BERLIN, 30. Oktober. Seine unvergesslichste Rolle hat er nie gespielt. Sollte sich aber jemals ein Regisseur den "Fänger im Roggen" vornehmen, dann müsste er seinem jugendlichen Hauptdarsteller sagen: "Spiel es wie River Phoenix." Der am Freitag vor zehn Jahren gestorbene Schauspieler verkörperte in seinen Filmen und in seinem kurzen Leben wie niemand sonst eine Mischung aus idealistischem Neo-Hippie, ziellos-romantischem Beatnik und drogenkaputtem Posterboy der Generation X. Immer kurz vor dem Nervenzusammenbruch, in Auflösung begriffen, hypernervös und gleichzeitig wie betäubt. Ein ewiges Kind, dem der Zustand der Welt, die Umweltzerstörung, die Ausnutzung anderer Lebewesen physische Schmerzen zufügten. Das konnte nicht gut gehen. So streng der Veganer, Tierschützer und Umweltaktivist River Phoenix mit sich und seinen Mitmenschen war, was eine gesunde, ökologische, friedliche Lebensweise anging, so konsequent unterlief er diese Ideale mit allen möglichen Arten von Betäubungsmitteln. Kurz nach seinem Tod stellte der Regisseur John Boorman die Frage, "warum River all diese Drogen nehmen musste". Samantha Mathis, Phoenix letzte Freundin und Filmpartnerin, gab die Antwort: "Er hatte so viel Mitgefühl für alles und jeden, dass es sein Herz belastete. Und er war obsessiv: Wollte er eine Artischocke, dann aß er zehn davon. So machte er das mit allem."Die genauen Umstände seines Todes sind unbekannt geblieben. Fest steht, dass River Phoenix am 31. Oktober 1993 vor dem "Viper Room", dem damals angesagtesten Club in Los Angeles, kollabierte. Zu dieser Zeit arbeitete der 23-Jährige gerade an dem bis heute unveröffentlichten Film "Dark Blood". Die Dreharbeiten sollen die Hölle gewesen sein: Die düstere Stimmung des zivilisationskritischen Psychodramas übertrug sich auf das Team, katastrophales Wetter machte das Filmen lebensgefährlich. "Jemand wird noch sterben bei diesem Dreh", soll Phoenix gesagt haben, kurz vor seiner letzten Reise zurück nach Los Angeles. Dass er dringend eine Auszeit von Hollywood brauchte, war River Phoenix bewusst: "Dark Blood" sollte das vorerst letzte Filmprojekt sein. Der begabte Gitarrist und Sänger, der bereits 1988 die Band Aleka s Attic gegründet hatte, arbeitete an einem Soloalbum. Danach wollte er eine unbestimmte Zeit mit seinen Geschwistern in Costa Rica verbringen, wo der Vater ein veganes Restaurant eröffnet hatte. "Die Idee war, dass sie eine Weile hier bleiben", sagt John Phoenix, "beim Kochen helfen, Musik machen, Obst ernten, vom eigenen Anbau leben, wie damals". Damals, etwa zwanzig Jahre vorher, lebte die Familie Phoenix schon einmal in ihrem eigenen, autarken Universum. Von New York quer durch Amerika bis nach Puerto Rico und Venezuela zog es das Hippiepaar John und Heart Phoenix mit den Kindern - neben dem Ältesten River, geboren am 23. August 1970 in Oregon, gab es da Rain, Leaf (heute Joaquin), Liberty und Summer. Man lebte in Kommunen, meist unter gleich gesinnten Anhängern der "Kinder Gottes", einer radikal-religiösen Sekte, die John 1974 den Titel des Erzbischofs für Venezuela und die Karibik verlieh. Schließlich lebte der Phoenix-Clan verarmt in Florida, bevor er 1979 gen Westen zog, um dem singenden Kinderduo River und Rain eine Karriere in Hollywood zu ermöglichen. Keine ganz normale Kindheit also für River Phoenix, deren Echo in den meisten seiner Rollen nachhallte. In "Mosquito Coast" spielte er sie fast nach. Da war er der rebellierende Sohn von Harrison Ford, den es als Aussteiger mit seiner Familie in den Dschungel treibt. Auch sonst waren seine Figuren meist suchende Rebellen auf der "Flucht ins Ungewisse" - so der Titel des Films, der ihm 1989 eine Oscar-Nominierung bescherte. Am besten war Phoenix als schlafsüchtiger Stricher in "My Own Private Idaho" an der Seite seines Freundes Keanu Reeves. In jedem Moment drohte er da, der Leinwand buchstäblich zu entschwinden. Der damals 21-Jährige spielte keinen Menschen, er spielte kalten Rauch. Die ohnmächtige und traurige Generation X hatte ihre perfekte Inkarnation gefunden. Nur einen legitimen Nachfolger gab es in den 90er-Jahren, und tatsächlich begann er seine Karriere mit Rollen, für die River Phoenix vorgesehen war. Es war Leonardo DiCaprio, bevor er mit dem Eisberg kollidierte."Er hatte so viel Mitgefühl für alles und jeden, dass es sein Herz belastete. " Samantha Mathis über River Phoenix.TRANSGLOBE/KAI-GLOBE Schauspieler, Veganer, Umweltaktivist: River Phoenix.