EDMONTON - Das Operation "Spaten" begann an einem Herbsttag im Jahres 2010. Der kanadische Undercover-Polizist Paul Krawczyk loggte sich in eine anonyme Webseite ein, gab sich als Kunde aus und lud Fotos auf seine Festplatte herunter. Darauf zu sehen: "Entsetzliche sexuelle Handlungen an Minderjährigen, so schlimm wie wir sie selten gesehen haben". So jedenfalls beschrieben es die Ermittler drei Jahre später bei einer Pressekonferenz in Toronto.

Krawczyk und seine Beamten wühlten weiter und entdeckten hinter der Webseite schließlich eine der größten kinderpornografischen Sammlungen, die Ermittler weltweit je zu Gesicht bekommen hatten. Die Sammlung umfasste Hunderttausende Fotos und Videos, die, hätte man sie aufeinander gestapelt, die Höhe von 1500 Fernsehtürmen erreicht hätte.

Nach wochenlanger Sysiphusarbeit konnten die Ermittler schließlich den mutmaßlichen Hintermann der Webseite ausfindig machen: Brian Way, den 42 Jahre alten Eigentümer des kanadischen Video-Händlers "Azov Films". Way war den Ermittlern schon Jahre zuvor als Besitzer eines Vertriebes für so genannte Naturalisten-Aufnahmen aufgefallen. Sie konnten ihn wegen fehlenden Beweismaterials aber nicht dingfest machen und Way tauchte unter.

Ritter und Cowboy

Auch diesmal hatte Krawczyk kein leichtes Spiel mit ihm. Immer wieder entzog sich Way dem Zugriff der Ermittler und lehnte auch regelmäßig "Bestellungen" ab, die die Polizisten unter Tarnung aufgegeben hatte. Im Mai 2011 aber war es dann soweit: Bei einer Razzia in Ways Privat- und Büroräumen in einem Industriegebiet im Westend von Toronto stellten die Beamten umfangreiches Beweismaterial sicher, darunter 500 Filme und knapp 300.000 Fotos.

Auf einigen der Aufnahmen sollen Kinder in eindeutigen sexuellen Posen zu sehen sein, etwa wie sie nackt Ritter und Cowboy spielen oder Sex miteinander haben. Wie sich später herausstellen sollte, stammten viele der Aufnahmen aus der Ukraine und Rumänien und waren vermutlich von Way selbst in Auftrag gegeben und dann weltweit vermarktet worden.

Die Ermittler fanden auch die internationale Kundenliste Ways, die nach einem Bericht des "Spiegel" womöglich auch Hinweise auf den SPD-Politiker Sebastian Edathy enthalten haben. Die Kunden sollen laut kanadischen Medien aus 50 Ländern gekommen sein, darunter auch aus Deutschland, Spanien, Mexiko und Australien. Sie alle sollen dem Kanadier einen Gewinn von mehr als vier Millionen Dollar beschert haben.

Operation "Spaten"

Die Kundenliste umfasste laut kanadischen Ermittlern unbescholtene Bürger, Lehrer, Priester, Polizisten, Ärzte, Pflegeeltern, Sporttrainer, Pfadfinder und sogar Journalisten. Die Kanadier gaben die Namen zunächst an die US-Behörden weiter, später an Interpol.

In den Folgemonaten kam es im Rahmen der Operation "Spaten" weltweit zu 384 Festnahmen, 108 waren es allein in Kanada. In Nordamerika wurden die Ermittlungen im Herbst 2013 abgeschlossen, in vielen anderen Ländern dagegen dauern sie noch an. Bislang 386 Kinder wurden im Rahmen der Ermittlungen aus den Fängen ihrer Schänder befreit, die allermeisten von ihnen in den USA und Osteuropa.

Brian Way sitzt derweil in Kanada in Untersuchungshaft und sieht sich 24 Anklagepunkten gegenüber. Dazu gehören die Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie der Besitz und Vertrieb von kinderpornografischen Material, das laut Ermittlern Kinder "vom Säuglings- bis zum Teenageralter" zeigen soll. In Kanada rechnet man damit, dass die Verfahren gegen den Häftling mit dem gepflegten Ziegenbärtchen Jahre dauern werden.