In seinen "Betrachtungen über das Feigenblatt" von 1991, steht Taboris Nachruf von eigener Hand, in einem Satz und in Großbuchstaben:"ICH FREUE MICH, IHNEN ANZUZEIGEN, DASS ICH SONNTAGNACHT STARB, WIE ICH GEBOREN WURDE, NUR ANDERS HERUM, IN DEN ARMEN UND BEINEN MEINER GESEGNETEN CORDELIA, MIT EINEM KRAMPF ZURÜCKKEHREND IN DEN INTIMSTEN ALLER FAMILIENKREISE, STECKENGEBLIEBEN WIE EIN HUND, ABER ENTSTÖPSELT IM LEICHENSCHAUHAUS, AUF DASS ICH VERBRANNT WERDE, EINE ALTE FAMILIENTRADITION, VERSTREUT NICHT IN AUSCHWITZ, SONDERN AUF IRGENDEINER PASSENDEN BÜHNE; UM KEINE EINZIGE VORSTELLUNG ZU VERSÄUMEN."Auf der Bühne des Berliner Ensembles am Montagabend, vorn in der Mitte der rote Ohrensessel George Taboris, darauf sein Schal, die Kopfbedeckung, der Gehstock. Auf solch einem Stuhl saß der Regisseur bei den Vorstellungen seiner Inszenierungen, auf der Bühne im abgedunkelten Teil, seinen Schauspielern zusehend. Die Theaterleute dachten, Tabori wolle einmal auf der Bühne sterben, der Heimat des Fremdlings in Deutschland.Gestorben ist er in der Spielzeitpause, und er ist schon begraben. Das Programmblatt der Trauerfeier, zur Spielzeiteröffnung nachgeholt, zeigt ein Bild, aufgenommen am 12. Juni, als George Tabori zum letzten Mal im BE war. Der 93-Jährige im roten Ohrensessel. Schmal, zart, umweht, vollendet. Eine geistige Erscheinung. Ein Greis, natürlich. Aber darin etwas jünglingshaftes.Im Halbkreis hinter dem Sessel sitzt ein Viertelhundert Schauspieler, Regisseure, Dramatiker, ein Politiker. Ganz vorn rechts die Witwe Ursula Höpfner. Es sind in der Reihenfolge des Auftretens Claus Peymann, Therese Affolter, Gerd Kunath, Christina Drechsler, Axel Werner, Senta Berger, Robert Wilson, Sunnyi Melles, Burghart Klaußner, Cornelia Froboess, Felix von Manteuffel, Andrea Breth, Veit Schubert, Maria Sommer, Peter Radtke, Klaus Wowereit, Jutta Ferbers, Jürgen Flimm, Michael Verhoeven, Hermann Beil, Carmen-Maja Antoni, Tankred Dorst, Manfred Karge, Boris Jacoby, Angela Winkler, Walter Schmidinger. Das Halten von Reden hatte Tabori nicht gewünscht, so wurden seine Texte gelesen, gespielt, gesungen, die Manuskripte im leeren Sessel abgelegt. Verschiedenes, aus verschiedenen Büchern. Zusammengestellt. Pointierte Texte. Natürlich war der bekannte Bericht über die heilsame Ohrfeige zu hören, von der Leinwand von Tabori selbst, die das Kind György in Budapest vom Vater für die unzulässige Verallgemeinerung erhielt: Alle Rumänen sind schwul. So etwas wie "die Rumänen" gäbe es gar nicht.In einem Nebensatz fügte Tabori an: Seitdem konnte ich auch "die Deutschen" nicht mehr denken.