Wladiwostok - Dem Regen folgten Frost und Schnee, eine schmutzige Eiskruste klebt auf dem Trottoir. In einer rutschigen Straßenkurve über dem Goldenen Horn von Wladiwostok im Süden der russischen Pazifikküste parkt ein Nissan-Jeep. Eine junge Frau sitzt drin. Wo es hier zur Puschkinstraße geht? „Sie sind wohl fremd hier?“, sagt sie. Ihre schwarzen Augen mustern mich besorgt. „Kommen Sie, steigen Sie ein, ich fahre Sie hin.“

Wladiwostoker fahren gerne Auto – vorsichtig formuliert. Unter dem lodernd hellen Winterhimmel kriecht ein asiatischer Dauerstau durch der hügeligen Wirrwarr der Highways und eisbedeckten Nebenstraßen. 603.000 Einwohner sind in der Hauptstadt der russischen Provinz Primorje gemeldet und 345.000 Automobile; Mitsubishi, Mazda, Honda, die Masse mit dem Lenkrad rechts. Sergei Koschkarow ist Generaldirektor des Automobilausrüsters PandoraDV in Wladiwostok. Er sagt: „Für unsere Leute sind Autos unverzichtbar.“

Koschkarow sagt, natürlich habe man auch in Wladiwostok bemerkt, dass der Rubel gefallen sei. Aber das Unternehmen mache weiter Gewinn. „Wir expandieren ja gerade.“ Die Firma hat mit Alarmanlagen für Pkw angefangen, vertreibt inzwischen aber auch Autovideokameras, Audiosysteme sowie diverses anderen Zubehör. Dazu kommen Dienstleistungen von der Haftpflichtversicherung über Rostschutz bis zur Inspektion. Koschkarow will seine Kunden an sich binden.

Koschkarow verkauft auch Gebrauchtwagen. Mittlerweile importiert er japanische Pkw, die trotz Einfuhrsteuern von 30 Prozent bis 50 Prozent des Endpreises deutlich billiger seien als vergleichbare europäische Modelle. „Ein dreijähriger Toyota Crown kostet ein Drittel weniger als ein Lexus aus Europa“, sagt Sergei. „Außerdem sind die Leute hier überzeugt, dass in Japan gebaute Autos zuverlässiger sind als in Russland oder Europa montierte Vergleichsmodelle.“

Nationale Priorität

Wladiwostok gilt als so etwas wie die Boomtown Russlands. 21 Milliarden Dollar investierte der Staat für den APEC-Gipfel 2012 in die Stadt und ihre Infrastruktur, darunter zwei spektakuläre Schrägseilbrücken über das goldene Horn und zur Insel Russki. Eine neue Universität, ein neuer Flughafen, ein neues Eishockeystadion für den frischgebackenen Kontinentalliga-Club Admiral. Und die Baukräne über der Stadt drehen sich weiter.

Das staatliche Mineralölunternehmen Rosneft will in der Region bis 2030 für 50 Milliarden Euro neue Raffinerien bauen. In Zusammenarbeit mit Japan soll in Wladiwostok außerdem eine Gasverflüssigungsanlage für zehn Milliarden Euro entstehen. Wladimir Putin, der die Entwicklung des russischen Fernen Osten zur „nationalen Priorität des 21. Jahrhunderts“ erklärt, erfreute Wladiwostok unlängst mit der Botschaft, die Stadt werde Freihafen. Was außer Zollfreiheit auch eine umsatzsteuerfreie Industriezone verspricht. Außerdem soll die Stadt Glückspielzone werden. Ihre Kasinos sollen vor allem Chinesen über die nur 100 Kilometer entfernte Grenze locken, sie sind angeblich noch spielwütiger als die Russen.

Krise? Auf 15.000 Arbeitslose in der Stadt kommen 60.000 freie Stellen. In der Region Primorje arbeiten Gastarbeiter aus China- und Nordkorea, aber vor allem aus Zentralasien, offiziell 27.000. Aber allein in Wladiwostok sind etwa 60.000 Menschen schwarz beschäftigt.

Krise ist Ansichtssache. Primorje erwarte dieses Jahr nur ein Prozent Wirtschaftswachstum, die Landwirtschaft aber werde um neun Prozent wachsen, Vizegouverneur Sergei Sidorenko hat zum Tee einen Berg bunt verpackter Schokobonbons auftischen lassen. Auch Sidorenko predigt Wachstum. Man wolle die Schweinezucht von 150 000 auf 1,1 Millionen Schlachttiere vervielfachen, 300 000 Hektar neues Ackerland unter den Pflug nehmen. Natürlich werde man Bananen oder Ananas weiter aus Südchina kaufen, aber statt Milchprodukte importiere man lieber Milchkühe. Und der Staat subventioniere das technische Gerät, das die Bauern einkauften, zur Hälfte, egal, wie modern und teuer. „Die jungen Leute arbeiten lieber auf Hightech-Farmen“, der Vizegouverneur lächelt.

Natürlich stören die Sanktionen. Alexander Bekker, Chef des Agrokonzerns Grinagro lässt in drei neuen Milchfarmen schon über 4000 friesisch-holsteinische Rindviecher melken. Im Herbst wollte er 660 weitere Jungkühe dieser Rasse importieren. „Bisher haben wir in Amerika gekauft, aber das geht jetzt nicht mehr“, sagt Bekker. Deshalb mussten wir die Kühe aus Deutschland einfliegen lassen.“ Sie überstanden den Jetlack gut, die Flugkosten für jedes Tier aber betrugen über 2000 Euro, die Kühe kosteten kaum mehr. Auch die Melkanlagen-Ersatzteile der schwedischen Firma DeLaval verteuern sich mit dem Rubelsturz, trotzdem, Bekker hegt keine Sparpläne.

„Wir wollen unsere Produktion von 25 auf 45 bis 50 Tonnen am Tag steigern. Milch werden die Menschen immer trinken.“ Die Krise zeigt sich aber auch in Wladiwostok. Statt Reklameschildern hängen in der Innenstadt immer mehr Plakate mit lakonischen Verkaufs- oder Pachtangeboten: „Zu vermieten. 1 500 statt 2 150.“ Es ist unklar, ob das Rubel oder Dollar, Monats- oder Tagesmiete bedeutet, aber der Immobilienmarkt scheint auch hier abzurutschen.

Einst das Ende der Welt

Jahrzehntelang galt die Hafenstadt in Russland als das Ende der Welt, kriminell und depressiv. Zwölf Autostunden trennen sie von Chabarowsk, der nächsten großen Stadt, acht Flugstunden und ein Jetlag von Moskau. Dass die Einwohnerzahl trotzdem stabil ist, erklären Statistiker damit, dass viele Leute aus dem ländlichen Primorje nach Wladiwostok drängen, andere dafür von hier aus ihr Glück in Moskau oder Petersburg suchen. Oder in Bangkok. Aber die Geschäftsleute reden von dem, was Wladiwostok nicht zu nehmen ist: Der Hafen, der Fischfang – 800 000 Tonnen Fisch jährlich fahren die Fischer ein. Die Hälfte wird exportiert.

Wladiwostok hat seine eigene Mentalität entwickelt, vereint neurussischen Optimismus mit Weltbürgertum und provinzieller Gelassenheit. Die Stadt wirkt kreativer als Moskau. Sie orientiert sich am Westen. Statt der in Moskau üblichen Pizzaketten, blüht hier Kiezgastronomie, die sich sehr polyglotte Namen gibt: „Pinguin“, „Nasch Whiskey Bar“ oder „Five o Clock“, ein Florist nennt sich „Geblümter Blues“. Drinnen gurren angelsächsische Popsängerinnen, im Autorenrestaurant „Kitchen“ riecht es sogar nach Europa: der leicht modrige Duft feuchten Altbauholzes.

Koschkarow hat zwölf Jahre in Moskau gearbeitet, bevor er nach Wladiwostok zurückkehrte. Er sagt, dass die Stadt schon immer anders, offener gewesen sei. „Unsere Väter waren Seeleute, sie haben schon zu Sowjetzeiten das Ausland gesehen“, sagt er. In Wladiwostok trugen die Menschen schon Jeans und hörten Beatles, als es noch für Ausländer gesperrt war.

„Die Welt ist global geworden“, sagt Koschkarow . Hongkong, die USA, aber auch Europa sind ganz nah, Moskau dafür oft sehr weit weg. „Die Krise ist dort, aber die Leute leben hier“, sagt der Agrarunternehmer Bekker. Die Krise mag noch bis Wladiwostok kommen, aber Angst hat kaum jemand vor ihr.