Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Albert Meyer, will spätestens Mitte Dezember von seinem Amt zurücktreten. "Wahrscheinlich mache ich es aber schon heute", sagte Meyer der Berliner Zeitung. Heute Abend tagt das Gemeindeparlament. Mit dem überraschenden Schritt Meyers steht die Gemeinde vor einer Zerreißprobe. An der Spitze werden wohl erstmals osteuropäische Zuwanderer die Macht übernehmen.Die heftigen Auseinandersetzungen im Gemeindeparlament und hinter den Kulissen haben seit dem Frühjahr zugenommen. Ohnehin gilt die Gemeinde als streitsüchtig. Die bislang so erfolgreiche und von Meyer initiierte Liste "Kadima" zerbröckelt. Persönliche Beleidigungen, sogar Handgreiflichkeiten in aller Öffentlichkeit, Untersuchungsausschüsse, Misstrauensanträge wechseln bei jeder Zusammenkunft ab - für Unbeteiligte mit kaum zu durchschauenden gegenseitigen Vorwürfen. Auch für die heutige Sitzung steht wieder ein Misstrauensantrag gegen Meyer auf der Tagesordnung. Der fünfköpfige Vorstand ist handlungsunfähig. Bislang hatte Meyer stets versucht, die Gemeinde würdig nach außen zu vertreten. Das halten ihm selbst Widersacher zugute.Doch Meyer gelingt es nicht, den Vorstand in den Griff zu bekommen. Zuletzt gab es zahlreiche Rücktritte. Einer der Vizechefs, Fredy Gross, gab auf. Wenig später erklärte das Vorstandsmitglied Dan Moses seinen Rücktritt. So haben die Widersacher Meyers nach einer Sondersitzung des Parlaments in der letzten Woche im Vorstand die Mehrheit erhalten. Zu den Gegnern gehört vor allem Vizechef Arkadi Schneidermann. Dem aus der Ex-Sowjetunion Stammenden ist es gelungen, den 33-jährigen Gideon Joffe und einen in der Öffentlichkeit völlig Unbekannten neu in den Vorstand zu hieven. Joffe ist zudem Nachfolger von Parlamentspräsidentin Sylva Franke. Die Grand Dame der Gemeinde hatte entnervt aufgegeben, nachdem Vorstandsmitglieder ihrem verstorbenen Ehemann unterstellt hatten, kein Jude gewesen zu sein - ein zuletzt gern erhobener Vorwurf gegen jede Menge Gemeindemitglieder.Spaltung der Gemeinde möglich"Was sich hier abspielt, schadet der ganzen Gemeinde", begründet Gross seinen Rücktritt. Ähnlich reagiert der bekannte Historiker Julius Schoeps. Den Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums erinnern die Parlamentsdebatten an eine "offene Psychiatrie". "Am sinnvollsten wäre es, wenn die Staatsaufsicht eingreift. Der Innensenator soll seiner Kontrollpflicht gegenüber einer Körperschaft des öffentlichen Rechts nachkommen", sagt Noch-Parlamentsmitglied Schoeps und plädiert wie Meyer für Neuwahlen.Selbst im fernen Düsseldorf macht sich Zentralratspräsident Paul Spiegel Sorgen um die Zukunft der Berliner Gemeinde. "Das Maß des Erträglichen ist weit überschritten", schrieb Spiegel schon in einem Brief im Frühjahr und hat danach seine Sorgen mehrfach schriftlich wiederholt. Spiegel, ausgesprochener Freund von Meyer, redet von einem "Trauerspiel".Wird es zu einer Spaltung der Gemeinde kommen? Julius Schoeps sagt "Ja". Beter aus Synagogen aus dem alten Westen überlegen bereits, sich als Synagogenvereine selbstständig zu machen und sich von den Zuwanderern abzukoppeln. Immer wenn Meyer in den letzten Wochen bei Großereignissen auftauchte, sprachen ihn sogar Bundespolitiker auf diese Gefahr einer Spaltung der Gemeinde an. Bei einem Treffen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Noch-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) unterstrichen diese - laut Meyer - die "primäre Pflicht der deutschen Politik, das so genannte deutsche Judentum zu fördern und deren Tradition zu wahren". Meyer nennt diese Haltung leicht sarkastisch eine "unrealistische Sachbeurteilung". Das Interesse am deutschen Judentum sei in der Gemeinde weitaus geringer als in der Gesellschaft. Meyer hält sich vorerst an die Sprüche Salomons. Da geht es um den Umgang der Menschen miteinander und die Einheit des jüdischen Volkes. Die will er verteidigen. So lange es geht.------------------------------Die EinheitsgemeindeDie Jüdische Gemeinde: Als Einheitsgemeinde, in der orthodoxe, liberale und reformorientierte Juden ihren Platz haben, gilt die Gemeinde als europaweit einzigartig. In sieben Synagogen werden Gottesdienste gefeiert.Mitglieder: Die Gemeinde zählt rund 12 000 Mitglieder. Rund 8 000 von ihnen sind als Zuwanderer aus der Ex-Sowjetunion seit Anfang der 90er-Jahre nach Berlin gekommen. Allenfalls ein Drittel der Mitglieder stammt noch aus dem alten Berlin. Vor der Shoah gab es in Berlin mehr als 170 000 Juden. 90 000 konnten emigrieren, nur 8 000 überlebten Verfolgung und Vernichtung durch die Nazis. Viele von ihnen kehrten nie wieder nach Deutschland zurück.Gemeindeparlament: Das Gemeindeparlament, die Repräsentantenversammlung, ist das wichtigste Gremium. Das Parlament mit seinen 21 Mitgliedern tritt einmal monatlich zusammen. Die Repräsentanz wird alle vier Jahre von den Gemeindemitgliedern gewählt.Vorstand: Das Parlament wählt den fünfköpfigen Vorstand, der Vorstand wiederum den Gemeindevorsitzenden.Heinz Galinski: Heinz Galinski hat jahrzehntelang bis zu seinem Tod 1992 die Gemeinde geführt. Galinski war auch Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland.Nachfolger: Seit dem Tod Galinskis hat es vier Nachfolger gegeben. Bis Sommer 1997 stand der Holocaust-Überlebende Jerzy Kanal an der Spitze. Dann übernahm Andreas Nachama, heute Direktor der Topographie des Terrors, den Vorsitz. Im April 2001 wurde Alexander Brenner gewählt - ein Ex-Diplomat. Bei vorgezogenen Neuwahlen im Winter 2003 gewann schließlich Albert Meyer. Der 58-Jährige ist Anwalt und Notar und repräsentierte erstmals den liberalen Flügel des Judentums.Zentralrat: Die Gemeinde entsendet Mitglieder in den Zentralrat der Juden in Deutschland. Vorsitzender Albert Meyer ist Mitglied des neunköpfigen Präsidiums des Zentralrates, sein Vize Arkadi Schneidermann gehört dem 27-köpfigen Direktorium des Zentralrates an.------------------------------Foto: Albert Meyer will nicht mehr: Der 58-Jährige gibt den Vorsitz der Gemeinde nach langen Querelen auf.