BANGUI. Frisch getünchte Triumphbögen überspannen die wenigen Straßen Banguis und verbreiten in der Landessprache Sango die Parolen, die sich das Volk zu Herzen nehmen soll. "Zo kwe zo" - Alle Menschen sind gleich. "Kwa na kwa" - Arbeit ist das ganze Leben. Der Verfasser der Sprüche und Auftraggeber der Bögen starb heute vor zehn Jahren: Jean-Bédel Bokassa, der sich zwischen 1976 und 1979 als "Kaiser von Zentralafrika" verehren ließ. Sein Erbe aber ist bis allgegenwärtig.Zentralafrika ist ein armes Land, eines der zehn ärmsten der Welt. Sein Reichtum, die Diamanten, wird zum größten Teil von der korrupten Elite geklaut. Der Rest der 3,5 Millionen Bürger muss sehen, wo er bleibt. Gegenüber vom Grand Café in der Hauptstadt hat eine Polizistin einen Baum mit Handtaschen behängt. Gefälschte Marken. Ihre Opfer haben die Wahl zwischen Bußgeld und Einkauf. Der Staat zahlt seine Gehälter selten pünktlich. Bangui liegt von 215 weltweit verglichenen Städten in punkto Lebensqualität auf Platz 213. In einigen Restaurants werden Pythonsteak und Antilopenpaté angeboten, sonst läge Bangui wohl auf dem letzten Platz.Wer Überfälle oder einen Sturz in die offenen Abwasserkanäle. vermeiden möchte, sollte im Dunkeln nicht herumlaufen. Auch das Bokassa-Stadion ist eine Ruine. Hier richtete der Herrscher 1977 nach dem Beispiel Napoleons für sich die Kaiserkrönung aus. 60 Mercedes-Limousinen ließ er einfliegen und 24 000 Flaschen Champagner. Er verpulverte den Staatsetat eines ganzen Jahres.Zwölf Jahre vor der Kaiserwerdung hatte Bokassa sich an die Macht geputscht und den Staat zu seinen Gunsten privatisiert: Holzhandel, Textilfabriken, Diamantenexport. Er war Minister für nahezu alle Ressorts und kontrollierte sogar die Autoschlüssel seines Fuhrparks persönlich. Als "Erster Bauer und Erster Unternehmer des Staates" bezeichnete er sich, als "Großmeister des Internationalen Ritterordens der Briefmarkensammler" und "13. Apostel Christi". Für seine Geliebten aus aller Welt errichtete er Paläste. Wo der Jetset verkehrte, ob in der Schweiz oder Frankreich, da besaß auch er ein Schloss.Von Bokassas Größenwahn hat sich sein Land bis heute nicht erholt, weder ökonomisch noch politisch. Seit der Unabhängigkeit gab es nur 1988 einmal einen demokratischen Machtwechsel, aber vier gelungene Putsche. Der jüngste liegt erst drei Jahre zurück und brachte einen Günstling Bokassas an die Macht: François Bozizé, den Bokassa 1969 zum jüngsten General aller Zeiten befördert hatte. Seinen Coup haben die Geberländer bis heute nicht verziehen, denn er verlief chaotisch, während die einstige Kolonialmacht Frankreich früher für einen geordneten Ablauf der Aufstände gesorgt hatte. Bozizés Soldateska dagegen marschierte in die Botschaften, schlug alles kurz und klein und bemächtigte sich der Wertsachen, nahm Handys, Computer, Bargeld mit.Die Bundesregierung hat schon vor sieben Jahren alle Hilfe eingestellt. Nur ein einsamer Waldexperte aus Walsrode hält die Stellung, er soll im GTZ-Büro das Licht ausknipsen, wenn er pensioniert wird. Seit Jahren hat sich keiner der zuständigen deutschen Botschafter in Kamerun mehr nach Bangui verirrt. Stattdessen führt ein etwas verwirrt wirkender Österreicher dort das Verbindungsbüro. Peter Weinstabel hat wohl zu lange in Bangui gelebt. "Wenn es knallt, müssen Sie sich halt ducken", sagt er auf die Frage nach den Risiken einer Überlandreise.Auf den 75 Kilometern von Bangui zu Bokassas Kaiserhof in seinem Geburtsort Berengo lauern fünf Straßensperren. Der Taxifahrer wird nervös und reicht schmuddelige Francs aus dem Fenster. Auf halber Strecke müssen alle aussteigen und einem der uniformierten Wegelagerer Rede und Antwort stehen. Er liegt in einem Bretterverschlag, die nackten Füße nah am Feuer. Ein Junge rupft ihm ein Hühnchen für das Mittagessen. Wo denn unser offizieller Auftragsschein sei, blafft er. Am Ende kassiert er 20 Dollar und schickt einen seiner Männer als Leibwache mit. Der nimmt neben dem Fahrer Platz, der Lauf seiner Kalaschnikow ist auf den Rücksitz gerichtet.Bokassa richtete in Berengo das größte seiner kaiserlichen Anwesen ein. Es sollte zugleich als Musterfarm dienen. Hier steht er noch heute, viereinhalb Meter hoch, in Bronze gegossen. Strengen Blickes schaut er auf die überwucherten Ruinen. Macaire Mbomba, Kommandeur der Gedenkstätte, weist auf die mit Plastikblumen geschmückte Grabstelle. Zweimal jährlich legt der Staatschef hier einen Kranz nieder. Die Regierung soll bei der Unesco angefragt haben, ob man Berengo nicht als Weltkulturerbe führen könne - damit Geld fließt zur Erhaltung des Ortes.Das wäre, sagen die Zentralafrikaner, dringend nötig, sonst sei bald nichts mehr übrig. Die Sonne im Stile Ludwigs XIV., die über dem Eingang aufragt, ist verrostet. Der Pool von Kaiserin Catherine ist ein Schlammpfuhl voller Entengrütze. Alle Dächer weisen Löcher auf. Als sie noch dicht waren, bewirtete Bokassa hier Staatsgäste. Manche weigerten sich jedoch, an der kaiserlichen Tafel Fleisch zu verzehren. Ihr Gastgeber scherzte gern, heute habe er mal wieder einen Oppositionellen grillen lassen.Tatsächlich sollen nach seinem Sturz 1979 im Kühlschrank eines seiner Paläste Dutzende Leichen gefunden worden sein. Doch "Papa Bok" wies den Menschenfresservorwurf immer als Propagandalüge der Franzosen von sich. "Glauben Sie wirklich, ein hochdekorierter französischer Offizier könnte Kannibale sein?", sagte der Weltkriegsveteran in einem Interview. Dass er Tausende Untertanen umbringen ließ, unter ihnen sein eigenes Enkelkind, das bestritt er nicht. Sieben Jahre saß er im Gefängnis, nachdem er 1986 aus dem Exil heimkehrte. Dann wurde er begnadigt.Im Nationalmuseum in Bangui finden sich nur ein paar Fotos und ein paar Möbel "aus der Kaiserzeit", wie Augustine Don-Ding, seit 30 Jahren Leiterin des Museums, die Bokassa-Ära nennt. "Ein Jammer, dieser Verfall", klagt sie. Alles von Wert sei gestohlen, verschwunden, verkauft. Dabei wachse das Interesse ständig, und sie könne den Schulklassen diese wichtige Zeit nicht anschaulich darstellen. Bokassas Mythos lebt fort. Offenbar sehnen sich viele Zentralafrikaner nach der vermeintlichen Größe seiner Epoche, einer Zeit, als sie noch nicht vergessen waren. "Das ist sein größtes Verdienst", sagen manche, "er hat unser Land bekannt gemacht."------------------------------Im Herzen des KontinentsDie Zentralafrikanische Republik ist ein Binnenland im Herzen des afrikanischen Kontinents. Obwohl das Land knapp doppelt so groß ist wie Deutschland, zählt es nur 3,5 Millionen Einwohner.Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 18,4 Jahren. 42 Prozent der Zentralafrikaner sind jünger als 15, nur vier Prozent älter als 64.Von 1 000 Neugeborenen sterben 86 noch vor ihrem ersten Geburtstag.Der Anteil des Ackerlandes beträgt nur drei Prozent. Die Verwüstung erfasst immer weitere Gebiete.Lesen und schreiben können 63 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen. 2005 wurden 9 000 Internet-Nutzer gezählt.------------------------------Karte: Zentralafrikanische Republik------------------------------Foto (2): Jean-Bédel Bokassa: mit Kaiserkrone ...... und als Bronzestatue in seinem Geburtsort Berengo.