Für sein Schamgefühl zahlt der ehemalige VW-Personalchef Peter Hartz möglicherweise einen hohen Preis. Um zu verhindern, dass seine auf Konzernkosten finanzierten Vergnügungen mit Prostituierten im Prozess vor dem Landgericht Braunschweig zur Sprache kommen, hat er sich mit der Staatsanwaltschaft auf einen Deal verständigt: Die Ermittler nahmen den Prostituierten-Komplex aus der Anklage heraus, im Gegenzug legte Hartz die Karten auf den Tisch. Das genügte für eine Anklage wegen 44-facher Untreue gemäß Paragraf 266 Strafgesetzbuch und ("in Tateinheit") 23-facher Begünstigung von Betriebsräten gemäß § 119 Abs. 3 Betriebsverfassungsgesetz.Gehalt eines SpitzenmanagersDamit hat sich Hartz nicht nur peinliche Auftritte diverser Zeuginnen, sondern auch einen langen Prozess erspart. Das Landgericht Braunschweig hat für das heute beginnende Verfahren nur zwei Verhandlungstage angesetzt. Beobachter schließen nicht aus, dass das Urteil schon heute gesprochen werden könnte. Die Absprache dient nicht nur der Prozessökonomie, sie legt auch offen, worin der Kern des Schmiergeld-Skandals bei VW überhaupt bestand - im Kauf von Betriebsräten, also um die Ausschaltung der Mitbestimmung im Wege der Korruption. Gekauft wurde, der Anklage zufolge, von Hartz der damalige VW-Betriebsratschef Klaus Volkert, der von 1995 bis 2005 unberechtigt Sonderbonuszahlungen in Höhe von insgesamt 1,95 Millionen Euro kassiert haben soll. Weitere 400 000 Euro habe auf Hartz' Veranlassung Volkerts brasilianische Geliebte bezogen. Zur Abwicklung der Zahlungen habe sich Hartz des damaligen Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer bedient, den er angewiesen habe, sich gegenüber Volkert "großzügig und wertschätzend" zu zeigen.Der Prozess gegen Hartz ist nur der Auftakt des juristischen Nachspiels der VW-Schmiergeld-Affäre. Begonnen hatte sie mit Korruptionsvorwürfen gegen den ehemaligen Personalchef der tschechischen VW-Tochter Skoda, Helmuth Schuster. Schließlich waren 14 Beschuldigte ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten, unter anderem der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Uhl, gegen den vor wenigen Tagen ebenfalls vor dem Landgericht Braunschweig Anklage wegen Beihilfe zur Untreue und falscher eidesstattlicher Versicherungen erhoben wurde. Uhl soll unter anderem an Sex-Parties auf VW-Kosten teilgenommen haben.Juristisch und politisch interessant ist weniger die Anklage gegen Hartz wegen Untreue - zu Lasten von VW -, sondern wegen Begünstigung von Betriebsräten. Juristisch verdient dieser Aspekt allein schon deshalb Aufmerksamkeit, weil es eine Verurteilung wegen dieses Tatbestands noch nicht gegeben hat. Mit der ebenfalls nach § 119 Abs. 3 strafbaren Benachteiligung von Betriebsräten hat die Justiz bereits Erfahrung, aber deren Begünstigung ist bisher noch nicht vorgekommen. Noch mehr Aufmerksamkeit verdient die politische Seite von Affäre und Anklage, der geschmierte Pakt von Kapital und Arbeit, der sich in der gezielten Korruption von Betriebsräten manifestierte. Ermöglicht wurde er durch die Lage des VW-Konzerns zu Beginn der 90er- Jahre. Damals befand sich VW in einer Krise, die sich durch eine übergroße Belegschaft verschärfte. Der neue VW-Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piëch suchte nach einer unauffälligen Lösung des Problems. Das lieferte ihm Peter Hartz, ausgebildeter Industriekaufmann und IG-Metall-Mitglied. Als Personalvorstand und Arbeitsdirektor ersann Hartz mit Betriebsratschef Volkert, ebenfalls IG Metall, die Einführung der Vier-Tage-Woche mit einer Arbeitszeit von 28,8 Stunden.Den Segen der Gewerkschaften fand danach auch der äußerst umstrittene Kauf der Luxusmarken Bugatti und Lamborghini sowie der kostspielige wie erfolglose Versuch, mit dem Phaeton zu Mercedes und BMW in Konkurrenz zu treten. Als Volkert bemerkte, dass der von Piëch als Einkäufer geholte Ignacio Lopez und dessen Mannschaft beneidenswert hohe Gehälter kassierten, soll er sich beschwert, Piëch ihn an Hartz verwiesen haben. Bald danach sei die erste Sonderbonuszahlung bei Volkert eingetroffen. Auch sein Gehalt entsprach binnen kurzem dem eines Spitzenmanagers.Von dem Modell haben alle Beteiligten profitiert. Das Unternehmen, das von den Betriebsräten nicht kontrolliert wurde, die Betriebsräte und Arbeitnehmer und natürlich auch die Politik - das Land Niedersachsen profitierte als VW-Großaktionär, im Aufsichtsrat vertreten vom späteren Auto-Kanzler Gerhard Schröder.------------------------------Enthüllungen200525. Juni: In den Medien tauchen erste Berichte über eine mögliche Schmiergeld-Affäre bei Volkswagen auf.26. Juni: Der VW-Konzern räumt erste Hinweise auf einen Korruptions-Skandal ein. Im Blickpunkt steht der ehemalige Skoda-Personalvorstand Helmuth Schuster. Er soll von Zuliefererfirmen Schmiergelder verlangt und sich lukrative Aufträge vom VW-Konzern erschlichen haben. Der Manager gilt als enger Vertrauter von VW-Personalvorstand Hartz.28. Juni: Volkswagen stellt Strafanzeige gegen Schuster und Klaus-Joachim Gebauer. Gebauer war Mitarbeiter des zentralen Personalwesens. Der Autokonzern wirft ihnen vor, Skoda-Gelder auf private Konten umgeleitet zu haben.30. Juni: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig nimmt Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen die beiden früheren Manager auf. Der Konzern beauftragt zudem die Wirtschaftsprüfer von KPMG, den Vorwürfen intern nachzugehen. Gleichzeitig kündigt der Volkswagen-Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert überraschend seinen Rücktritt an.4. Juli: Laut Staatsanwaltschaft haben VW-Mitarbeiter ein Netz von sechs weltweit operierenden Tarnfirmen aufgebaut, die sich um VW-Aufträge kümmern. Außerdem tauchen Gerüchte über angebliche "Lustreisen" von VW-Betriebsratsmitgliedern auf. Damit soll die Konzernführung sich über Jahre deren Unterstützung gesichert haben.6. Juli: Es wird bekannt, dass VW-Personalvorstand Peter Hartz angewiesen hat, dem Betriebsrat ein Budget zur freien Verfügung zu überlassen.8. Juli: Hartz bietet dem Aufsichtsrat seinen Rücktritt an und übernimmt damit die Verantwortung für Verfehlungen in seinem Zuständigkeitsbereich.28. Juli: VW stellt Strafantrag wegen des Verdachts der Begünstigung von Betriebsräten.5. August: Der Aufsichtsrat von VW nimmt Hartz' Rücktrittsangebot an.28. September: Hartz wird erstmals von der Staatsanwaltschaft verhört.7. Oktober: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen gegen den Ex-Personalvorstand von VW auf. Hartz wird der Untreue verdächtigt.20069. Oktober 2006: Hartz räumt in einer Vernehmung "strafrechtliche Verantwortlichkeit" ein.15. November: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen des Verdachts auf Untreue in 44 Fällen gegen Hartz. Er soll von 1994 bis 2005 nahezu zwei Millionen Euro als Boni an VW vorbei genehmigt haben. Laut KPMG hat die Schmiergeld-Affäre VW rund fünf Millionen Euro gekostet.200710. Januar: Ein Deal wird geschlossen: Hartz legt ein umfassendes Geständnis ab; dafür verzichtet die Staatsanwaltschaft auf die Zeugenvernehmung.------------------------------Grafik: Jahreseinkommen des Ex-VW-Gesamtbetriebsratschef Klaus Volkert------------------------------Grafik: Verteilung der Gesellschafteranteile an der Volkswagen AG------------------------------"Ich habe Sachen übernommen, die sonst der Vorstand hätte machen müssen." Klaus Volkert------------------------------Foto: Ein Bild aus besseren Tagen, damals noch bei Volkswagen: Peter Hartz (l.) und Klaus Volkert.