Im November 1991 bekam der frühere Grenzübergang an der Friedrichstraße eine neue Bedeutung: Am Ort deutsch-deutscher Abschiede wurden plötzlich Begegnungen veranstaltet. Dort, wo einst versteckte Kameras hingen, wurden Lautsprecherboxen installiert, aus den schallisolierten Einzelzellen für unbequeme Grenzgänger wurden Toiletten für Besucher. Die frühere Schleuse ist seither der Eingang, an dem Eintrittskarten statt Pässe kontrolliert werden. Zum Jubiläum des Tränenpalastes sprach die "Berliner Zeitung" mit dem Gründer und Betreiber des Hauses, Marcus Herold.Erinnern Sie sich noch an die erste Veranstaltung am 30.11. 1991?Das war "Red, Hot and Dance", eine Benefizparty zum Welt-Aids-Tag. Nina Hagen war auch dabei. Es gab Liveübertragungen in 32 Länder. Das war ein grandioser Start. Sie hatten viel vor und kündigten auch eine Ausstellung zur Geschichte des Hauses an. Die war nie zu sehen. Stimmt, wir haben Zeitzeugen gesucht, aber es haperte an Zeit und Geld. Ich hätte gern mit dem Deutschen Historischen Museum zusammengearbeitet, aber die hatten keine Kapazitäten. Es kann ja nicht die Aufgabe einer privaten Veranstaltungs GmbH allein sein, aus dem Haus ein Museum zu machen. Wie kamen Sie auf dieses Haus?Ich bin schon als kleiner Junge oft in Ost-Berlin gewesen, um meine Oma und meine Tanten in Mahlsdorf zu besuchen. Später hatte ich auch Kontakte mit der Ost-Berliner Musikszene, etwa mit Feeling B. Also fuhr ich hin und her. 1987 war ich mit den Toten Hosen in Ost-Berlin, habe in einer Kirchengemeinde in Prenzlauer Berg ihr illegales Konzert auf Super-8 gefilmt. Ich war ja damals Videoproduzent. Abends um zwölf, als ich mit den Hosen wieder ausreisen musste, haben uns 150 Fans zum Palast gebracht. Und da flossen dann wirklich Tränen. Das war die letzte Begegnung mit dem Grenzübergang. Dann habe ich erst mal weiter Clips gedreht, mit Alphaville, Depeche Mode, Yellow, Shirley Bassey und so - dafür musste ich immer riesige, teure Studios anmieten. Im Frühjahr 91 habe ich auf meiner Suche den Tränenpalast wiederentdeckt. Ich bin reingeklettert und habe die Halle völlig zerstört vorgefunden, aber dieses transparente Haus faszinierte mich.Und da beschlossen Sie, dort Veranstaltungen zu machen?Ja, obwohl ich keine Ahnung davon hatte. Ich war ja mehr so Musikmanager und Videoproduzent. Aber ich hatte gehört, dass die Bahn das Haus abreißen oder als Blumenhalle vermieten wollte. Und das fand ich schade, also habe ich mich einfach bei der Deutschen Reichsbahn um das Haus beworben, eher scherzeshalber. Erstaunlicherweise bekam ich dann den Zuschlag. Da war ich selbst ein bisschen überrascht.Aber Sie haben sofort Ihre ganze private Erbschaft reingesteckt?Ja, einen sechsstelligen Betrag, den ich von meinem Vater geerbt hatte. Ich habe aber auch mein ganzes Privatvermögen reingesteckt. Denn ich wollte dabei sein, als die Stadt sich öffnete. Clubs wie das WMF waren ja brechend voll, diese Nachwende-Euphorie steckte mich an. Ich nahm sogar noch Kredite auf, auch bei meiner Familie. Da zahle ich heute noch zurück. Aber ich dachte, es kann nur gut gehen.Haben Sie es schon bereut? Also ich war damals sehr blauäugig. Ich kannte nichts von der Versammlungsstättenverordnung, wusste nichts über elektrische Anlagen, Notausgänge, Feuerschutz und den ganzen Kram. Außerdem habe ich als Existenzgründer, der ich ja war, keine Förderungen wahrgenommen. Mein größter Fehler war, privates Geld zu investieren, anstatt Investitionsmittel auszuschöpfen. Und mein zweitgrößter Fehler war, den Politikern nicht genügend hinterherzulaufen, also Lobbyarbeit zu betreiben, sie permanent mit Anträgen zu bombardieren, bei ihnen ein Bewusstsein für uns zu erzeugen. Mit dem finanziellen Risiko, dass ich allein trage, lebe ich seitdem in echter Spannung. Dennoch, bereut habe ich es nicht. Der Tränenpalast ist mein Schicksal, im positiven wie auch im negativen Sinne. Sie haben also weitergemacht ohne jede Unterstützung?Von der Kulturverwaltung haben wir in zehn Jahren insgesamt etwa 60 000 Mark Subventionen erhalten, es könnte auch weniger gewesen sein. Und als das Metropol Theater geschlossen wurde, stellte sie uns ein Jahr lang mietfrei Räume im Admiralspalast für unsere Büros zur Verfügung. Das war schon hilfreich.Wie haben Sie denn die verschiedenen Kulturpolitiker erlebt?Roloff-Momin hat mich einmal kurz empfangen, um mir zu sagen, dass er mich nicht unterstützen kann. Für Radunski waren wir eine Karteileiche. Und Stölzl hat sich auch nie für uns interessiert. Erst unter Frau Goehler hat sich die Situation geändert. Genauer gesagt kam Frau Ströver zu unseren Veranstaltungen: Sie hat wirklich meinen absoluten Respekt, weil sie sich nun als Staatssekretärin tatsächlich für das einsetzt, was sie Jahre vorher als kulturpolitische Sprecherin immer angeprangert hat. Jetzt hoffe ich nur, dass der Regierende Bürgermeister Wowereit ein anderes Verhältnis zur Kultur hat als sein Vorgänger. Aber, was hat man zu erwarten, wenn etwa Frau Griefahn kommen würde? Oder so was. Was sind denn Ihre Forderungen? Ich hätte gern Klarheit in dieser Endlosgeschichte: Es ging los mit den Restitutionsansprüchen. Die Rechte-Inhaber der Max-Reinhardt-Erben sollten als Ausgleich für das Deutsche Theater die Spreespitze bekommen. Von den Verhandlungen, die auch Teile unseres Geländes betrafen, haben wir nichts gewusst. Die Spreespitze wurde also rückübertragen und erst später bekamen wir etwas vom Bebauungsplan mit. Unser Biergarten war da schon dem Investor versprochen worden. Den Tränenpalast selbst möchte die Stadt gern haben, aber er gehört der Bahn AG. Da läuft noch das Rückübertragungsverfahren auf das Land Berlin. Das Land Berlin aber hat natürlich kein Interesse an dem Gebäude, weil es baufällig ist und seit 1993 auch unter Denkmalschutz steht. Damit es also nicht der Investor der Spreespitze bekommt, mussten wir selbst Kaufinteresse anmelden. Das habe ich gemacht. Da versprach man uns, dass wir ein Vorrecht auf das Gebäude haben. Das ist dem Liegenschaftsfonds übergeben worden. Jetzt wird der Kaufpreis ermittelt. Könnten Sie sich das Haus leisten?So einfach nicht. Allein, die Sanierungskosten belaufen sich auf drei bis vier Millionen Mark. Doch nun hat uns auch noch Frau Moessinger einen Strich durch die Rechnung gemacht, durch die Überschuldung des Tempodroms. Damit ist unsere Chance, den Tränenpalast möglicherweise mit einer Senatsbürgschaft zu kaufen, erheblich gesunken. Ich möchte das nicht weiter kritisieren. Frau Moessinger hat was geleistet und ist dabei gut gefahren. Bedauerlich ist nur, dass dadurch die Situation für die gesamte Szene äußerst kritisch ist. Dennoch freuen wir uns überhaupt, dass die Kulturverwaltung in den letzten Monaten eine positivere Einstellung zu uns hatte. Die Stadt könnte uns ja schon bei Verhandlungen unterstützen. Oder dem Investor ein paar Maßnahmen auferlegen. Wir sind ein Kulturbetrieb, der seit zehn Jahren ohne Subventionen existiert. Vielleicht könnte die Kulturverwaltung auch mal ihre Vergabepraxis neu ordnen.Hat Sie die Stadt noch nie mit ihren Entscheidungen überrascht? Doch, manchmal. Zum ersten Mal in zehn Jahren sind wir unter Frau Ströver für Bundesmittel berücksichtigt worden. 300 000 Mark liegen bereit, aber wir bekommen sie erst, wenn wir die anderen 300 000 auftreiben. Deshalb hoffen wir, im Dezember bei den Lotto-Mitteln berücksichtigt zu werden, von denen Herr Peymann gerade wieder sechs Millionen Mark bekam. Wie lange kann denn der Betrieb noch aufrechterhalten werden?Wir wollen durchhalten. Notfalls müssen wir anderthalb Jahre zumachen. Was soll s, da können wir dann versuchen, das Gebäude zu sanieren, vorausgesetzt wir kriegen die Finanzierung zusammen. Haben Sie jemals so etwas wie ein Konzept entwickelt?Ich will Kultur machen, keine Konzepte. Ich bin ein Autodidakt und entscheide viel aus dem Bauch. Ich habe mal als Fahrer angefangen und bin mit 18 zum Film gegangen, habe dort als Aufnahmeleiter und Requisiteur gearbeitet. Da wusste ich, ein anderes Business als Kultur gibt es für mich nicht.Wie viel Business braucht Kultur?Na sehr viel. Ich habe zum Beispiel noch Anteile in einer Werbe-Firma. Und ich werde sie wohl verkaufen müssen, um den Tränenpalast zu erhalten. Mein Anwalt hat mal gesagt, das wäre mein Lebenswerk. Ich hoffe, das wird es mal. Sonst drehe ich wieder Dokumentarfilme.Das Gespräch führte Abini Zöllner."Mein größter Fehler war, privates Geld zu investieren. Und mein zweitgrößter war, den Politikern nicht hinterherzulaufen. " Marcus Herold.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Zwischen Anarchie und Kommerz: Marcus Herold steckte sein Vermögen in eine ungewisse Zukunft, den Tränenpalast.