Dreißig Jahre lang zog Miroslav Tichy wie ein Landstreicher umher und fotografierte, jeden Tag mehr als 100 Aufnahmen: Frauenbeine, Frauen beim Sonnen, Frauen beim Einkaufen, Frauen im Park. Er fotografierte sie mit selbst gebastelten Kameras aus Glasscherben, Konservendosen, Bierdeckeln und Teer, entwickelte die Aufnahmen zu Hause selbst. So entstanden Unikate, denen man die Verweigerung der Technik ansieht. Unscharf, teils zerknittert und mit Fingerabdrücken und Flecken übersät, entwickeln sie eine eigene Magie, die den 1926 in Mähren geborenen Einsiedler als Greis zum Weltstar machten.Auch Shahin Afrassiabi durchstreift die Welt auf fotografische Weise. Doch er muss sich dabei nicht wie Tichy von Ort zu Ort bewegen. Zumindest nicht real, nur virtuell. Afrassiabi arbeitet mit gefundenem Material. Google Street View ist sein Sammelrevier, sein Finger auf der Landkarte. Wie bei Tichy sind Afrassiabis Motive Frauen. Frauen, die von der weltweiten Bildüberwachung nach dem Zufallsprinzip festgehalten wurden.Die dritte Ausstellung des im vergangenen Herbst gegründeten Kunstraums "Soy Capitßn" stellt die Fotografien der beiden Künstler gegenüber. Nach der Eröffnungsausstellung mit Collagen Maeghan Reids im Oktober und Gotcha Gosalishvilis selbst benanntem "Sozialbarock" Ende November gibt Galeristin Heike Tosun das Kapitänsruder nun an den 1963 in Teheran geborenen und mittlerweile in Berlin lebenden Afrassiabi weiter.Links die Street View entlehnten Aufnahmen Afrassiabis, rechts die verfärbten Schwarz-Weiß-Bilder Tichy. Beide führen an den Rand der Fotografie. Beide scheinen aus der Zeit zu fallen: Tich, der sich der Technologie verweigert, Afrassiabi, der sie als Zeichen des Hier und Jetzt an ihre eigenen Grenzen führt. Beide sind Voyeure und sie sind es nicht. Denn sie nehmen die Frauen zwar in den Fokus, bleiben aber auf Distanz. Die Objekte der Begierde verschwimmen, scheinen sich vor der Kamera aufzulösen.Was bei Tich die Unebenheiten an der sonst so glatten Fotooberfläche sind, ist bei Shahin Afrassiabi Programm, bewusste Mutation. "Ich wollte auf Abstand gehen zum Objekt", sagt er. Und so entfernte er sich noch einen Schritt weiter, als es die anonymisierten Zufallsaufnahmen von Google Street View schon tun. Er fokussiert die Abbildungen der Frauen, zoomt sie groß, isoliert sie und fotografiert die Ausschnitte dann am Bildschirm ab, mal mit Blitz, mal ohne. Die Aufnahmen erscheinen so doppelt entfremdet, zum einen durch die Schwächen der Google-Maschinerie, die sich an den Nahtstellen mit Dopplungen und Verschiebungen entblößt, zum anderen durch die Technik Afrassiabis, die Staub auf dem Bildschirm ebenso ausleuchtet wie verpixelt.Afrassiabi geht es nicht um Google Street View selbst. Er nutzt die Überwachungsbilder als Medium, sie bieten eine Sicht auf die Welt, aber vor allem eine Möglichkeit, diese abzuwandeln, zu entfremden. In der Gegenüberstellung mit Tichy anachronistischem Werk eröffnen die Fotografien so einen Dialog über Technologie, Entfernung, Zeit und deren Bedingtheiten. Soy Capitan, Friedelstr. 29 (Neukölln). Bis 5. 3., Mi-Sa 14-19 Uhr.------------------------------Foto: Straßenbild, wie aus der Zeit gefallen.