weißensee. Erich Pommer und Rudolf Meinert, zwei Produzenten der Filmgesellschaft Decla, haben ihn ins Lixie-Atelier in der Franz-Joseph-Straße 9-12 (heute Liebermannstraße) eingeladen. Dort ist ein merkwürdiger Film im Entstehen: "Das Cabinet des Dr. Caligari", ein expressionistisches Experiment, bei dem Schatten und Licht, Innenräume und Straßenzüge auf Kulissen gemalt wurden. Der Reporter schaut, stutzt und ist begeistert, er schwärmt von den Schauspielern Werner Krauss als "Spukfigur" Caligari und Conrad Veidt als dessen somnambules Werkzeug, der Mörder Cesare. "Kaum jemals war ein Atelierbesuch so anregend wie dieser. Man darf auf das Ergebnis wirklich gespannt sein; denn es ist ein neuer Weg, ein Fortschreiten mit dem Blick nach aufwärts, ist Pionierarbeit im Neuland."Zur Premiere im Februar 1920 ahnt freilich noch niemand, dass "Das Cabinet des Dr. Caligari" bald um die Welt gehen wird. Die fantastische Geschichte um psychisch gestörte Menschen und albtraumhafte Scharlatane, das Vexierbild eines Gemeinwesens, das aus allen sozialen und politischen Verankerungen gerissen ist, gilt bis heute als Synonym fürs deutsche Kino der frühen Weimarer Republik, ja für die deutsche Gesellschaft kurz nach dem Ersten Weltkrieg. In seinem Buch "Von Caligari zu Hitler" (1947) liest der Filmhistoriker und Soziologe Siegfried Kracauer aus dem expressionistischen Spektakel gar die Prädisposition der Deutschen für den Nationalsozialismus heraus. Seine These, "Das Cabinet des Dr. Caligari" sei ein Gleichnis auf die Unterdrückung des Individuums im militaristischen Kaiserreich und auf den Wahnsinn, der jeder Autoritätssucht innewohnt, bestimmt über Jahrzehnte die Rezeption des Films. Ob das von Carl Mayer und Hans Janowitz verfasste und von Robert Wiene inszenierte Werk aufklärerisch oder reaktionär sei, beschäftigt bis heute ganze Heerscharen von Studenten und Doktoranden."Das Cabinet des Dr. Caligari" ist sicher der berühmteste, aber nicht der einzige Film, der damals in Weißensee entstand. Von 1913 bis 1928 wurden hier weit mehr als fünfzig abendfüllende Produktionen gedreht; zahlreiche Regisseure und Darsteller, die im Kino der Weimarer Republik Rang und Namen hatten, beehrten die Gemeinde, die zunächst noch vor den Toren der Stadt lag und erst 1920 in Groß-Berlin eingegliedert wurde. Weißensee profitierte davon, dass die Studios im Berliner Zentrum der prosperierenden Filmindustrie nicht mehr genügten. Reichten vorher noch gläserne Dachateliers in der Friedrichstraße aus, brauchten die Produzenten nun größeren Raum und fanden ihn in Babelsberg, Staaken, Tempelhof oder Woltersdorf - und eben auch in Weißensee. Die fast unbebaute Franz-Joseph-Straße, ganz in der Nähe der Rennbahn und des Güterbahnhofs, bot sich für die Errichtung neuer, weitläufiger Studios an. Ein Abrissunternehmer namens Paul Köhler ließ sich auf das Geschäft ein und verhandelte zuerst mit der Vitascope GmbH, für die er ein Bürogebäude und zwei ebenerdige Glasateliers errichtete. Am 1. Oktober 1913 erfolgte deren Abnahme: Die Filmstadt Weißensee war geboren.Zu den Firmen, die sich hier ansiedelten, gehörten die Greenbaum Film GmbH, die Continental Kunstfilm GmbH oder die Stuart Webbs Film Company, später auch die Firma von Joe May, die hier am intensivsten drehte, bis weit in die 1920er-Jahre hinein. Auch die französische Pathé interessierte sich für einen Standort in Weißensee, doch ihr mit der Vitascope vorbereitetes Abkommen über die gegenseitige Nutzung der Vertriebsnetze scheiterte am Beginn des Ersten Weltkriegs: "Feinde" wurden nun nicht mehr ins Land gelassen. Vor und während der Kriegsjahre lieferten die Ateliers meist das, was den Zuschauern in hohem Maße Ablenkung versprach: Lustspiele, Komödien, Kriminal- und Sensationsfilme. Unter anderem wurde der Meisterdetektiv Sherlock Holmes ins Rennen um die Publikumsgunst geschickt: Sein "Hund von Baskerville", gedreht in Weißensee, lockte 1914, in den ersten zwei Wochen nach der Premiere, allein in Berlin sagenhafte 48974 Besucher an. Dass der "Erbfeind" England als mächtiger Kriegsgegner galt und alles Englische mehr oder weniger verdammt wurde, hielt die Produzenten nicht davon ab, weitere angelsächsische Detektivgeschichten zu kreieren. Über die Stuart-Webbs-Serie, die zwischen 1915 und 1919 in Weißensee entstand, urteilte ein Kritiker des "Kinematograph": "Sie sind eine Klasse für sich. Webbs ist nicht der Detektiv, der unfehlbar ist, der die unmöglichsten Gefahren besteht, um zu seinem Ziel zu kommen. Er schlägt vielmehr mit geistigen Waffen. Dass er am Ende der Sieger bleibt, versteht sich von selbst." Mit dem Lächeln ewiger Sieger traten auch Joe Deebs, Engelbert Fox oder Phantomas auf, drei weitere Helden populärer Filmserien, an denen in Weißensee gekurbelt wurde. Sogar der Horror-Klassiker "Das Phantom in der Oper" erlebte hier 1916 seine kinematografische Auferstehung, lange bevor sich Hollywood des Stoffes annahm.Dass Deutschland den Ersten Weltkrieg verlor, brachte vielen der in Weißensee praktizierenden Filmproduzenten kaum Verluste - im Gegenteil. Joe May beispielsweise nutzte die Chance, sich von der neu gegründeten, vom Staat und der Deutschen Bank etablierten Ufa mit Finanzmitteln ausstatten zu lassen. Diese flossen in sein Monumentalepos "Veritas Vincit" (1919), ein filmisches Triptychon, das in gleichnishaften Episoden "den immerwährenden Sieg der Wahrheit über die Lüge" illustrieren sollte. Mehr als 750000 Reichsmark standen ihm zur Verfügung, für damalige Zeiten eine schier unermessliche Summe. Dafür ließ er den Szenografen Paul Leni sowohl das historische Rom als auch eine mittelalterliche deutsche Stadt bauen. Weil die Franz-Joseph-Straße zu eng wurde, nutzte er das Gelände der Weißenseer Trabrennbahn, gleich um die Ecke. Und er war nicht der Einzige, der die hiesige Bevölkerung mit überdimensionalen exotischen Exterieurs zum Staunen brachte. Ernst Reicher errichtete Kolossalkulissen für seine Bibel-Version "Das Buch Esther" (1919), und Otto Rippert ließ sich für "Die Pest in Florenz" (1919) den Palazzo Vecchio und die Uffizien nachbauen. Mit Stoffen über frühere Katastrophen und Weltuntergänge sollte das Leid, das der Krieg gebracht hatte, für ein paar Stunden vergessen gemacht oder wenigstens relativiert werden. Schon während der Drehortbesichtigung hatten die aus Berlin-Mitte eingeladenen Journalisten kostenlose Butterbrote erhalten. Produzent Erich Pommer wusste ziemlich genau, wie er ein müdes, ausgehungertes Publikum erobern konnte.Joe May schließlich drehte in Weißensee die Innenaufnahmen für seinen Zweiteiler "Das indische Grabmal" und "Der Tiger von Eschnapur" (1921), die Siegfried Kracauer später ebenfalls einer politischen Abrechnung unterzog: "Alle diese Filme glichen dem Tagtraum eines Gefangenen", schrieb er in "Von Caligari zu Hitler". "Gefängnis war das verstümmelte und abgeschnittene Vaterland - so jedenfalls empfanden es die meisten Deutschen. Was sie ihre Weltmission zu nennen pflegten, war vereitelt worden, und alle Fluchtwege schienen versperrt. Diese Raum verschlingenden Filme lassen die Verbitterung erkennen, die der Durchschnittsdeutsche gegen seine unfreiwillige Einsperrung empfand. Sie wirkten als Ersatz. Naiv befriedigten sie sein unterdrücktes Expansionsverlangen mit Hilfe von Bildern, die es seiner Einbildung erlaubten, die ganze Welt erneut zu annektieren ..." Ein hartes Urteil über Filme, die vor allem gedreht wurden, um damit viel Geld zu verdienen, und bei denen sich die Macher selbst wohl nur selten bewusst waren, welche ideologischen Untertöne sie transportierten.Fünfzehn Jahre lang gaben sich in den Weißenseer Ateliers Stars ein Stelldichein, die seinerzeit jedes Kind kannte: Mia May, Ossi Oswalda, Fern Andra. Albert Bassermann, eine der ersten hauptstädtischen Theatergrößen, die den Film als neue Kunstform begrüßten, drehte hier den "Eisernen Willen" (1917) und "Masken" (1920). Die Diseuse Claire Walldoff trat in der Milieustudie "Mieze Strempels Werdegang" (1915) auf. Fritz Lang verpflichtete für seine "Spinnen" (1919), einen Vorläufer der "Mabuse"-Serie, unter anderen die junge Lil Dagover. Emil Jannings und die Kino-Debütantin Marlene Dietrich erschienen, um gemeinsam mit Joe May den Vierteiler "Tragödie der Liebe" (1923) auf Zelluloid zu bannen. Werner Krauss, der berühmte Caligari, ließ sich von G. W. Pabst überzeugen, für die Hauptrolle in dessen psychoanalytischem Opus "Geheimnisse einer Seele" (1926) nach Weißensee zurückzukehren. Einer der Letzten, die Weißensee als Drehort nutzten, war der Sensationsdarsteller Harry Piel für seinen Actionfilm "Panik" (1928).Mitte der 1920er-Jahre verblasste der Ruhm der Filmstadt Weißensee zusehends. Manche Produktionsfirmen, die hier ansässig waren, gab es nicht mehr; sie hatten dem Druck der Zentralisierung in der deutschen Filmwirtschaft nicht standgehalten oder ihr Kapital durch erfolglose Projekte verspielt. Andere Produzenten waren nach Babelsberg umgesiedelt, hatten sich, wie Joe May, in die Arme der mächtigen Ufa begeben. Mitunter kehrten sie noch einmal für Dreharbeiten nach Weißensee zurück. Doch 1926 kündigte selbst die Ufa ihren Ateliervertrag mit der May-Film, die nun ihren Standort in der Franz-Joseph-Straße aufzugeben gezwungen war. Die Grundstücksverwaltung sah dringenden Handlungsbedarf, konsultierte Wohnungsbaugesellschaften und einen Maschinenfabrikanten, die sich für die Liegenschaften interessierten. Bald siedelten sich an derselben Stelle, an der soeben noch Filme produziert worden waren, eine chemische Waschanstalt, eine Dampffärberei und eine Plauener Gardinenwäscherei an ... - Heute lassen nur ein paar Straßennamen an die glorreichen Kinozeiten denken: Eine Verkehrsinsel an der Liebermann-/Ecke Parkstraße wurde 1999 in Joe-May-Platz umbenannt und erinnert damit an den 1933 emigrierten, 1954 in den USA verarmt verstorbenen Filmpionier. Und die Brotfabrik Berlin, in der am kommenden Donnerstag das Erste Internationale Caligari-Festival "Somnambule" startet, liegt seit Juni 2002 am Caligariplatz.------------------------------Foto: Szene aus dem legendären Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920) von Robert Wiene) mit den Stars Conrad Veidt und Lil Dagover