Es gibt noch Überraschendes im Berliner Ausstellungswesen: Das Georg-Kolbe-Museum, in seinen bisherigen Skulpturenausstellungen stark dem Traditionellen verpflichtet, zeigt nun junge Kunst, die mit großen Gefühlen spielt - mit Ergriffenheit und Trauer, mit Schock und Ekel. Mehrfach ist es einfach ein wortkarger Bildwitz, der Bände spricht. Dabei ist diese Ausstellung von Wachsskulpturen keine Provokation. Auch wenn manche Arbeit zunächst zynisch wirken mag, entpuppt sie sich bald als melancholisch. Wachs ist eben ein vergänglicher Stoff, wie der menschliche Körper auch.Schon in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, das vor 200 Jahren in London und dann in Paris gegründet wurde, waren Helden zu sehen, Märtyrer der Französischen Revolution. "Lebensecht" in Wachs nachgebildet, sollten sie dem Publikum nahe gebracht werden. Dieses reagierte zuerst geschockt, dann fasziniert. "Lebensecht" hat im Kolbe-Museum auch der Londoner Bildhauer Gavin Turk den kubanischen Superhelden Che Guevara hinter Glas wieder auferstehen lassen, machohaft-aggressiv, pistolenbewehrt, das Barett mit dem Stern kühn in die Stirn gezogen - ein heroischer Guerillero mit stahlharter Miene und visionärem Blick.Der geklonte Che steht uns als popkulturelles Abziehbild gegenüber. Die Pose hat Turk, das ist nicht zu übersehen, von Warhols berühmtem fotografieartigen Siebdruck kopiert, der den schießbereiten Elvis Presley zeigt. Gerade Turks Che-Plastik verkörpert vordergründig, worum es den 30 internationalen Künstlern in der Berliner Ausstellung "Wächserne Identitäten" geht: um Doppelgänger und Wiedergänger, letztlich um monströse Metamorphosen des Körpers.Wachs lässt sich widerstandlos formen, es lässt sich zum Gießen, zum Modellieren, zu Bossieren einsetzen. Wegen seiner glänzenden, immer ein wenig feucht wirkenden Oberfläche kann Wachs die Beschaffenheit menschlicher oder tierischer Haut ideal imitieren. Gerade das wussten Bildhauer und Objektartisten zu schätzen, die im 20. Jahrhundert ihre Obsession für den Körper wieder entdeckten. Unmengen von Wachs verarbeiteten in den Sechzigern schon die Arte-Povera-Pioniere, ein Jahrzehnt später die Pop-Artisten. In ihren Nachbildungen wurde das Memoriale lächerlich und das Monströse trivial. Junge Künstler wie der Brite Gavin Turk folgen dieser konzeptuellen Linie heute mit ihren Mitteln.In der Antike allerdings hatte das Wachsbild niemals ironisierende oder gar kulturkritische Funktion: Es diente dem Totenkult. Plinius berichtet in seiner "Naturalis Historiae" von "imagines"; er beschreibt ausführlich bienenwächserne Bildnisbüsten, die aus Totenmasken entstanden. Sie hatten mystische Funktion: mit einem lebensechten Abbild sollte die irdische Abwesenheit des Verstorbenen kompensiert werden. So würde er über Generationen in Erinnerung bleiben. Auch die alten Römer kannten Bienenwachsmasken, die den Verstorbenen aufgelegt wurden, um die Verwesung zu kaschieren oder die Toten vor Geistern zu schützen.Diesen antiken "imagines" kommen im Kolbe-Museum die Plastiken des israelischen Bildhauers Gil Shachar am nächsten. Bei ihrem Anblick wird klar, warum es schon immer die auf Augentäuschung beruhende Mimesis war, aus der Wachsfiguren seit Jahrtausenden ihre eigentümlich magische Anziehungskraft beziehen. Shachars Bildnisbüste "Herrmann" hat einen ausgeprägt autistischen Zug. Die geschlossenen Augen der Wachsfigur verstärken das Rätselhafte. Mit dieser kopierenden Simulation eines Menschenbildes verweist der Bildhauer zugleich auf ein Dilemma hyperrealistischer Kunst: Mit dem Abbild entsteht ein Phantom, es irrt umher zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten.Im Christentum gilt Wachs seit dem Mittelalter als Stoff, der den Leib Christi symbolisieren konnte. Votivgaben sind häufig aus Wachs geformt, man fertigte Bitt- oder Dankopfer - vor allem jene Körperteile, für die man sich im Gebet Heilung oder zumindest Linderung der Schmerzen erhoffte. In der Renaissance wurde der gefügige Stoff mit Vorliebe für die Porträtplastik verwendet. Diese Tradition persiflierend, stellt der Österreicher Thomas Sturm sich in der Ausstellung zweimal selbst mit geschlossenen Augen dar, einmal in barocker Herrscherpose, mit naturalistisch farbigen Gesichtspartien um Auge, Nase und Mund, womit er bewusst die ernste Klassizität der Formgebung untergräbt. Im zweiten Selbstbildnis hingegen haben Kopf, Hals und Oberkörper das feierliche Wachsgelb von Kirchenkerzen. Der Verfremdungseffekt ist frappierend, die Verdoppelung lässt einen schaudern: Wir leben schließlich in einer Zeit, in der das Klonen wissenschaftlich und technisch möglich geworden ist.Das "Selbstporträt" des New Yorkers Paul Thek gehört zu einer Serie lebensgroßer menschlicher Gliedmaßen aus bemaltem Wachs. Diese "Reliquien" unter Plexiglashauben - gleichsam konservierte Zeugnisse der Vergänglichkeit des Körpers - verstören unmittelbar. Eine Entsprechung dazu sind die weißen "Köpfe mit Mundsperrer" des Schweizers Anselmo Fox. Auf surrealistische Weise erinnert er daran, dass nicht zuletzt für die Medizin noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts Figuren und Modelle aus Wachs zur Ausbildung gehörten. Keine Prothese, deren Konstruktion nicht zuvor einem Wachsmodell angepasst wurde, keine dritten Zähne, die nicht zuerst im Wachskiefer Probe gesteckt hatten.Die gruseligste Plastik der Ausstellung stammt von dem Londoner Künstler John Isaac. Der Anblick einer brutal sezierten Wachs-"Leiche" mit viel echt wirkendem Kunstblut ist eine Anatomiestunde, die sich auf Hogarths Kupferstich "Lohn der Grausamkeit" (1751) bezieht. Auf dessen Blatt ist dargestellt, wie ein toter Mörders seziert wird. Sogar nach dem Tod muss der Verbrecher für seine grausame Tat büßen.Wolfgang Stiller aus New York verzahnt in seiner Plastik "Twins", in der er zwei naturalistische Babyköpfe aus einer Schüssel wachsen lässt, das Mysterium der Zeugung von Leben mit dem des Todes und der Wiedergeburt. Damit liefert der Künstler einen sehr persönlichen Kommentar zum Diskurs um eine fragwürdig gewordene Identität im Zeitalter der Präimplantationsdiagnostik und zu den aktuellen bioethischen Debatten. Ganz anders, nämlich lakonisch und ironisch, geht Käthe Wenzel aus Berlin das Thema an. Sie formte "Survival Kit für das nächste Jahrhundert". Ein Ersatzteilkoffer mit wächsernen Händen, Ohren, Brüsten - und einem Schweineherzen. Alle "Ersatzteile" hat sie mit chinesischen Schriftzeichen versehen, aber einen Sinologen gibt es im Kolbe-Museum nicht. Die Gebrauchsanweisung zur Selbsttransplantation ist für unsereins untauglich.Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25 (Westend), bis 11. August, Di-So 10-17 Uhr. Am 3. August findet ein wissenschaftliches Kolloquium zum Wachsbild statt, Tel.: 304 21 44.Im Internet: www.georg-kolbe-museum.deKATALOG GEORG-KOLBE-MUSEUM "Lebensecht" wächsern ließ Gavin Turk aus London den kubanischen Superhelden Che Guevara hinter Glas wiederauferstehen.