MADRID, im November. Er hört gerne Bach, sehr laut. In seinem Wohnzimmer hängen Bilder, die das Berliner Nikolaiviertel und die Museumsinsel zeigen. Ganz oben im Bücherregal stehen einige Bände Goethe, die von einer weißen Marx-Büste gestützt werden; er hat so vieles hier versammelt, was man in einem Appartement in der Altstadt von Madrid nicht erwartet. Einen Elefantensattel aus Indien, Wandteller aus Meissner Porzellan und einen großen alten Fernschreiber aus dem VEB Gerätewerk Karl-Marx-Stadt, den eine kleine Decke vor Staub schützt. All das gehört zum Leben des 70 Jahre alten Riccardo Ehrman, eines Sohnes polnischer Juden, der in Florenz geboren wurde, als Korrespondent für die italienische Nachrichtenagentur ANSA in New York, Neu Delhi und Berlin arbeitete ein Mann, der vor zehn Jahren einmal günstig in die Weltgeschichte eingegriffen hat. Er selbst aber sagt über seinen Anteil an den Ereignissen des 9. November 1989 in Berlin nur, dass er seine Arbeit gemacht habe. Oder er zitiert frei nach Oscar Wilde: Das Leben ist eine langweilige Viertelstunde mit einem einzigen guten Moment. "Mein bester Moment war die Pressekonferenz mit Schabowski", sagt Riccardo Ehrman. Er lacht dabei, weil so viel passiert ist in seinem Leben, und dann auch noch das. Das StichwortRiccardo Ehrman hat Günter Schabowski am 9. November 1989 im Internationalen Pressezentrum in Ost-Berlin nur eine Frage gestellt. Es war die Entscheidende. Schabowski holte seinen Zettel aus der Tasche, danach fiel die Mauer. So lässt sich der beste Moment des Journalisten Ehrmann beschreiben. Fast hätte er ihn verpasst, weil er an diesem Novembertag zunächst keinen Parkplatz vor dem Pressezentrum in der Mohrenstraße fand, weil er zu spät kam und kein Sitzplatz mehr frei war, weil Schabowski seine Wortmeldung lange übersah und die Pressekonferenz schon fast zu Ende war, als er um 18 Uhr 53 endlich seine Frage stellen konnte. "Ich heiße Riccardo Ehrman, ich vertrete die italienische Nachrichtenagentur ANSA, Herr Schabowski, Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass dieser Reisegesetzentwurf, den Sie jetzt vor wenigen Tagen vorgestellt haben, ein großer Fehler war?" Es war das richtige Stichwort.Riccardo Ehrman reicht ein altes Foto über den Wohnzimmertisch. "Da ganz vorne, das bin ich." Er ist gut zu erkennen auf dem Bild, ein leicht untersetzter Mann im Anzug, der einen Block in der Hand hält und sich Notizen macht. Er sitzt auf einer Stufe unter dem Podium, nur wenige Meter entfernt von Günter Schabowski. "Ich hatte nichts vorbereitet, ich wusste nicht, was passieren würde", sagt Ehrman. Nur etwas verärgert war er um 18 Uhr 53, als er endlich an die Reihe kam. Weil Schabowski wieder über den Entwurf des neuen Reisegesetzes geredet hatte, den die DDR-Führung drei Tage zuvor präsentiert hatte. Ein Gesetz, das immer noch eine Mauer war. Dreißig Tage im Jahr sollten die DDR-Bürger ins Ausland reisen dürfen, aber nur, wenn sie sich sehr viele Papiere und Stempel besorgt hatten.Es war eine sehr deutsche Angelegenheit, die den Italiener Ehrman wütend machte. "Es war so dumm, in dieser Zeit diese ganzen bürokratischen Schwierigkeiten einzuführen." Ehrman hatte durchaus Erfahrungen mit diesen Schwierigkeiten. Von Anfang an, seit dem ersten Tag, den er in der DDR verbrachte. Das war im Jahre 1976, als er seinen Posten in New York verließ, um nach Deutschland zu gehen. Die Agentur in Rom hatte ihn damals gebeten, nach Berlin zu ziehen. Vom Osten war eigentlich nicht die Rede."Die in Rom wussten damals nicht, was die Mauer tatsächlich bedeutet", erinnert sich Ehrman. Für ihn bedeutete es, nach Ost-Berlin zu ziehen, weil er ja als Chefkorrespondent über die gesamte geteilte Stadt schreiben sollte. Und aus Ost-Berlin durfte nur berichten, wer dort seinen Wohnsitz hatte. Ehrman zog an den Alexanderplatz, in die Karl-Liebknecht-Straße. Dann betrachtete er das Visum, das man ihm gegeben hatte. Es war nur für die Einreise gültig, nicht für die Ausreise. "Können Sie sich das vorstellen, Sie kommen als Journalist nach Berlin, sitzen im Osten und dürfen nicht in den Westen." So begannen Ehrmans Tage in der DDR. Er musste für sich die Grenze öffnen, er brauchte ein neues Visum. Er bekam es. "Ich bin dann jeden Tag in den Westen gefahren", sagt Ehrman.Er blieb bis 1982 in Berlin, dann schickte ihn seine Agentur nach Indien. Ehrman ließ sein Auto aus Berlin verschiffen und fuhr mit einem DDR-Kennzeichen durch Neu-Delhi. Das war sein Souvenir. Dass er den 9. November 1989 doch noch in der DDR erleben sollte, war ein Zufall. Sein Nachfolger in Berlin erkrankte 1985, die Zentrale in Rom rief Ehrman in Neu Delhi an und fragte, ob er wieder nach Berlin wolle. Ehrman sagte sofort Ja. Einige Wochen später fuhr er am Checkpoint Charlie vor, ein Grenzer erkannte ihn gleich. "Der hat nur gesagt: ,Ach, der Herr Ehrman ist zurück ." Mehr war tatsächlich nicht passiert. "Ich kam wieder in dieselbe Wohnung, ich sprach mit den selben Beamten, ich sah die selben Polizisten, es war die selbe DDR." Wenn der Journalist Ehrman eine heikle Frage hatte, sagten ihm Pressesprecher freundlich: "Kein Kommentar" oder "Sie verstehen doch, Herr Ehrman".Rom will es nicht glaubenEhrman kannte die deutschen Spielregeln längst. Er hielt sich meist daran, bis zum Abend des 9. November 1989, als er seit fast einer Stunde darauf wartete, endlich seine Frage stellen zu dürfen. Ehrman erinnert sich, wie er plötzlich den Satz hörte: "Jetzt geben wir das Wort an unseren italienischen Freund." Er glaubt noch heute, dass es eigentlich recht unhöflich war, Schabowski ins Gesicht zu sagen, dass das Reisegesetz Unsinn ist. "Das war doch unerhört, einen führenden Politiker der DDR so anzusprechen."Riccardo Ehrman lehnt sich in seinem Sofa zurück. "Vielleicht ist Günter Schabowski ja deshalb auch nervös geworden, vielleicht hat er deshalb einen Fehler gemacht." Schabowski redete und redete, und erst nach einigen Minuten sprach er den Satz: "Und deshalb, äh, haben wir uns entschlossen, heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR, äh, auszureisen." Ehrman rief Schabowski zu: "Ab wann?" Schabowski kratzte sich am Kopf. "Wann tritt das in Kraft", rief ein anderer Journalist. "Ab wann, ab wann", wollten nun alle wissen. Schabowski sagte die Worte "sofort" und "unverzüglich". Das war s.Ehrman rannte aus dem Saal. "Für mich war die Pressekonferenz zu Ende. Schluss. Die Mauer ist gefallen." Manche seiner deutschen Kollegen rätselten da noch, was Schabowskis Worte bedeuten sollten. Sie hatten durchaus Gründe dafür. Doch Ehrman raste aus dem Pressezentrum, rief in Rom an, gab seine Meldung durch, raste in die Karl-Liebknecht-Straße, setzte sich an seinen Fernschreiber aus dem VEB Gerätewerk Karl-Marx-Stadt und schrieb eine Meldung, die mit den Worten schloss: "La caduta del Muro di Berlino" der Fall der Berliner Mauer. Ehrman war verdammt stolz, die Tragweite der Worte Schabowskis sofort begriffen zu haben. Doch in Rom, in der Zentrale seiner Nachrichtenagentur, sagten "die Kollegen zunächst, ich sei verrückt geworden, hysterisch". Sie hielten seine Meldung einige Minuten zurück, dann erst gaben sie sie frei. "Wir hätten noch schneller sein können", sagt Riccardo Ehrman. Er hat seine Meldung nie korrigieren müssen. Doch seine eigene Rolle an diesem 9. November 1989, die relativiert er gerne. Ein wenig zumindest. Er findet es sehr amüsant, dass er, ein alter Journalist im Ruhestand, heute von jungen Journalisten befragt wird, wie er die Mauer zu Fall gebracht habe. "Ich habe es nicht getan", sagt er dann, "es ist so gekommen." Und die Frage, seine Frage? "Es war keine entscheidende Frage, es war eine entscheidende Antwort." Eine Frage zehn Jahre späterNatürlich gefällt es ihm, derjenige gewesen zu sein, dem Schabowski die richtige Antwort gab. Er ist ein Journalist, und alle Journalisten sind eitel, so wie Riccardo Ehrman. Er erzählt von einer Begegnung mit dem Schah von Persien Anfang der fünfziger Jahre in Rom. Der Schah war auf der Flucht vor Putschisten in seinem Land. Als der Aufstand scheiterte, war Ehrman der Erste, der dem Schah die Nachricht brachte: "Ihre Majestät, Sie sind wieder an der Macht." "Ehrman makes news happen", soll der Schah gesagt haben. Ehrman sorgt für Neuigkeiten. Gute Neuigkeiten. Er sieht sich nicht ungern so; und nun er erzählt er doch noch, dass ihn kurz nach dem Mauerfall ein japanisches Fernsehteam fragte: "Wie haben Sie es gemacht? Es war eine gute Frage."Am 9. November ist er in der Nacht zum Bahnhof Friedrichstraße gelaufen, er wollte sehen, ob die Grenzen tatsächlich offen sind. Und dort haben ihn die Menschen erkannt, weil Schabowskis Pressekonferenz ja live im Fernsehen übertragen worden war. "Er ist es", sagte jemand neben ihm auf der Straße. Dann ließen sie ihn hochleben, und er hat sich gefreut, so ein Journalist zu sein.Heute, zehn Jahre später, an einem Herbstnachmittag in Madrid, stellt er noch einmal eine Frage. "Was glauben Sie: Würden die Leute, die mich damals gefeiert haben, mich heute schlagen?" Er meint es ernst, denn er hat so vieles gehört über die Jahre nach dem Mauerfall. Dass es nicht funktioniere mit der Vereinigung, dass manche die Mauer gerne wieder hätten. Vielleicht, sagt Riccardo Ehrman, gibt er seinen alten Fernschreiber doch ins Museum. Irgendjemand müsste dann eine Plakette daneben aufhängen. Sechs Wörter würden genügen als Gravur: "La caduta del muro di Berlino". Sechs Wörter für Ehrmans besten Moment.