Vor vierzig Jahren wurde die Bevölkerung der Chagos-Inseln vertrieben - wegen der US-Militärbasis Diego Garcia: Atoll der Bomber

PORT LOUIS. Von ihrer Heimat sind Charlesia Alexis nur Erinnerungen geblieben. "Es gab immer genug zu essen und zu trinken, Mangel kannten wir nicht", sagt die über 70-Jährige. "Außer unseren Kleidern mussten wir nichts kaufen, alles war umsonst." Fische gab es im Überfluss, und an Land spendeten Kokospalmen Schatten und Früchte, die man nur aufheben musste. Es klingt nach Paradies, und so sieht Diego Garcia, die größte der Chagos-Inseln, wo Alexis geboren wurde, auch aus.Auf Fotos schlagen Wellen in eine sanft geschwungene Bucht aus weißem Sand, in der Ferne blitzen Korallenriffe. Doch seit fast vierzig Jahren haben die Inseln keine Bewohner mehr, jedenfalls keine einheimischen. Vor fast vierzig Jahren wurden die letzten der etwa 2 000 Chagossianer, rund 500 Familien, vertrieben. Von der Kolonialmacht Großbritannien.Langer Kampf um die HeimkehrOlivier Bancoult war vier Jahre alt, als er seine Heimat, die Chagos-Insel Peros Banhos, zum letzten Mal sah. "Meine Eltern sind 1968 überstürzt aufgebrochen, weil meine Schwester dringend im Krankenhaus von Mauritius behandelt werden musste", erzählt er, während er im Hafen von Port Louis, der mauritischen Hauptstadt, sitzt. "Sie haben alles zurückgelassen, sie dachten ja, wir kämen wieder." Doch weder Olivier noch seiner Familie ist es jemals erlaubt worden, heimzukehren. Als die Eltern die Schiffspassage zurückbuchen wollten, teilte ihnen der Zahlmeister mit, das sei unmöglich. Die Inseln seien verkauft worden, an die USA, um eine Militärbasis zu bauen, teilte der Mann den Eltern mit. Für sein Recht auf Rückkehr kämpft Bancoult bis heute.Die Basis auf Diego Garcia, der größten Chagos-Insel, ist bis heute einer der größten US-Militärstützpunkte der Welt. Von der strategisch günstig gelegenen Insel werden Luftangriffe auf Afghanistan, den Irak oder Pakistan geflogen.Lindsey Collen, eine auf Mauritius lebende Schriftstellerin, hat die Vorgeschichte der Militärbasis untersucht. Mit Hilfe von Dokumenten aus Archiven und persönlichen Gesprächen belegte sie, wie die USA und Großbritannien Anfang der 60er-Jahre gemeinsam den Plan schmiedeten, der die Inselbewohner enteignen sollte. "Die USA wollten unbedingt eine unbewohnte Insel im Indischen Ozean haben, um von dort aus den Nahen Osten und die Ölrouten kontrollieren zu können", so Collen. Die Armeeführung entschied, Diego Garcia sei am besten geeignet. "Die Briten haben gesagt: Kein Problem, wir gründen einfach eine neue Kolonie, die wir Mauritius nicht mit in die Unabhängigkeit geben." Der mauritischen Regierung im Wartestand setzten die Briten ein Ultimatum: Entweder schnelle Unabhängigkeit ohne Chagos-Inseln, oder gar keine. "Das war nicht nur illegal, sondern verstößt gegen die UN-Charta", ärgert sich Collen.Von 1965 an wehte über den Chagos-Inseln die Flagge der "Britischen Territorien im Indischen Ozean". Diego Garcia wurde kurz danach an die USA verpachtet, auf zunächst 50 Jahre. In einem Brief an die britische Regierung forderte die US-Armeeführung, die Insel sei zu "räumen und danach zu säubern". Die Briten stoppten alle Versorgungsfahrten zu den Inseln.Wie Olivier Bancoults Familie strandeten viele ungewollt auf Mauritius, andere flohen. "Den Sturköpfen setzten sie ein Fanal", sagt Collen: "Hunde, die auf Diego Garcia praktisch zur Familie gehörten, wurden zusammengetrieben und vor den Augen der Bevölkerung vergast." Fortan ging die Angst um: Blieben sie, geschähe das Gleiche mit ihnen, fürchteten die Menschen.Dass Leute wie Collen oder Bancoult die Machenschaften vom Ende der Kolonialzeit Stück für Stück aufgedeckt und belegt haben, war nicht vorgesehen. Wäre alles nach Plan gegangen, wäre kein Chagossianer jemals in der Lage gewesen, sich zu wehren. Im November 1971 wurden die letzten Vertriebenen am Kai von Port Louis abgeladen. Sie hatten eine lange Reise im Frachtraum hinter sich, wo sie auf einer Ladung von Vogel-Exkrementen, die als Dünger verschifft wurden, schlafen mussten. Viele starben auf der Reise, vor allem Kinder.Auf Mauritius, so erinnert sich Olivier Bancoult, ging es den Überlebenden kaum besser. "Ich bin wie die meisten in absoluter Armut aufgewachsen, es ist ein Wunder, dass ich eine Schulausbildung bekommen habe." Die meisten Vertriebenen lebten und leben bis heute in den ärmsten Vierteln von Port Louis. Die wenigen Häuser, die die Regierung den orientierungslosen Insulanern anbot, waren bei Unruhen kurz vor der Unabhängigkeit weitgehend zerstört worden und dienten als Ziegenställe. Es gab weder Wasser, Strom, noch Sanitäranlagen. Die 14 Bancoults schliefen in einem dieser Ein-Raum-Häuser in Schichten, weil für alle gleichzeitig kein Platz war. Bis heute geht es vielen so."Wir kamen von einer Insel, wo wir alle in Frieden lebten, niemand litt Not", beschreibt Bancoult den Kulturschock. "Hier gab es kein Geld, keine Jobs für uns, keine Chance, ein besseres Leben zu führen. Stattdessen gab es Drogen, Alkohol, Prostitution." Sein Vater war auf Peros Banhos nicht nur Fischer gewesen, er versorgte die ganze Inselbevölkerung auch täglich mit frischem Brot. "Hier in Mauritius hat er einen Schlaganfall erlitten, gleich an dem Tag, als man ihm gesagt hat, er könne nicht zurück", erinnert sich Bancoult. Zwei Jahre später war der Vater tot. Danach tranken sich zwei Brüdern zu Tode, ein anderer starb an Herzversagen. Bancoults Schwester brachte sich um, wie viele Vertriebene. "Sie alle sind an der Trauer gestorben, ihre Heimat verloren zu haben", sagt Bancoult.Er hat die Rückkehr auf die Chagos-Inseln zu seiner Lebensaufgabe gemacht, das hatte er seiner kämpferischen Mutter Rita versprochen, die schon Anfang der 70er-Jahre die ersten Proteste vor der britischen Botschaft in Port Louis organisierte. Besonders ungerecht findet Bancoult, der als Bürger einer Kronkolonie einen britischen Pass hat, dass das Betreten von Diego Garcia und den anderen Inseln nur Chagossianern verboten ist. "Auf Diego Garcia leben Amerikaner, Philippiner, Singapurer, selbst Briten. Nur wir dürfen unseren Geburtsort und die Gräber unserer Vorfahren nicht besuchen." Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, so Bancoult, verbrieft das universelle Recht jedes Menschen auf Rückkehr in seine Heimat. "Es ist mein Geburtsrecht, das gebe ich nicht her."Im Jahr 2000 errang Bancoult seinen ersten Sieg vor Großbritanniens Oberstem Gerichtshof. In drastischen Worten bestätigten die Richter, dass die Ausweisung der Inselbevölkerung illegal war. "Damals dachten wir, wir könnten zurück", sagt Bancoult wehmütig. Doch die Labour-Regierung unter Tony Blair nutzte das Jahrhunderte alte Recht des Königlichen Edikts, um die Rückkehr zu verbieten. Das Parlament wurde auf diese Weise ausgeschaltet. 2007 verurteilte ein Berufungsgericht diese Methode als Machtmissbrauch und forderte das Rückkehrrecht der Chagossianer ein. Doch das britische Oberhaus widersprach letztinstanzlich, angeblich aus Kostengründen.Bancoult gibt dennoch nicht auf. "Wir haben bereits eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht", sagt er, "und wir bereiten einen Fall für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vor, denn das, was die britische Regierung uns angetan hat, ist ohne Zweifel ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."------------------------------Chagos-ArchipelLage: Mitten im Indischen Ozean, gut 500 Kilometer südlich der Malediven und 1 400 Kilometer nordöstlich von Mauritius, liegt der Chagos-Archipel, eine Gruppe von Atollen mit mehr als 60 Inseln, von denen einige nur bei Ebbe zugänglich sind.Geschichte: 1786 erhob Großbritannien Anspruch auf die Anfang des 16. Jahrhunderts von Vasco da Gamaentdeckten Inseln. Spätestens seit dem 17. Jahrhundert war diegrößte Insel, Diego Garcia, mit 27 Quadratkilometern Fläche, sowie die Inseln Peros Banhos und Salomon besiedelt. Die Einwohner waren madagassischer, mosambikanischer, indischer und französischer Herkunft. 1965 wurden die Chagos-Inseln zum Britischen Territorium im Indischen Ozean erklärt. 1971 wurden die letzten Bewohner vertrieben, um Platz für eine Militärbasis zu machen.------------------------------Karte: Britishes Territorium, Chagos-Archipel, Diego Garcia------------------------------Foto: (2) Diego Garcia, die größte Insel des Chagos-Archipels, verfügt über einen weltweit einmaligen Naturhafen (l.). Vom Flugplatz aus starten amerikanische B-52- und Stealth-Bomber zu ihren Einsätzen (oben).------------------------------Foto: Der Vertreter der Chagos-Vertriebenen, Olivier Bancoult (im weißen Hemd) inmitten seiner Leute