Als 1899 in Berlin die erste Motordroschke ihren Betrieb aufnahm, glaubte kaum jemand, daß sie dem Fiaker Konkurrenz machen könnte. Aber das neue Beförderungsmittel setzte sich durch, und bald wurde der Ruf nach mehr Taxis laut. Um diesen Bedarf zu decken, begann Siemens-Schuckert im Jahre 1905 mit der Produktion von Elektrodroschken im Spandauer Werk.Es handelte sich dabei um Elektro-Automobile des Typs "B", die als Droschken mit einem "Landaulett"-Aufbau angeboten wurden. Diese hatten eine leicht auswechselbare Akkumulatoren-Batterie vor dem Führersitz, die unter einer Blechhaube untergebracht war. Mit einer Batterieladung konnte die Droschke bis zu 70 Kilometer weit und bis zu 30 Kilometer pro Stunde (km/h) schnell fahren. Während die Fahrgäste sich bequem spazierenfahren lassen konnte, saß der Chauffeur auf seinem "Bock" praktisch im Freien und war Wind und Wetter ausgesetzt. Anfangs wurden die Autodroschken als Kuriosität vor allem zu Vergnügungsfahrten genutzt, zumal der Fahrpreis nicht für jedermann erschwinglich war.Aber innerhalb von zehn Jahren etablierten sich die Motordroschken, und Spandaus Beziehungen zum "mobilsten Gewerbe der Welt" wurden ausgebaut. Ab 1908 liefen am Nonnendamm Protos-Wagen vom Band, die für ihre Zuverlässigkeit berühmt waren. Protos-Fahrgestelle aus Spandau wurden von den Berliner Firmen Buhne und Schebera mit Droschken-Karosserien versehen. Taxistände gab es damals in Spandau am Hafenplatz, an der Wröhmännerstraße/Ecke Neuendorfer Straße und in der Wilhelmstädter Adamstraße.Nach der Inflation mußte die Spandauer Zeitung aber 1925 feststellen, daß "Spandau ohne Kraftdroschken" sei. Tatsächlich gab es keinen Taxistand mehr in der Havelstadt, denn in den "goldenen zwanziger Jahren" war das Geld knapp und reichte oft nicht für eine Taxifahrt. Ja nicht einmal Rufsäulen gab es in Spandau. Vergeblich versuchte das Bezirksamt die Firma "Autoruf", die in ganz Berlin Taxirufsäulen installiert hatte, dazu zu bewegen, am Hafenplatz und am Rohr- sowie am Nonnendamm Säulen aufzustellen. Fahrten zum halben PreisDamit der Ruf "Hallo Taxi" nicht ganz ungehört in Spandau verhallte, begannen die Deutschen Industriewerke Ende 1925 mit dem Bau von "Motax-Droschken". Diese "Spar-Taxis" auf D-Rad-Basis waren beim Publikum wegen ihres niedrigen Fahrpreises beliebt. Die Motorrad-Droschken fuhren zum halben Tarif, konnten dafür aber nur einen Fahrgast im Seitenwagen-Coupe befördern. Obwohl die "D-Räder" robuste Gespann-Maschinen waren, bewährten sie sich als "Motax" nicht. Drei Motoren pro Gespann brauchten die Unternehmer, um ein "Motax" ständig zu betreiben. Als dann auch die Automobil-Droschkentarife 1926 sanken, lohnte sich ihr Einsatz nicht mehr. Bis Ende 1927 verschwanden sie von den Straßen. Insgesamt hat es in Berlin 180 "Motax"-Droschken auf D-Rad-Basis gegeben. Ein weiterer Versuch mit Spar-Taxis wurde 1926 mit 50 Hanomag-Kleinwagen gestartet, die der Spandauer Konstrukteur Hellmuth Butenuth mit entwickelt hatte. Aber auch die "Kommißbrote", wie die Zwerge genannt wurden, mußten Ende 1927 aufgeben. Krisenjahre und der Wettbewerb mit Berliner Taxiunternehmen veranlaßten die Spandauer Kraftdroschkenbesitzer 1929 im Volksblatt zum Aufruf: "Spandauer, benutzt Spandauer Droschken!"Sie protestierten vor allem gegen die Rumpler-Taxiwagen: "Die Bewohner der Wilhelmstadt wundern sich, daß an der dortigen Haltestelle (Metzer Platz) keine Droschken mehr anfahren. Die früher dort haltenden Wagen (Rumpler) waren Regiedroschken, das heißt Fahrzeuge, welche Berliner Großbetriebe als zu schlecht und unrentabel auf Grund ihrer Beschaffenheit nicht mehr in Berlin auf die Straßen schicken konnten. Für Spandau waren sie aber gut genug. Diese nicht mehr straßenfähigen Wagen wurden nun an Spandauer Fahrer gegen Entrichtung einer gewissen Summe in Verwaltung gegeben, welche bei uns Spandauer Besitzern niemals Stellung erhalten hätten. Diese Wagen haben bis zu 80 Prozent, aber schwere Unfälle, soweit es sich um Droschken handelt, mit verschuldet."Trotz dieser Kritik waren die Rumpler-Wagen eine der interessantesten Automobil-Konstruktionen der 20er Jahre. Angetrieben wurde die aerodynamische Wunderkiste von einem Sechszylindermotor in Fächeranordnung (drei mal zwei Zylinder), den Siemens & Halske lieferte. Der Wagen konnte fünf bis sechs Personen bis zu 105 km/h schnell befördern und war technisch aufwendig konstruiert. Er hatte als erstes Automobil eine runde Frontscheibe. Trotz fortschrittlicher Bauweise sind jedoch nur zirka 100 Tropfenwagen hergestellt worden. Innovationen im Taxibau gibt es in Spandau aber bis in die Gegenwart. Anfang der 90er Jahre entwarf die Firma KKI den Prototyp des Berlin-Taxis. Verstellbare SitzeDies war ein Forschungsvorhaben, das zu Beginn der 80er Jahre in Spandau seine Arbeit aufnahm, um ein behindertengerechtes Fahrzeug zu konstruieren. Organisiert wurde das Projekt von der "Studiengesellschaft Nahverkehr mbH" (SNV) in Berlin, realisiert bei der "Kunststoff-Karosseriebau und Innovations GmbH & Co. Produktions KG" (KKI) in Spandau. Im Rahmen des Forschungsvorhabens sollte ein Fahrzeug entwickelt werden, das körperbehinderten Menschen, insbesondere Rollstuhlfahrern, die Benutzung von Verkehrsmitteln durch technische Hilfsmittel erleichtert.Bei dem vorgestellten Wagen war zu erkennen, daß man versucht hatte, auch die Bedürfnisse der Taxifahrer zu berücksichtigen. Das Fahrzeug, das schon durch seine aerodynamische Kunststoff-Karosserie auffiel, hatte ein speziell angeordnetes, gerundetes Fahrercockpit. Der Fahrer konnte alle Bedienungselemente leicht erreichen, ohne durch einen Beifahrersitz beengt zu sein. Die Anordnung der Fahrgastsitze ließ sich individuell verstellen, so daß genügend Raum für den Transport von Rollstühlen blieb. Diese konnten durch eine Seitentür über Schienen in das Fahrzeug gelangen. Trotz all dieser Vorzüge baute die Firma KKI nur den Prototyp, der aber zum Vorbild der heutigen "Berlin-Taxis" wurde.Über die Taxis aus Spandau und viele weitere Konstruktionen des Fahrzeugbaus in der Havelstadt kann man sich zur Zeit in der gleichnamigen Ausstellung auf der Zitadelle ausführlich über dieses Thema informieren. Dr. Immo Sievers +++