Es gibt eine soziologische Theorie, nach der jeder Mensch auf der Welt mit jedem anderen über eine überraschend kurze Kette von Bekanntschaften verbunden ist. Man nennt dies das Kleine-Welt-Phänomen. Ich kenne jemanden, der Angela Merkel kennt, sie kennt Barack Obama und schon bin ich über zwei Ecken mit dem amerikanischen Präsidenten bekannt. Ein Gespräch mit Michael Ballhaus kommt diesem Gedankenspiel auf wunderbare Weise entgegen. Kleiner kann die Welt des Kinos überhaupt nicht werden. Als einer der besten Kameramänner in Hollywood kennt er dort praktisch jeden und so sind Martin Scorsese, Clint Eastwood, Francis Ford Coppola, Jack Nicholson, John Travolta, Leonardo Di Caprio, Dustin Hoffman, Michelle Pfeifer und Meryl Streep jetzt nur noch einen Schritt entfernt. Nach zwanzig Jahren in Amerika ist Michael Ballhaus in seine Heimatstadt Berlin zurückgekehrt. Bescheiden wie er ist, würde er beim Interview im Café Einstein am liebsten gar nicht groß über Hollywood reden. Aber wer sonst könnte einem all diese Geschichten erzählen.Herr Ballhaus, wie sehen Sie die Welt? Wenn Sie einen Raum betreten, haben Sie da den idealen Bildausschnitt vor Augen?Das schon, ja. Man guckt sich den Raum an und fragt sich, wo würdest du jemanden hinsetzen, wo würdest du ihn fotografieren.Welchen Eindruck haben Sie hier?Von da hinten gibt's 'ne ganz schöne Perspektive, da wirkt der Raum mit den Fenstern sehr gut. Ja, das wäre etwas.Nach vielen Jahren als Kameramann haben Sie nun zum ersten Mal Regie geführt, gemeinsam mit Ihrem jungen Kollegen Ciro Cappelari.Ich sollte ursprünglich mal einen Film für den RBB machen, unter dem Titel "Mein Berlin". Allerdings habe ich schnell festgestellt, dass mein Berlin eigentlich langweilig ist. Da wären nur ältere Leute vorgekommen. Meine Frau kam auf die Idee, den Ciro zu fragen, der viel jünger ist und ganz andere Erfahrungen mit Berlin hat. Für mich war es interessant, Berlin auf diese Weise wieder neu kennenzulernen. Den Osten kannte ich ja gar nicht.Jetzt heißt Ihr Film "In Berlin". Wie sind Sie auf Ihre Gesprächspartner gekommen? Angela Winkler, Frank-Walter Steinmeier, Dimitri Hegemann, Maybrit Illner, Joachim Sartorius. Die wenigsten stammen von hier. Sind die Zugezogenen die wahren Berliner?Für uns war es wichtig, mit Leuten zu reden, die sich bewusst entschlossen haben, in Berlin zu leben. Nur das sagt etwas über die Stadt aus. Wer hier geboren ist, nimmt vieles für selbstverständlich.Der Autor Peter Schneider spricht im Film davon, dass er in Berlin "Hässlichkeit von großem Charakter" findet. Verstehen Sie, was er damit meint?Berlin ist wirklich keine schöne Stadt. Im Vergleich mit London, Paris oder Rom. Das sind schöne Städte. Berlin wirkt mit seinen Kontrasten. Natürlich gibt es auch hier viel Wunderbares, nicht nur Unter den Linden. Ich mag den Wannsee, der hat unheimlich schöne Bilder, Häuser, direkt am Wasser.Sie haben fast fünfundzwanzig Jahre in Los Angeles gelebt und gearbeitet. Hatten Sie oft Sehnsucht nach Berlin?Natürlich, obwohl ich ja zwischendurch regelmäßig hier war.Wonach sehnten Sie sich?Nach der Sprache. Die Sprache ist etwas sehr Wichtiges, wenn man im Ausland lebt. Und dann die Luft, wie es riecht.Wie riecht Berlin?Wo ich wohne, riecht es sehr gut. Da gibt es viel Grün. Es duftet manchmal fast ein bisschen nach Land.Sie sind vor zwei Jahren nach Berlin zurückgekehrt. Was hatte sich gar nicht verändert?Mein Kiez in Zehlendorf, da ist im Grunde alles wie immer.Wie haben Sie in Los Angeles gelebt?Auch in einem Dorf. Wir wohnten dort in Studio City direkt neben den Ateliers. Das Haus hatte ich bei einer Motivsuche gefunden. Es lag nur zehn Minuten entfernt von Warner Brothers und Universal.Sie sind in Hollywood zu Fuß zur Arbeit gegangen?Meistens habe ich das Rad genommen.Wie hat das damals eigentlich alles begonnen? Das Telefon klingelt und Hollywood ist dran?So war es. Wir drehten zu dieser Zeit gerade in Portugal einen Fernsehfilm, der in Lateinamerika spielen sollte, als im Hotel das Telefon klingelte und Martin Scorsese dran war. Nach diesem Anruf konnte ich zwei Nächte nicht schlafen.Um welches Projekt ging es?Scorsese arbeitete damals gerade an seinem Film "Die letzte Versuchung Christi", aus dem allerdings zunächst nichts wurde.Wie ist Martin Scorsese auf Sie gekommen?Wahrscheinlich kannte er mich von den Fassbinder-Filmen. Und er hatte wohl eine meiner Kamerakreisfahrten gesehen.Die ja dann auch in Amerika Ihr Markenzeichen wurden. Wie sind Sie eigentlich auf diese 360-Grad-Fahrt, den Ballhaus-Kreisel, gekommen?Das war 1973 bei den Dreharbeiten zu "Martha" mit Rainer Werner Fassbinder. Fassbinder wollte aus dem Moment, in dem sich Karlheinz Böhm und Margit Carstensen zum ersten Mal sehen, etwas Besonderes machen. Ich habe gesagt, das Beste wäre vielleicht, wenn man im Halbkreis um sie herum fährt. Da hat er gesagt, warum nicht ganz rum?Diese Kreisfahrt ist dann oft von anderen kopiert worden.Seitdem mache ich es nicht mehr.In dem Film "Die fabelhaften Baker Boys" umkreist Ihre Kamera Michelle Pfeiffer, die im roten Kleid auf dem Flügel tanzt. Es heißt ja oft, die Kamera liebe eine Schauspielerin. Wer liebt in so einem Moment eigentlich mehr, die Kamera oder der Kameramann ...Ich würde es nicht Liebe nennen, jedenfalls nicht so, wie Sie es meinen. Ich habe Michelle Pfeiffer als Person sehr gemocht. Aber geliebt habe ich die Figur, die sie verkörperte. Man kann sich während eines Films natürlich auch in Schauspielerinnen verlieben. Aber das ist mir nicht passiert, weil ich immer meine Frau geliebt habe.Man merkt, dass Sie gern mit Schauspielern gearbeitet haben.Ich bin im Theater groß geworden, da ist das ganz natürlich. Meine Eltern waren Schauspieler, mein Onkel war Schauspieler, meine Frau Schauspielerin. Ich habe diesen Beruf immer geachtet und das haben die Leute beim Drehen gemerkt. Da war immer eine menschliche Beziehung da. Ja, eine Form von Liebe. Aber nicht nur zu Frauen. Ich liebe Leo genauso, wie ich Michelle geliebt habe.Sie nennen Leonardo DiCaprio Leo.Wir mochten uns von Anfang an. Er ist überhaupt kein Star. Er lebt bewusst, ist an der Umwelt interessiert und tut etwas dafür. Das imponiert mir.Bei so großen Produktionen, wie Sie sie in Hollywood erlebt haben, steht oft sehr viel Technik zwischen dem Kameramann und dem Objekt seiner Zuneigung. Wie lässt sich da eine Beziehung aufbauen.Es ist nicht so intim, wie es vielleicht aussieht. Mit Michelle Pfeiffer haben wir lange gearbeitet, bis es dann zu dieser schönen Situation auf dem Flügel kam. So was passiert ja nicht von alleine. Es muss choreografiert und geprobt werden, es muss ein Ort für den Dreh gefunden werden, es muss stimmig ausgeleuchtet werden. Und dann erst setze ich mich hinter die Kamera und versuche, das Bild zu finden, das ich gerne haben möchte. Wenn dann noch die Schauspielerin mitmacht, wird es womöglich gut.Michelle Pfeiffer hat mitgemacht.Sie hat mit der Kamera gespielt.Sie hat mit Ihnen gespielt.Wenn Sie es unbedingt so wollen. Es gibt einfach Schauspieler, die ein sehr gutes Gespür für die Kamera haben. Manche haben es weniger. Michelle wusste immer, dort, wo die Linse ist, ist ihr Publikum. Dasselbe gilt für Leonardo DiCaprio. Der hat ein sehr feines Gefühl dafür, wo die Kamera ist und was er mit ihr machen kann, wenn er sich etwa aus dem Dunkeln ins Licht bewegt. Das ist oft eine Sache von Zentimetern. Und dann gibt es Schauspieler, die auch sehr gut sind, aber sie spielen für jeden im Umkreis von 360 Grad. Daniel Day-Lewis spielt für die ganze Welt. Der weiß auch, wo die Kamera steht, aber es interessiert ihn nicht.Sie haben mal gesagt, Michelle Pfeiffer sei schwierig zu fotografieren gewesen. Wo bitte ist bei ihr das Problem?Schwierig ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich hatte mir vorher alle Filme mit ihr angesehen und da war sie immer so schön und flach beleuchtet. Ich wollte sie für ihre Rolle in den "Fabelhaften Baker-Boys" etwas anders sehen, ein bisschen direkter, härter. Es war mir wichtig, dass sie mal anders aussieht und dadurch auch anders spielt.Mit Ihren Bildern hatten Sie eine große Verantwortung für das Image der Stars. War das nicht riskant, bei all der Macht, die Stars in Hollywood besitzen?Ich habe mal einen Film gemacht, er hieß "Grüße aus Hollywood", in dem die Beziehung zu der Schauspielerin nicht so perfekt war. Einer Schauspielerin, die ich über alles schätze und liebe ...Meryl Streep ...Sie war für die Rolle eigentlich zu alt und sie ist nun wirklich schwierig zu fotografieren. Sie hat nur eine gute Seite und von der muss sie gefilmt werden. Ihr Visagist war auch nicht gerade mein Freund und der hat nun immer darauf bestanden, dass sie anders aussehen soll oder eben besser, wie er meinte. Ich fand ja, sie sah sehr gut aus. Das war nicht einfach.Wie kommt es, dass Schauspieler im Film viel größer aussehen als im wahren Leben. Oft ist man verwundert, wenn man einen Star mal aus der Nähe sieht.Erstmal wirken sie durch die Leinwand schon sehr viel imposanter und dann achtet man als Kameramann natürlich auch etwas auf die Größenverhältnisse. Wenn ein kleiner Schauspieler mit einem großen zusammenarbeitet, wird man das ausgleichen, so dass der kleine nicht gar so klein erscheint.Wie macht man das?Indem man Dustin Hoffman bei einer Dialogszene auf eine Holzkiste stellt.Sie hatten mit vielen kleinen Männern zu tun. Haben sie wirklich die größten Egos?Das ist relativ. Die Dreharbeiten zu dem Film "The Departed", waren insofern nicht ganz einfach, als Martin Scorsese das Gefühl hatte, Jack Nicholson nicht inszenieren zu können, der ihm von der Produktion in das Projekt hineingedrückt worden war. Beide sind Riesen im Filmgeschäft, aber körperlich von eher kleiner Statur. Scorsese hat kapituliert, Nicholson hat übernommen.Wie sieht das aus, wenn Jack Nicholson die Regie übernimmt?Wenn er an den Set kommt, sagt nicht der Regisseur Martin Scorsese zu ihm, Jack, du sitzt in dieser Szene dort und dann stehst du auf und gehst von da nach da, sondern er fragt: Jack, wo möchtest du sitzen? Und wenn Jack nicht da sitzen will, wo wir es gedacht haben, dann ist das ein Problem.Können Sie sich Scorseses Ängstlichkeit erklären?Das war keine Ängstlichkeit, sondern Hochachtung. Seinen Stars gegenüber hat Scorsese ohnehin kein besonders großes Selbstbewusstsein. Im Grunde ist er immer das Kind armer Leute aus Little Italy geblieben. Zudem darf man nicht vergessen, dass er bis zu seinem Oscar für "The Departed" um jeden seiner Filme hat kämpfen müssen. Die Studioleitung hatte ihm Jack Nicholson reingesetzt, um mit ihm auf Nummer sicher zu gehen.Nicholson stirbt in dem Film einen grausamen Tod. Waren Sie froh, als er weg war?Ja, doch. Er wurde zu einer ganz schönen Belastung. Er hatte sich ja sogar ganze Szenen selbst geschrieben. Die haben wir aber fast alle wieder rausgeschnitten.Vor Ihrer Kamera sind im Laufe der Jahre viele Menschen ermordet worden. Gab es da nicht mal den Moment, da Sie dachten, das ist mir alles zu viel? Können Sie überhaupt noch Blut sehen?Ich habe manchmal furchtbar gelitten. Es war schrecklich. Da wird ein Mensch umgebracht und man unterhält sich darüber, ob das Blut an der Wand die richtige Farbe hat, ob da nicht eine Spur mehr Gehirn rein müsste. Ich habe damit große Probleme und wenn es nicht Scorsese gewesen wäre, hätte ich Filme wie "Good Fellas" niemals gemacht.Im Kino wird über Gewaltszenen heute oft gelacht, selbst wenn sie von einem Könner wie Scorsese inszeniert sind. Das große Töten ist ein großes Spiel, das kaum noch jemand ernst nimmt.Ich kann solche Reaktionen dann verstehen, wenn sie auf einem Schock beruhen. Wenn Leonardo DiCaprio, der Gute, plötzlich erschossen wird, ist das ein Schock, der bei dem einen oder anderen durchaus Gelächter auslösen mag. Das würde ich keinem übel nehmen.Wie haben Sie all diese Schauspieler bei der Arbeit erlebt?Eigentlich waren sie alle sehr professionell. Sie haben sich ihre Charaktere wirklich erarbeitet. Daniel Day-Lewis lebt seine Rolle auch abseits der Kamera. Bei den Dreharbeiten zu "Gangs of New York" hat er die ganze Zeit in diesem seltsamen Slang geredet. Man konnte ihn nicht mit Danny anreden, nur mit Bill. Er war Bill the Butcher, monatelang, selbst nach Drehschluss.Konnten alle Ihren Text?Nein, nicht alle.Wer sind die größten Schussel? Jetzt können Sie es ja sagen.Also Jack Nicholson trägt immer einen kleinen Knopf im Ohr und kriegt seinen Text reingeflüstert. Und John Travolta hat überall Monitore um sich herum, von denen er abliest. Man wundert sich manchmal, dass einer zwanzig Millionen Dollar bekommt und seinen Text nicht kann. Aber eigentlich können die gar nichts dafür, sie haben einfach ein schlechtes Textgedächtnis.Was genau ist der Unterschied zwischen einem Kameramann im deutschen Film und dem Director of Photography, wie es in Amerika heißt?Das ist ein großer Unterschied, in Amerika hat der Kameramann mehr Kompetenzen. Da muss einem der Regisseur nicht sagen, wo man die Kamera hinstellt. In vielen Fällen hat man den Freiraum, die Szenen nach seinen Vorstellungen zu gestalten.Warum haben Sie dann aufgehört?Es war genug, ich war siebzig Jahre alt und hatte fast hundert Filme gedreht. Bei amerikanischen Produktionen arbeitet man manchmal achtzehn Stunden am Tag. Wenn man morgens um vier am Set steht, fragt man sich dann schon: Musst du das eigentlich noch?Clint Eastwood ist achtundsiebzig und dreht einen Film nach dem anderen.Er ist ein Besessener.Haben Sie "Gran Torino" gesehen?Eine gute Geschichte. Das rechne ich Eastwood hoch an, dass er immer gute Geschichten für die Leute macht. In technischer Hinsicht ist das allerdings eher ein schlechter Fernsehfilm.Juckt es Ihnen da nicht in den Fingern?Ja, aber ich weiß, wie er arbeitet und dass ein Kameramann bei ihm keine Chance hat."The Departed" war Ihr letzter großer Film in Amerika. Wie viele Angebote haben Sie seitdem abgelehnt?Ein paar schon. Aber so viel kommt nicht mehr. Das spricht sich rum in der Branche. Dann weiß man, aha, der Ballhaus hat sich verabschiedet. Wenn man zwei Jahre keinen Film im Kino hatte, ist man vergessen.Halten Sie noch Kontakt zu Martin Scorsese?Wir telefonieren ab und zu. Aber eigentlich ist das abgeschlossen zwischen uns.Woran arbeitet er gerade, ohne Sie?Er macht den Pilotfilm für eine Fernsehserie auf dem Kabelsender HBO. Wenn der gut läuft, können noch ein paar Teile folgen. Da gibt es viel Geld zu verdienen.Mit Ihnen setzt sich eine Generation von Kameraleuten zur Ruhe, die mit Zelluloid groß geworden ist. Sie haben Ihre Bilder praktisch vor dem Dreh kreiert. Heute ist es oft umgekehrt. Die Filme entstehen am Computer.Ich habe auch so einen Film gemacht, den ich nicht sehr liebe, "Wild Wild West". Da sind lauter verrückte Sachen drin. Aber das meiste ist CGI.Was heißt das?Computer Generated Images. Bilder aus dem Computer. Das war nicht so mein Ding.Spielt es für unsere Wahrnehmung eine Rolle, ob sich Szenen, die wir im Kino sehen wirklich einmal vor der Kamera ereignet haben oder aus dem Computer kommen?Für das Publikum ist es egal. Die Feinheiten kann es nicht feststellen. Etwas anderes ist interessant. Aktionen, von denen der Zuschauer früher wusste, dass sie in Wirklichkeit stattgefunden haben, sind für ihn nichts Besonderes mehr, weil er davon ausgeht, das wird sowieso alles am Computer gemacht. Andauernd fliegen Schauspieler durch die Luft, klettern an Wolkenkratzern hoch. Die Faszination ist weg, deshalb müssen die Bilder immer verrückter werden.Ist das Jahrhundert des Kinos als "Fabrik der Träume" nicht längst zu Ende? Bilder, die die Fantasie der Menschen beflügeln, kommen immer mehr aus Computerspielen und Filmen, zumal Blockbuster sehen immer mehr wie Computerspiele aus.Ja schon, das ist auch bedauerlich. Aber anderseits haben die Leute dadurch wieder mehr Sehnsucht nach der Realität. Sachen wie Reality-TV werden plötzlich spannend, weil man nicht weiß, wie es ausgeht, und weil es passiert und nicht gemacht wird.Sie haben in den Achtzigerjahren Musikvideos mit den größten Popstars gedreht. Madonna, Prince, Bruce Springsteen. Wie sind Sie dazu gekommen?Bei Madonna lief es über den Regisseur James Foley, mit dem ich einen Film gedreht hatte. Der war mit Madonna und ihrem damaligen Mann Sean Penn befreundet. Im Falle von Bruce Springsteen lief es ähnlich. Das hat großen Spaß gemacht.Welche Clips sind von Ihnen?Madonna mit "Papa don't preach". Das ist mein erfolgreichster Film überhaupt, was die Zuschauerzahlen betrifft. Springsteen mit "Born in the U.S.A.", "I'm on Fire", "Glory Days". Da haben wir uns nette, kleine Geschichten ausgedacht.Muss ein Kameramann musikalisch sein?Oh ja. Musikalität und ein Gefühl für Rhythmus ist eine ganz wichtige Voraussetzung für diesen Beruf.Sind Sie ein guter Tänzer?Ja, bin ich.Standard oder eher lateinamerikanisch?Als junger Mensch habe ich mit meiner Schwester Turnier getanzt, vor allem Tango.Es heißt, Martin Scorsese lässt während der Dreharbeiten laut Musik am Set laufen, um eine besondere Atmosphäre zu schaffen.Das stimmt. Bei "Good Fellas" stand die Musik vor dem Dreh fest, für jede einzelne Szene. Er hat dann in vielen Einstellungen die entsprechenden Songs dazu gespielt. Das gibt den Schauspielern ein gutes Gefühl für den Rhythmus. Eine tolle Sache.Sie haben die Ära Bill Clinton komplett und die Zeit von George W. Bush noch fast komplett in Hollywood miterlebt. In welcher Weise beeinflusst eine Präsidentschaft die Filmsprache?Ich war natürlich ein Feind von Bush. Ich habe diese ganze Ära gehasst, von Anfang an. Ich halte seinen Einmarsch in den Irak für ein Verbrechen. Ich wünsche mir bis heute, dass Bush mal vor ein Kriegsgericht gestellt wird. Er hat dieses Land überfallen, ohne Grund. Und er hat Amerika ruiniert.Und wie ist das mit dem Einfluss ...?Einen direkten Einfluss gibt es nicht. Natürlich sind in der Bush-Zeit Filme entstanden, die eine reaktionäre Absicht verfolgen. Aber die gibt es immer. Es ist nicht so wie in einem totalitären Staat, dass eine bestimmte Richtung vorgegeben wird.Wer dreht solche reaktionären Filme?Das ist opportunistisch gedacht. Es gab in der Bevölkerung eine Zeit lang sehr viele Anhänger von George Bush. Das darf man ja nicht vergessen. Aber eigentlich war Hollywood nie auf der Seite von Bush.Welchen Einfluss hatte der 11. September?Es gab ein Innehalten. Man wollte nicht gleich wieder draufhauen mit Gewalt und Kriegsfilmen. Aber das ging schnell vorbei. Ein Großteil der Amerikaner will immer wieder den gleichen Film sehen. Es muss den Guten und den Bösen geben und der Gute muss gewinnen. Das sind kulturell verankerte Schemata. Und wenn man dann einen Film wie "Departed" macht, in dem die Guten am Ende erschossen werden, sind die Leute schockiert.Martin Scorsese hat für diesen Film dann endlich den Oscar bekommen, nach etlichen vergeblichen Anläufen.Der Oscar ist Hollywood, auch für einen Mann wie Scorsese. Wenn man ihn hat, läuft alles ein bisschen anders.Florian Henckel von Donnersmarck, der den Oscar für "Das Leben der Anderen" bekommen hat, ist er jetzt auch Hollywood?Nein, nein, der ist nicht Hollywood, obwohl er glaubt, er sei es. Ich bin kein großer Freund von ihm. Der Film ist gut, aber seine Haltung, diese Arroganz, gefällt mir nicht. Ich bin sehr gespannt, wie es mit ihm weitergeht. Eigentlich ist er zu bedauern. Gleich mit dem ersten Film einen Oscar zu gewinnen, ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Er sollte sich einen anderen Job suchen.Sie haben vor ein paar Jahren den Spielfilm "Primary Colors" gedreht, der sich mit dem Wahlkampf der Clintons beschäftigt. In Barack Obamas Kampagne wurde alles noch viel perfekter. Geht es wirklich nur noch um die Inszenierung?Es geht um Inhalte. Die Inszenierung wird überschätzt. Wenn sie gut ist, kann sie ein bisschen zum Erfolg beitragen. Barack Obama hat Charakter und das merken die Leute.Jetzt beginnt auch hierzulande der Wahlkampf. Mancher wird versucht sein, ein bisschen den Obama zu geben.Es geht nun mal nicht ohne Medien, ohne Fernsehen. Aber weder bei Angela Merkel noch bei Frank-Walter Steinmeier ist mit der Inszenierung viel zu machen.Bei Gerhard Schröder haben Sie mal etwas nachgeholfen. Für seine Neujahrsansprache wählten sie statt der drögen Bücherwand die Reichstagskuppel als Hintergrund. Auch das wird jetzt oft kopiert.Die hatten mich damals gefragt, ob ich so was machen würde. Warum nicht, ich mag den Mann und seine Politik. Das würde ich für Steinmeier auch tun.Sie haben sechzehn Filme mit Rainer Werner Fassbinder gedreht, sieben mit Martin Scorsese, einen mit Francis Ford Coppola. Der eine war kokainsüchtig, der andere hyperaktiv, der dritte manisch-depressiv, was haben Sie beim Filmen über das Leben gelernt?Ich habe gelernt, offen und flexibel zu sein, zu begreifen, dass es viele Wahrheiten gibt, dass man sich auf die Menschen einstellen muss und auch kann. Andere Ideen zu haben ist nichts Böses.------------------------------Michael BallhausGeboren 1935 in Berlin, verlebt Michael Ballhaus Jahre seiner Kindheit im fränkischen Coburg. Er arbeitet als Fotograf, entdeckt jedoch bald seine Leidenschaft für bewegte Bilder.1955 darf er den Regisseur Max Ophüls bei den Dreharbeiten zu dessen Film "Lola Montez" beobachten und will Kameramann werden. Nach einer Fotografenlehre beginnt er als Assistent beim Fernsehen, bevor er zum Kinofilm wechselt.Rainer Werner Fassbinder wird seine wichtigste künstlerische Bezugsperson. Mit ihm dreht er siebzehn Filme, darunter "Die Ehe der Maria Braun".Ab Mitte der 80er-Jahre arbeitet Michael Ballhaus fast ausschließlich in Hollywood. Seine Bildgestaltung fällt Martin Scorsese auf, dessen bevorzugter Kameramann er wird. Zu gemeinsamen Filmen zählen u. a. "Good Fellas" und "Departed - Unter Feinden".Seit seinem Rückzug aus Amerika ist Ballhaus vorwiegend als Dozent tätig. Zudem war er als Ko-Regisseur an dem Dokumentarfilm "In Berlin" beteiligt, der am 14. Mai in die Kinos kommt.------------------------------Foto

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