Ausgerechnet Günther Jauch! Es war auf den Tag genau vor vier Jahren, als der Moderator mit Klaus Wowereit das Finale einer großen Woche inszenierte. Ein Boulevardblatt hatte gerade erste Teile seiner Autobiografie veröffentlicht, bei einer Signierstunde war es zum Massenandrang gekommen und in einem Interview hatte der Regierende Bürgermeister festgestellt, Deutschland sei reif für einen schwulen Bundeskanzler. Bei der Buchvorstellung in Berlin führten die beiden dann einen amüsanten Tanz um die K-Frage auf. Jauch wollte von Wowereit ein weiteres Outing hören: "Ich will Kanzler werden - und das ist auch gut so." Den Gefallen hat Klaus Wowereit ihm nicht getan.Mag sein, dass Günther Jauch sich daran erinnerte, als er ihn vor ein paar Tagen zu seiner Talksendung am Berliner Wahlabend einlud. Wowereit sagte zu. Die Gefahr, dass der Auftritt vier Stunden nach Schließung der Wahllokale peinlich werden könnte, sah er offenkundig nicht. Die Meinungsforscher prognostizierten einen sicheren Wahlsieg und seine Herausforderin Renate Künast hatte die Talkrunde bereits abgesagt. Wowereit überlegte nur noch, ob ihn die Sendung vom Feiern abhalten würde. "Dann mach ich bei Jauch halt den Schröder", alberte Wowereit mit Vertrauten herum. Es war eine Anspielung auf die legendären Ausfälle des Ex-Kanzlers gegen die Wahlgewinnerin Angela Merkel und sollte wohl heißen: Die ersten Gläser kann ich auch vor der Sendung trinken.Dass es etwas zu feiern geben würde nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr, daran hatten die Sozialdemokraten keinen Zweifel. Die Wahlparty in der Berliner Kulturbrauerei war schon im Vorfeld ausgebucht, ein paar Prozente mehr oder weniger würden die gute Laune nicht beeinflussen. Das Ziel galt als erreicht: Die Hauptstädter erteilten Klaus Wowereit zum dritten Mal hintereinander einen Regierungsauftrag. Das ist mehr, als die Partei noch vor zwei Jahren hätte erwarten können.2009 waren die Berliner Sozialdemokraten in einem erbärmlichen Zustand. Im September erhielt die SPD bei der Bundestagswahl mit 20,2 Prozent noch weniger Stimmen als die Partei bundesweit und wurde sogar von der Linken eingeholt. Acht Jahre nach der Regierungsübernahme von Wowereit habe die Berliner SPD völlig am Boden gelegen, gibt Parteichef Michael Müller heute unumwunden zu. Damals habe er arge Zweifel gehabt, ob sie als Volkspartei überleben könne.Eine kleine Gruppe von Strategen machte sich auf, nach einem Neuanfang zu suchen. Wowereits Bürochefin Jessica Wischmeier war dabei, sein Grundsatzreferent Björn Böhning, SPD-Landesgeschäftsführer Rüdiger Scholz. Sie saßen nächtelang zusammen und schrieben stapelweise Papiere. Am Ende stellten sie eine Mappe zusammen, auf deren Vorderseite "Drehbuch für den Wahlsieg" stand. Wowereit bekam das zentimeterdicke Dokument Ende 2009 mit in den Urlaub. Er habe es gründlich durchgearbeitet, erinnert sich einer aus der Gruppe. In diesen Ferien in Afrika habe er beschlossen weiterzumachen.Im Januar wurde die Essenz des Drehbuches auf fünf Seiten zusammengefasst. Müller und Wowereit legten es bei einer Fraktionsklausur in Eisenach vor. Die von Schröders Harz IV-Reformen und der rot-roten Sparpolitik genervte Basis war einigermaßen zufrieden. Der Kernsatz lautete: "Jetzt im Jahr 2010 machen wir uns auf den Weg in die dritte Etappe sozialdemokratischer Regierungsverantwortung für Berlin." Privatisierungen und Etatkürzungen sollten der Vergangenheit angehören, die SPD besann sich auf alte Werte. "Arbeit, Bildung, soziale Gerechtigkeit", lautete die Überschrift.Die Sozialdemokraten wollten auch mehr für ihre Politik werben, an der Spitze der Senatschef. Wowereit, der als lustlos galt, wurde auf eine Tour durch die Bezirke geschickt. Auf Tuchfühlung mit den Berlinern sollte er wieder Spaß bekommen, und siehe da, es funktionierte. Auch die Medien nahmen verwundert zur Kenntnis, wie gut er noch ankam. Die Grundlage für die Wowi-Show 2011 war gelegt. Als die Grünen später Renate Künast ins Rennen schickten und voll auf die Person und ihre Rolle als Herausforderin setzten, fühlten die Strategen sich bestätigt: Die SPD würde einen reinen Bürgermeister-Wahlkampf machen. Einen Wahlkampf, in dem sich Wowereit behutsam von der Linkspartei distanzieren würde.Wowereit sagte kein einziges Mal, er würde am liebsten mit der Linkspartei weiterregieren. Er hob die Bilanz des Senats hervor, aber Lob für seinen Wirtschaftssenator Harald Wolf kam ihm nicht über die Lippen. In einem der letzten Interviews vor der Wahl wurde Wowereit mal wieder nach möglichen Koalitionen gefragt. Er würde auch mit der Linken weitermachen, antwortete er betont milde, "aber leider wird es dafür nicht reichen".Wowereit und Müller sind zufrieden, wie es gelaufen ist. Der Parteichef erzählt neuerdings, wie er bei fast jeder Wahlveranstaltung gehört habe: "Ich wähl' euch noch mal, aber nun muss neuer Schwung her." Damit wollte er wohl sagen, dass sich das Ende von Rot-Rot quasi von selbst ergeben hat, entschieden durch die Wähler. Nach zehn Jahren gemeinsamer Sache mit der Linkspartei würde die SPD die Kollegen nicht vom Hof jagen müssen, sondern kann sie mit Sekt verabschieden. Die Basis für einen Neuanfang ist gelegt. Nun geht es darum, einen neuen Senat zu bilden, mit neuen Schwerpunkten und neuem Personal. Keiner der bisherigen SPD-Senatoren, so ist zu hören, kann sich in dieser Lage sicher sein.Ab Montag sollen mit allen Parteien Sondierungsgespräche geführt werden, mit denen rechnerisch ein Zweier-Bündnis möglich ist. Auch wenn die Stimmung zwischen Rot und Grün sich im Wahlkampf weiter verschlechtert hat - eine Koalition mit der CDU wäre den Sozialdemokraten kaum zu vermitteln. Sicher ist kurz nach Schließung der Wahllokale aber nur eins: Wowereit und die SPD haben fünf weitere Jahre Zeit bekommen. Die Antwort auf die Frage, was sie damit anfangen wollen, steht noch aus.------------------------------IN KÜRZEZweitlängste Amtszeit: Mit seinem neuerlichen Sieg beginnt für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit die dritte volle Amtszeit. Damit bleibt er länger im Amt als manche bekannte SPD-Größe vor ihm. Doch selbst wenn Wowereit weitere fünf Jahre in Berlin regieren sollte:An Kurt Beck in Rheinland-Pfalz reicht er nicht heran. Beck ist seit 1994 Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, also bereits seit 17 Jahren.Zahlen geleakt: Im Internet kursierten schon vor 18 Uhr Prognosen zur Berlin-Wahl. Die Zahlen wurden am Sonntag auf Informationsdiensten wie Twitter verbreitet, nachdem im Netz kurzzeitig Medien-Darstellungen von ersten Prognosen zu finden waren. Dabei hatte es sich jedoch offensichtlich um Tests und technische Versehen gehandelt. Kurz nach dem Erscheinen wurden sie wieder von den jeweiligen Internetseiten genommen.Die Linke wird überholt: Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus unterscheiden sich die Ergebnisse zwischen Ost und West wieder deutlich. So ist die SPD im Ostteil und der Mitte der Stadt stärkste Partei, sie liegt auch in den Hochburgen der Linken vor dem bisherigen Koalitionspartner. Im Westteil Berlins liegt dagegen die CDU vorn. Einziger Bezirk, in dem die Grünen die meisten Zweitstimmen erhielten, ist erneut Friedrichshain-Kreuzberg.Henkels doppelte Niederlage: Der Spitzenkandidat der CDU, Frank Henkel, hat nicht nur - wie erwartet - das Rennen um das Amt des Regierenden Bürgermeisters verloren. Auch in seinem Wahlkreis in Berlin Mitte hat er das Direktmandat verfehlt.Erfolgreich war auch dort die SPD mit dem Politiker Thomas Isenberg.Duell der Zuwanderer: Im Wahlkreis 3 in Friedrichshain-Kreuzberg schickten in diesem Jahr gleich vier Parteien türkischstämmige Kandidaten ins Rennen um das Direktmandat im Berliner Abgeordnetenhaus. Es gewann der Grünen-Kandidat Turgut Altug vor Muharrem Aras von der SPD, Figen Izgin von der Linken und Ertan Taskiran (CDU).Ein Prozent für Stadtkewitz: Gescheitert ist die neue islamkritische Partei Die Freiheit des früheren CDU-Politikers René Stadtkewitz, für die im Wahlkampf auch der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders geworben hatte. Nur etwa ein Prozent der Wähler stimmten am Sonntag für die Partei, die Stadtkewitz vor knapp einem Jahr ins Leben gerufen hatte.NPD stärker als die FDP: Die rechtsextreme NPD hat zwar die Fünf-Prozent-Marke klar verfehlt, aber mehr Stimmen erhalten als die FDP.------------------------------Grafik: SPD Wähler nach AltersgruppenGrafik: Welcher Kandidat steht für wirtschaftlichen Sachverstand ?Grafik: Wecleh Partei steht für soziale Gerechtigkeit ?Grafik: Mit einem anderen Kandidaten als Renate Künast wäre das Ergebnis der Grünen..Als Dank bekommt Klaus Wowereit einen Wowi-Bären überreicht, den er sofort an seinen Lebenspartner weiterreicht."Wir kommen wieder." Harald Wolf, Spitzenkandidat der Linken"Ich bin einfach baff." Andreas Baum, Spitzenkandidat der Piratenpartei"Das ist ein gigantisches grünes Wachstumsjahr." Steffi Lemke, Grünen-Geschäftsführerin"Wir haben einen guten Tag für die Hauptstadt erlebt." Monika Grütters, CDU, Berliner BundestagsabgeordneteFoto: Wahlsieger Wowereit: Die Frisur hängt, der Bär auch. Und gleich geht's weiter zu Günther Jauch.