Zu den historischen Zäsuren, die sich nie im öffentlichen Bewusstsein verankert haben, gehört auch ein Verfassungsgesetz aus der Spätzeit des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation: Der "Reichsdeputationshauptschluss", verabschiedet heute vor zweihundert Jahren, am 25. Februar 1803. Die gotische Reichsverfassung, die er nochmals hatte modernisieren sollen, stürzte nur drei Jahre später ganz ein. Dennoch blieben seine Wirkungen für das Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts tief greifend. Vor allem der heutige Föderalismus und das Staatskirchenrecht sind von ihm geprägt.Am Ende des 18. Jahrhunderts schien es, als hätte Deutschland sich in seiner eigenwilligen politischen Form eingerichtet. Das Reich war gewiss kein moderner Einheitsstaat und wahrscheinlich nicht einmal ein reformfähiges, modernisierbares Gebilde. Juristisch zusammengehalten wurde es durch ein Konglomerat von Bestimmungen, die sich zu einer Art "Verfassung" addieren ließen, auch wenn sie nicht in einer einzigen Verfassungsurkunde verschriftlicht waren. Als der Reichsdeputationshauptschluss als letztes Reichsgrundgesetz 1803 dazu kam, lag darin eine doppelte Bezugnahme auf Frankreich, und die war problematisch. Die Revolution hatte dort 1789 ein neues Verfassungsverständnis hervorgebracht. Unter "Verfassung" verstand man nun nicht mehr jegliche rechtliche Einhegung der Herrschaftsausübung, wie es sie auch in der Vormoderne vielfach gab. Eine "Verfassung" sollte seither mehr sein: ein Dokument, das die legitime politische Herrschaft überhaupt erst hervorbrachte. An diesem Maßstab gemessen, hatte Frankreich eine Verfassung und Deutschland keine. Es war rückständig.Rechts für linksDoch von Frankreich ging nicht nur die Sogwirkung revolutionärer politischer Ideen aus, es bedrängte den Nachbarn auch ganz handfest militärisch. In Friedensschlüssen ließ es sich vom unterlegenen Deutschland dessen linksrheinische Territorien abtreten. Die Versammlung der Fürsten und Grafen des Reiches vereinbarte, dass eine interne Regelung getroffen werden müsse, wer unter ihnen wie dafür mit rechtsrheinischen Gebieten zu entschädigen sei. Eine Reichsdeputation wurde mit der Aufgabe betraut. Das Ganze fand in Regensburg statt, unter den Augen französischer Diplomaten und Offiziere. Allein hätte man es nie geschafft. Was die Reichsdeputation nach ihren Beratungen in der Form des Hauptschlusses vorlegte, war nichts anderes als eine Fürstenrevolution. Die Umgestaltungen im Gefüge der Reichsverfassung waren atemberaubend. Deutschland bekam ein neues Gesicht. Territorial und eigentumsrechtlich war es womöglich die größte Umschichtung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.Denn die Grundidee der Kompensation wurde mit energischen Schritten und schmerzlichen Schnitten durchgesetzt. Mediatisierung und Säkularisierung lauteten die Schlagworte; das erste meinte, dass bisher allein dem Kaiser untergeordnete Reichsstände nun der Hoheit eines Landesherren unterworfen wurden; das zweite die Eingliederung geistlicher Territorien unter weltliche Herrschaft. Von der Säkularisierung betroffen war ein Gebiet von 10 000 Quadratkilometern, für mehr als drei Millionen Menschen wechselte die Obrigkeit. Das Gebiet fast aller reichsunmittelbaren geistlichen Herrschaften wurde weltlichen Landesherrn zugeschlagen. 112 rechtsrheinische Reichsstände wurden aufgehoben. 41 Reichsstädte verloren ihre Reichsunmittelbarkeit, nur sechs blieben selbstständig.Das alles hatte System. Es ging nicht bloß darum, dass die Profiteure des Reichsdeputationshauptschlusses nach maximalen Gebietszuwächsen strebten (Preußen etwa erhielt ein Fünffaches des verlorenen); es ging vielmehr darum, dem Reich eine neue politische Architektur zu geben. Gerade den Mittelstaaten Baden, Bayern und Württemberg sollte Stabilität durch Größe verliehen werden. Währenddessen verlor das Reich selbst immer mehr an politischer und juristischer Bedeutung. Seine notorische Handlungsschwäche verschärfte sich. Wie eine Vorahnung des Kommenden erscheinen im Rückblick die Sätze des jungen Hegel von 1800: "Deutschland ist kein Staat mehr . Was nicht mehr begriffen werden kann, ist nicht mehr . das Ganze ist zerfallen, der Staat ist nicht mehr." Der politische Druck Frankreichs ließ auch nach 1803 nicht nach. Im Gegenteil: Napoleon war immer weniger geneigt, die Legitimität des Kaisers zu akzeptieren. Unter seinem Druck schlossen sich 16 süd- und westdeutsche Fürsten zusammen, gründeten am 12. Juli 1806 den Rheinbund und erklärten schlankweg ihren Austritt aus dem Reich. Um den drohenden Zugriff Napoleons auf die Kaiserwürde zu verhindern, griff Kaiser Franz II. am 6. August 1806 schließlich zum letzten Mittel und legte die römisch-deutsche Kaiserkrone selbst nieder. Nach mehr als tausend Jahren gab es kein Reich mehr, welches bis dahin die Territorien überwölbt hatte. Erst nach einer Übergangszeit würde der Deutsche Bund ab 1815 wieder ein loses gemeinsames Band zwischen den politischen Einheiten im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts stiften.Reform von obenHistoriker haben immer wieder die nachhaltige Prägung eines föderalen Bewusstseins hervorgehoben, die durch diese Weichenstellungen verstärkt worden sei. In der Tat mussten sich nicht nur die politische Führungseliten, die Gelehrtenwelt und auch die einfachen Bürger in kleinräumigen Territorialstrukturen zurechtfinden. Das hat allerdings, wie man heute auch aus der EU weiß, in seiner Vielgestalt durchaus Vorteile und ist nicht nur eine Verlustgeschichte. Doch die eigentliche Modernisierungsleistung des Reichsdeputationshauptschlusses lag darin, dass er in einer Phase, da die Deutschen selbst eine nachhaltige politische Umgestaltung nach dem Muster von 1789 ablehnten, eine Reform von oben bescherte: Das hergebrachte System der "wohlerworbenen Rechte" war ausgehebelt und eine politische Flurbereinigung durchgesetzt, die manche Beobachter als Umsetzung von "Staatsnotwendigkeiten" würdigten. Denn die geistlichen Fürstentümer waren schon im 18. Jahrhunderts zu Relikten einer überkommenen Ordnung geworden. Statt das Seelenheil zu fördern, sollte das Kirchenvermögen nun dazu dienen, den aufstrebenden Territorien bei der Erfüllung ihrer Staatsaufgaben zu helfen. Unsentimental entriss der Staat der Kirche die Territorien aus der politischen Verantwortung. Das Verfassungssystem des Alten Reiches hatte sich unter äußerem Druck ebenso urplötzlich säkularisiert wie auch die Kirche durch diesen revolutionären Akt entweltlicht wurde. Staat und Kirche waren nun irreversibel und sichtbarer denn je getrennt. Das würde auch nach dem Ende des Alten Reichs so bleiben und auch die folgenden politischen Systemwechsel überdauern."Das Ganze ist zerfallen, der Staat ist nicht mehr. " G. W. F. Hegel, 1800.DEUTSCHES HISTORISCHES MUSEUM Das Reich von 1803, in einer Karte von 1810 (Ausschnitt)