SAINT-NAZAIRE. Zehn Jahre nach der Apokalypse hätte nun wirklich Alltag einkehren können. Auf dem Meeresgrund ist kein Schweröl zu entdecken. Sand hat sich über den schwarzen Schlick geschoben. Die bei Nantes errichtete Fabrik zur Säuberung verseuchten Bodens hat ganze Strände recycelt. Zwischen Brest und Bordeaux sind Vogelbestand und Fischreichtum fast wieder so üppig wie vor dem 12. Dezember 1999. Ein Jahrzehnt nach dem Untergang des Öltankers "Erika" vor der bretonischen Küste hätte die schwarze Flut also durchaus dem Vergessen überantwortet werden können.Der Austernzüchter Alain Raimbaud hatte das geglaubt, ein rotwangiger Mann, der Gummistiefel trägt, die bis über die Oberschenkel reichen. In seinem Schuppen hinter dem Deich von Port des Champs beugt er sich über die frisch aus dem Meer gezogene Ernte, sortiert die Muscheln der Größe nach, verteilt sie auf Plastikstiegen.Auch der pensionierte Dockarbeiter Gilles Denigot hatte gedacht, zum Alltag übergehen zu können. 37 Jahre lang hat er im Hafen von Saint-Nazaire Fische oder Phosphate die Laderampen hinaufgeschoben. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen eilt er nach alter Gewohnheit in die Bar "Le Skipper", scherzt mit ehemaligen Kollegen, liest das Lokalblatt L'Ocean.Selbst der nicht zu Überschwang und Optimismus neigende Meereswissenschaftler Christophe Rousseau war zuversichtlich gewesen, das Kapitel "Erika" endlich abhaken zu können. "Das Meer ist eine wunderbare Waschmaschine", hatte der 55-jährige Franzose, der in Brest das Forschungszentrum für Unfälle mit Wasserverschmutzung leitet, kürzlich versichert. Die Brandung zerkleinere selbst die klebrigsten Klumpen. Auch habe der Mensch der Natur geholfen, sich des hochgiftigen, biologisch nicht abbaubaren Schweröls zu entledigen. 250 000 Tonnen verseuchten Sandes seien abgetragen und gesäubert worden.Berge teerähnlicher BrockenAber es soll einfach nicht sein. Anfang Dezember treibt erneut Schweröl an Land. 18 Küstenorte melden Verschmutzungen. Die Insel Noirmoutier, die Gemeinden Batz-sur-Mer, Saint-Brevin-les-Pins und Pornic sowie das westlich von Saint-Nazaire gelegene Seebad Pornichet trifft es besonders hart. Die Flut hinterlässt dort Berge teerähnlicher Brocken. Vor der Schwimmschule "Mickey" und den Wohnblöcken "Fregatte", "Neptun", "Algen" und "Wind" versperren Gitter und Absperrbänder die Treppen zum Strand. Feuerwehrleute und Helfer ziehen Ölkleidung und Handschuhe an, setzen die Schutzbrillen auf, greifen zu Zangen, sie klauben handtellergroße Klumpen auf und versenken sie dann in Plastikeimern. Bulldozer tragen den schwarzen Sand ab.Es ist nicht so, dass die Winterstürme das Öl der "Erika" wieder aufgewirbelt hätten. Die Brocken stammen von einem anderen Tanker, der auf hoher See seine Laderäume gereinigt hat. Rousseaus Forschungszentrum hat das herausgefunden. Auch wurden diesmal nicht 400 Kilometer französischer Atlantikküste unter schwarzen Fluten begraben, sondern 200 Kilometer mehr oder minder stark verschmutzt. Anstatt der 20 000 Tonnen, die 1999 aus dem Wrack der "Erika" flossen, haben Helfer gerade einmal zehn Tonnen eingesammelt, Aber es hat gereicht, um an das "Erika"-Trauma zu erinnern, um alte Wunden aufbrechen zu lassen.Wenn der Austernzüchter Alain Raimbaud heute über den Schaden spricht, könnte man meinen, er prangere eine Kindesmisshandlung an. "Schauen Sie diese Kleine hier an", sagt er, deutet auf ein verkrustetes Korn, das halb so groß ist wie der Nagel seines kleinen Fingers. Im Juli habe die Muttermuschel in einer milchigen Flüssigkeit Zehntausende von Larven ausgesetzt. Aus einer der Larven sei "die Kleine" hervorgegangen. Knapp fünf Monate alt sei sie nun und womöglich schon tot. Jede Auster, die von dem Schweröl auch nur ein Tröpfchen oder einen Krümel aufnehme, sterbe auf der Stelle. Nach dem Untergang der "Erika" habe er statt Muschelparks nur noch Friedhöfe verwaltet.In einem Anflug von Galgenhumor bittet Raimbaud vor dem neuerlich drohenden Austernsterben zum Leichenschmaus. Der 56-Jährige greift die größte Muschel im Korb, schiebt vorne rechts das Messer hinein, legt das Fleisch frei, schüttet etwas Salzwasser ab, reicht sie weiter, greift zur nächsten. "Lassen wir's uns schmecken", sagt er.Als der Dockarbeiter Gilles Denigot von den neuen Schwerölklumpen hört, muss er an das Weihnachtsfest in Turballe denken. Kurz vor Heiligabend war er 1999 mit seiner Frau Sylvie in dem Seebad nordwestlich von Saint-Nazaire angekommen. Die Häuser mit den hübschen Schieferdächern, die Kiefern, der von Holzzäunen gesäumte Weg durch die Dünen: Alles war wie immer gewesen. Nur der Strand war anders. Pechschwarz glänzte er in der Wintersonne.Sylvie Denigot streifte Gummistiefel, Atemmaske und Handschuhe über. Bis zum Abend befreite sie ein Stück Strand von der klebrigen Kruste. Etwa so groß wie die Küche daheim in Saint-Nazaire war es. Am nächsten Morgen war die Bucht wieder ein durchgängiges schwarzes Band. "Wir haben geweint, alle beide", erzählt Gilles Denigot und presst die Lippen zusammen. "Es war, als habe jemand das Schweröl über uns Menschen ausgekippt. Wir fühlten uns so allein, so hilflos, so erniedrigt." Gilles Denigot zog aus diesen Eindrücken Konsequenzen. Er schloss sich den Grünen an, und er stieg in die Regionalpolitik ein. Im Regionalrat, wo Vertreter von fünf Departements überörtliche Angelegenheiten regeln, warnte der 61-Jährige davor, am 12. Dezember offiziell des Untergangs der Erika zu gedenken. Das würde nur an alte Wunden rühren, sagte Denigot. Jetzt hat irgendein Tankerkapitän, Reeder oder Ölkonzern diese Wunden neu aufgerissen.Auch der Meereswissenschaftler Christophe Rousseau wird in diesen Tagen von Erinnerungen eingeholt. "Als 1999 die schwarze Flut kam, musste ich fast rund um die Uhr Auskunft und Halt geben", berichtet er. "Dabei fühlte ich mich selbst von den Ereignissen überrollt. Als Mensch kommst du dir in der Katastrophe klein vor, bist nur noch traurig."Die Suche nach Schuldigen gestaltete sich schwierig. Wer hatte es zu verantworten, dass die schrottreife und obendrein überladene "Erika" in Dunkerque Anker lichten durfte, dass sie auf dem Weg nach Italien auseinanderbrach? Zehn Jahre danach liegt immerhin offen zutage, was sich in den letzten Tagen und Stunden vor dem Untergang des Tankers zugetragen hatte.Mit 30 800 statt der zugelassenen 28 000 Tonnen Schweröl an Bord verlässt die 24 Jahre alte "Erika" am 8. Dezember 1999 kurz vor Mitternacht den nordfranzösischen Hafen. Bei Windstärke zehn und bis zu 14 Meter hohen Wellen zeigen sich am 11. Dezember gegen Mittag erste Risse im rostigen Rumpf. Das Schiff bekommt Schlagseite.Um 14.08 Uhr funkt der Kapitän SOS, nimmt den Notruf aber wieder zurück, als es der Mannschaft gelingt, das Öl in andere Tanks zu pumpen und die Schieflage deshalb langsam abnimmt. Am Nachmittag meldet der Kommandant dem Geschäftsführer des italienischen Reeders, die "Erika" beginne zu bersten. Um 18.32 Uhr geht die gleiche Nachricht an den Frachteigner, den Ölkonzern Total. Zweieinhalb Stunden später erfährt die Küstenwache in Brest von der Entwicklung.Am 12. Dezember weiten sich die Lecks aus. Gegen vier Uhr früh klaffen bis zu drei Meter lange und 15 Zentimeter breite Risse im Rumpf des Tankers. Um sechs Uhr setzt der Kapitän einen neuerlichen Notruf ab. Für die Bergung der Besatzung kommt er noch rechtzeitig. Die "Erika" aber bricht um 8.10 Uhr auf der Höhe von Kap Penmarc'h vor der bretonischen Küste auseinander.Das ist zumindest der Sachverhalt, den ein Pariser Gericht ermittelt hat, bevor es am 16. Januar 2008 entschied, dass alle schuld sind: der italienische Eigentümer der "Erika", Giuseppe Savarese, der von schludrig ausgeführten Reparaturarbeiten wusste; die Techniker des italienischen Schifffahrtsregisters Rina, die der "Erika" Seetüchtigkeit bescheinigt hatten, und der Ölkonzern Total, der den Tanker gechartert hatte. Gemeinsam haben sie 192 Millionen Euro Schadensersatz zu zahlen.Juristisch aufgearbeitet war die Ölkatastrophe damit noch nicht. Offen geblieben ist die Frage, ob die Verursacher der schwarzen Flut auch zur Kasse gebeten werden können, wenn sie zwar die Natur zerstört, nicht aber wirtschaftlichen Schaden verursacht haben.Begründen eine vergiftete Möwe, ein an verklebtem Gefieder zugrunde gegangener Reiher Schadensersatzpflichten? In erster Instanz hatten die Richter das bejaht und damit juristisches Neuland beschritten. Total hat das Urteil angefochten. Dem Ölriesen geht es weniger ums Geld als ums Prinzip. Von den gemeinsam mit den anderen Schuldigen aufzubringenden 192 Millionen Euro hat der Multi 170 Millionen bereits bezahlt.Die Staatsanwaltschaft, aber auch Nebenkläger wie die Liga zum Schutz der Vögel (LPO), halten dagegen. Auch ihnen geht es ums Prinzip. Guy Bourles von der LPO Nantes will in der Rechtsprechung verankert wissen, dass ein der Natur zugefügter Schaden finanziell auszugleichen ist.Die Fauna habe sich von der schwarzen "Erika"-Flut bis heute nicht erholt, sagt Guy Bourles. Mehr als 150 000 Seevögel seien verendet. Die Zugvögel seien weniger geworden, drei Seetaucherarten nicht mehr an Frankreichs Atlantikküste zurückgekehrt. Der Bestand der Lummen habe sich nicht erholt. Am 30. März 2010 wird das Urteil des Berufungsgerichts erwartet.Lückenhafte Kontrollen"Haben Sie einmal Öl aus dem Gefieder eines sterbenden Seevogels gekratzt?", fragt Denigot. Der ehemalige Dockarbeiter hofft, dass er es in seinem Leben nie mehr tun muss. Mut macht ihm, dass die Politik Tankerkatastrophe für Tankerkatastrophe nachgebessert und die Sicherheitsstandards erhöht hat. 1978 sank die "Amoco Cadiz", 1999 die "Erika", 2002 die "Prestige". Die EU hat Konsequenzen gezogen. Neue Tanker müssen heute eine doppelte Schutzwand aufweisen. Wenn ein Schiff den mehrfach verschärften Sicherheitsanforderungen nicht genügt, kommt es auf eine schwarze Liste und darf keinen europäischen Hafen mehr anlaufen.All dies sei erfreulich, aber leider noch immer zu wenig, glaubt Gilles Denigot. Die Kontrollen seien lückenhaft, die Sicherheitsstandards oft nur Worte auf Papier. Anders als die USA hätten die Staaten Europas bisher keine koordinierte, lückenlose Überwachung ihrer Küsten zustande gebracht. Die Meeresanrainer improvisierten vor sich hin, viele mit unzureichenden Mitteln.Beim Anblick der neuerlich angeschwemmten Ölbrocken sei ihm, sagt Denigot, klar geworden, dass jederzeit eine schwarze Flut über Frankreich hereinbrechen könne. Statt des erhofften Vergessens wäre das die Wiederkehr der Apokalypse.------------------------------DER UNTERGANGVier Tage zuvor hatte das von Rost zerfressene Schiff mit 30 800 Tonnen Schweröl an Bord den nordfranzösischen Hafen Dunkerque Richtung Italien verlassen. Zugelassen war die "Erika" für eine Fracht von 28 000 Tonnen.In einem Strafverfahren erhebt die Staatsanwaltschaft 2004 Anklage gegen den Ölkonzern Total, den Schiffseigner und das italienische Schifffahrtsregister Rina.Vier Jahre später werden die Angeklagten schuldig gesprochen und zu einer Geldbuße von 375 000 Euro wegen Meeresverschmutzung und einer Entschädigungszahlung von 192 Millionen Euro verurteilt.------------------------------Karte: Frankreich. Unfallort 60 km vor Penmarc'h. Tankerunglück vor der Bretagne 1999Foto: Freiwillige säubern im Januar 2000 einen Strand in Sables d'Olonne vom Öl. Tausende Vögel leiden.Foto: So sank die "Erika" im Dezember 1999. Der italienische Tanker, der unter maltesischer Flagge fuhr, war zuvor schlampig gewartet worden. Außerdem war das rostige Schiff stark überladen in See gestochen.