Nur der Gestank aus dem Stadtgraben fehlt und die Geräusche: Hundegebell vielleicht, Hämmern, Sägen, das Prasseln eines Feuerchens unter der Kochstelle und natürlich die menschlichen Stimmen. Komplett rekonstruieren kann man die Stadt Mainz von 1450 nicht, aber das Naturhistorische Museum verschafft mit seiner Ausstellung "Gegossen - Gedruckt - Gebunden" Einblicke in einige Handwerke, nämlich die an der Herstellung eines gedruckten Buches beteiligten. Es war eine mühselige Arbeit. Johannes Gutenberg bekam den Stoff für seine Erfindung ja nicht geliefert: die Bleilegierung beispielsweise, aus der er seine einzelnen Lettern goss, die man zu Wörtern, Sätzen und Buchseiten zusammensetzen konnte. Heute lässt sich angesichts der großartigen Qualität der auf uns gekommenen Erbschaft aus Gutenbergs Druckerei nur vermuten, dass bereits er eine Legierung aus Blei, Antimon und Zinn für seine Drucktypen herstellte, wie sie bis heute in den letzten Gießstätten verwendet wird. Er brauchte aber auch Eisen für die Prägestempel und Kupfer für die Matrizen, die in das Gießgerät eingesetzt wurden. Aus welchen Bergwerken Gutenberg das Material bezog, weiß man heute nicht mehr.Druckfarbe aus der Apotheke Im Naturhistorischen Museum sind all die Gewerke in geschickten Andeutungen von mittelalterlichen Handwerkerhäuschen dargestellt: die Werkstatt der Papiermacher, die ihre Bogen noch aus reinen Lumpen herstellten; die Werkstätten der Seiler und Schreiner, die dem Buchbinder die Stricke, Fäden und hölzerne Buchdeckel lieferten; eine mittelalterliche Apotheke, in der man die Zutaten zur Farbmischung bekam, weil die Bücher damals von Buchmalern illuminiert und von Rubrikatoren ausgezeichnet wurden, die ihre Farben noch selber mischten; und natürlich der Buchbinder selbst. Außerhalb der Stadtmauern wohnten die Gerber, die Tierfelle so lange bearbeiteten, bis sie Einbandleder und das teure Pergament daraus gewannen. Auf dem Hof des Gerbers wachsen Radieschen in Paradeformation, aus der strohgedeckten Bauernkate gucken eine freundliche Kuh und ein imposanter Ziegenbock, der auf einem Blatt herumkaut, Gans und Ente gehen spazieren, auf dem Dach der Werkstatt spielen zwei Ratten Fangen mit einem Steinmarder. Man bewohnte damals noch gemeinsam das Häuschen, trennte nicht zwischen Stall und Wohnung, und bevor der Mensch fror, hatte er immerhin noch etwas animalische Wärme.Diese Ausstellung ist sicherlich die munterste in Mainz, die anregendste, die den größten Spaß macht. Man tut gut daran, erst hinterher ins Gutenberg-Museum zu gehen, weil man nun erst den Aufwand einzuschätzen vermag, den ein jedes Buch damals verlangte, sei es mit der Hand geschrieben oder gedruckt, und weil man die hier liegenden Schätze jetzt noch mehr würdigt. Noch zuvor aber lohnt ein Besuch des Druckladens, gleich neben dem Museum. Die Bleisetzerei ist recht umfangreich, und man kann hier unter Anleitung von Fachleuten praktischen Einblick nehmen in die Sprache und das Regelwerk der schwarzen Kunst.Nun aber ins Gutenberg-Museum; es war lange geschlossen und Spottobjekt der Mainzer im Gutenbergjahr, die sich noch über andere Einfälle ihrer Verwalter ärgern, aber dazu später. Die lange geplante Vorbesichtigung für die Presse musste kurzfristig auf den Tag der Eröffnung verschoben werden, und mancher Mainzer höhnte, dass man doch seit einhundert Jahren vom diesjährigen Jubiläum wisse. Bis zum letzten Moment wurde vor dem Museum der Baustaub weggeschrubbt. Derzeit und bis zum Herbst sind in vier Museen Sonderausstellungen unter dem übergreifenden Titel von Gutenbergs Geheimunternehmen "Aventur und Kunst" zu sehen, die Leben und Kunst des Mittelalters darstellen.Was gibt es im Gutenberg-Museum? Erstens ist es ziemlich dunkel wegen der lichtempfindlichen Stücke. Und zweitens ist es langweilig, es ist ein Expertenmuseum, hie und da leicht aufgehübscht. Es steht zu befürchten, dass das Museum eine Schulklassenquälanstalt wird und somit Vorurteile zementiert, Bücher und Geschichte seien langweilig. Im Untergeschoss stehen technische Geräte herum, Druckpressen, Gießgerät. Hat der Besucher Glück, wird ihm von zwei Männern in mittelalterlicher Kleidung das Drucken vorgeführt an einer Presse, die der von Gutenberg ähnlich sein soll. Man weiß allerdings nicht, wie diese Presse aussah, die Angaben sind recht ungefähr. Spezielle Fragen beantworten die Herren mit rasch angelerntem Unfug. Im Berliner Museum für Verkehr und Technik kann man aber sogar selber an einer ähnlichen Presse drucken, unter Anleitung von Setzern und Druckern.Die anderen Etagen sind gefüllt mit Dokumenten und Druckwerken, wozu über neunzig Leihgeber beigetragen haben. Natürlich liegen da viele Stücke, vor denen auch den Laien der Respekt vor der handwerklichen und künstlerischen Leistung packt, aber eine Idee außer der des Einsammelns von Druckkunst und der Darstellung des heutigen Forschungsstandes zu Leben und Werk Gutenbergs hat es wohl nicht gegeben. Das reicht nicht, um dem Anspruch zu genügen, Gutenbergs Erfindung und deren Bedeutung zu erklären. Im Hauskino wird ein Filmchen vorgeführt, das nur stehende Bilder zeigt und Gutenberg erklärt. So stellt man sich medial animierte Schulmeisterei vor.Kugeln in den Rhein Direkt ärgerlich sind die Eingriffe des Designers. Wenn einen schon nur Glaskästen angähnen, dann möchte man die Stücke doch auch sehen. Um nun die Bedeutung der beiden papiernen Gutenberg-Bibeln des Mainzer Museums herauszustellen, hat man sie auf einer riesigen Platte mit 180 Feldern in überdimensionierte hohe Vitrinen gelegt. Didaktischer Gedanke: Ungefähr 140 Bibeln hat Gutenberg zwischen 1452 und 1454 auf Papier gedruckt und 40 auf Pergament. Heute sind noch 49 dieser Bücher, vollständig und fragmentarisch, vorhanden, nur vier davon auf Pergament. Auf 49 Feldern sind also die Orte notiert, an denen die Bibeln heute zu finden sind. Die beiden Vitrinen mit den Mainzer Bibeln wurden nun nicht direkt am Rand der Platte aufgestellt, der Betrachter muss stattdessen einen Meter weit davor stehen bleiben und Stielaugen kriegen.Ohnehin sind die beiden Mainzer Bibeln nicht die schönsten, das --- (Fortsetzung auf Seite 12 von Seite 11) --- Solms-Laubach-Exemplar ist nur grobschlächtig illuminiert. Jede Bibel nämlich ist nach dem Druck je nach Geldbeutel des Käufers individuell verziert und gebunden worden. Und die prächtigsten Bibeln liegen in Paris, London und Washington. Die Universitätsbibliothek Göttingen besitzt eines der vier Pergament-Exemplare - und macht eine eigene Ausstellung im Gutenberg-Jahr.Den größten Unmut bei den Mainzern verursacht der Gutenberg-Pavillon, der ihnen von der Stadtverwaltung ans Ufer des Rheins gestellt wurde, ein gläserner Container, bei Dunkelheit in grellen Neonfarben leuchtend. Ein in der Tat hässlicher Quader, in dem man eher die Verwaltung des daneben liegenden Rummels vermutet als die Verwirklichung guter Ideen. Hier gibt es kurzzeitig wechselnde Ausstellungen zu sehen, und nachdem in der Eröffnungsschau im Januar für acht Mark Eintritt nur Plakate und Poster vom Straßenrand gezeigt wurden, heißt jetzt eine studentische Ausstellung "Gutenbergs Technik und die multimediale Welt". Vier Wochen lang werden hier selbst gebaute Traktoren auf einer Tischplatte per Internet ferngesteuert. Denn, so die Begründung, womit würde sich der Kommunikationsdesigner Gutenberg heute befassen? Eben. Am Abend der Eröffnung funktionierte allerdings nicht viel, die Reden verstand man nicht, weil eine laut plappernde Installation sich nicht abschalten ließ. Und am Tage nach der Eröffnung funktioniert fast nichts. Nicht die virtuelle Druckerei und nicht die Videoinstallationen, dafür fegen die spät erschienenen Studentinnen erst mal aus, und der Traktorfahrer zündet sich eine Zigarette an und ist verlegen, weil er die Codewörter für die Computer nicht weiß und nichts vorführen kann. Als Zeichen für das Ganze kann ein mit Plastikkugeln gefüllter Automat stehen. Man wirft eine Mark rein und bekommt dafür eine Kugel. Darin liegt ein Zettel mit einer Internetadresse. Man wirft die Kugel in den Rhein. "Der Finder/Teilnehmer ist gleichzeitig Medium und Mitautor des Inhalts. " Welchen Inhalts?MAINZ Gutenberg-Jahr // Museen: Gutenberg-Museum, Landesmuseum, Dom- und Diözesanmuseum, Naturhistorisches Museum, Di-So 10-17 Uhr, Karfreitag alle Museen geschlossen, Gutenberg-Pavillon Di-So 10-20, Do 10-21 Uhr Weitere Ereignisse und spezielle touristische Angebote unter Telefon 06131-126664.Im Internet unter www. gutenberg. de Die Göttinger Bibel auszugsweise unter www. gutenbergdigital. de