Während des Ersten Weltkrieges wurden in zwei brandenburgischen Lagern muslimische Soldaten interniert: Gefangen unter der Moschee

Die kleine Moschee war aus Holz und stand in Wünsdorf, mitten im märkischen Sand etwa 40 Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze. Sie wurde 1915 gebaut: eine Kuppel und daneben ein Minarett, von dem der Muezzin morgens die Gläubigen zum Gebet rief.Doch die Muslime, die hier beteten, hatten mit der deutschen Gesellschaft nichts zu tun, und sie lebten nicht freiwillig in Brandenburg. Während des Ersten Weltkriegs waren im "Halbmondlager" bei Wünsdorf und im Lager "Weinberge" bei Zossen etwa 30 000 Kriegsgefangene aus dem Russischen Reich und aus den britischen und französischen Kolonien untergebracht. Die meisten von ihnen waren Muslime. Sie kamen vom Schwarzen Meer, aus Nordafrika, vom indischen Subkontinent.Das Völkerkundemuseum in Berlin-Dahlem dokumentiert die Geschichte dieser beiden Lager mit einer Ausstellung im "Studio". Es ist nur ein kleiner Raum im Keller, in dem etwa fünfzig Tafeln mit Fotos und ein paar Texterläuterungen an der Wand hängen, dazu einige wenige Exponate in Glasvitrinen. Doch man muß sich Zeit nehmen, denn die merkwürdige Geschichte dieser Lager läßt sich mit einem oberflächlichen Blick nicht erfassen.Nicht nur wegen der exotischen Insassen waren es besondere Lager. Sie waren es auch deshalb, weil ihre Gefangenen ein Spielstein in der deutschen Strategie zur Destabilisierung der Entente-Mächte England, Rußland und Frankreich waren. Durch gute Behandlung sollte der Boden bereitet werden für eine Propaganda, die die Kriegsgefangenen gegen die Entente-Mächte aufzuwiegeln versuchte. Sie sollten die Deutschen als freundliche Macht und die mit dem Deutschen Reich verbündeten Türken als Führer aller Muslime anerkennen - und für sie kämpfen. Mittel der Propaganda Das Auswärtige Amt wies an, wie mit den Gefangenen umzugehen sei: "Mittel der Propaganda sind: Religiöse Beeinflussung; Belehrung und Unterweisung durch Abhalten von Besprechungen und Vorträgen, Erteilung von Unterricht, gruppenweise Ausflüge in die Lagerumgebung, gute Behandlung, Beköstigung und Bekleidung; Ausbau der zur Pflege der Hausindustrie und Volkskunst im Lager errichteten Werkstätten, Vermittlung der Errungenschaften der deutschen Industrie." Das waren nicht bloß leere Worte. Bei der Errichtung der Lager wurde weit mehr als üblich Wert auf gute hygienische Bedingungen gelegt. Es gab ausreichend Wasch- und Toilettenräume für die Insassen. Die Haager Landkriegsordnung von 1907, die detaillierte Regeln für die Internierung von Kriegsgefangenen festlegte, wurde peinlich genau befolgt. Insbesondere wurde den Gefangenen freie Religionsausübung gewährt, - bis hin zu dem Bau der kleinen Moschee aus Holz.Man glaubte, daß die gute Behandlung die Gefangenen von allein beeinflußbar machen würde. Die tatsächliche Stimmung im Lager wurde nicht systematisch untersucht; zumindest ist darüber nichts bekannt. Aber man kann doch erschließen, daß die Deutschen in ihren Absichten nicht besonders erfolgreich waren. So schilderte der Ethnologe Carl Stumpf 1925 im Rückblick die Schwierigkeiten, die einige Hindus der Lagerkommandantur bereiteten. Sie aßen nichts, was sie nicht nach ihren strengen Vorschriften selbst zubereitet hatten: "Niemand durfte ihre Küche betreten - wenn auch nur der Schatten eines Inders aus niederer Kaste oder eines Europäers, der auf der alleruntersten Stufe religiöser Reinheit steht, auf den Kessel gefallen wäre, in dem ihre Mahlzeit kochte, so würde sie dadurch für sie ungenießbar geworden sein." Bedürfnis nach Harmonie Mindestens so wichtig wie die Beeinflussung der Insassen war die Darstellung der Lager nach außen. Gelegentlich wurde die Presse eingelassen, natürlich nur mit Passierscheinen und den im Krieg üblichen Zensurauflagen.Vor allem aber war der Fotograf Otto Stiehl, ein Mitglied der Lagerkommandantur, damit betraut, das Lagerleben festzuhalten. Seine Bilder - auf die sich die Ausstellung größtenteils stützt - verraten einiges über den Alltag der Gefangenen, aber noch mehr über den Blick, mit dem die Deutschen das Fremde betrachteten. Da war zum einen Faszination. Sie äußerte sich vor allem in eindrucksvollen Porträtaufnahmen: ein würdevoller, älterer Sikh mit gepflegtem, graumeliertem Bart, ein pockennarbiger Schwarzafrikaner mit Fez, ein in einen weiten Umhang gehüllter, algerischer Soldat.Dann gab es das Bedürfnis nach Harmonie zwischen den Kulturen. Es kommt zum Ausdruck in Fotografien wie denen, die Gefangene bei der Leibesertüchtigung zeigen. Wenn ein Sikh mit dunklem Vollbart und Turban beim Seilspringen zu sehen ist, dann ist seine Fremdheit domestiziert. Er wirkt nicht mehr bedrohlich, sondern nur noch "interessant".Man hielt die Gefangenen an, in den Werkstätten des Lagers folkloristische Kunstgegenstände zu basteln. Und zwischen den Baracken standen hölzerne Wegweiser, auf denen die Wörter "Wünsdorf" oder "Lagerkommandantur" mit tatarischen Ornamenten umschnörkelt waren.Das Kalkül der Deutschen müßte in seiner Naivität fast unglaublich erscheinen, hätten sie es nicht mit solchem Eifer verfolgt. Als seien die Gefangenen nicht Gefangene, sondern Teilnehmer eines Bildungsurlaubs gewesen, wurden sie belehrt über die "wahren Hintergründe dieses schrecklichen Krieges", mußten sich von eigens eingeladenen türkischen Parlamentariern erklären lassen, wer ihre echten Freunde waren (nämlich Sultan Muhammad V. und Kaiser Wilhelm II.), und bekamen Lagerzeitungen zu lesen wie "El Dschihad" - Der Heilige Krieg.Es ist ein gewisses - allerdings unvermeidliches - Manko der Ausstellung, daß die Gefangenen nicht zu Wort kommen. Man müßte schon in den Archiven ihrer Herkunftsländer nachforschen, um Zeugnisse zu finden; und selbst dort wären die Erfolgsaussichten schmal, denn die meisten der Gefangenen waren Analphabeten.Daß sich die Gefangenen den Deutschen trotz deren Großzügigkeit nicht übermäßig verpflichtet fühlten, ist allerdings erwiesen. Nur etwa ein Viertel von ihnen war zum Frontwechsel bereit, und ganze 1 800 von ihnen wurden tatsächlich Anfang 1916 nach Konstantinopel geschickt, um dort für das Osmanische Reich zum Einsatz zu kommen.Ab Ende 1916 zogen sich die Lehrer und Redner aus den Lagern zurück und überließen den Anthropologen und Ethnographen in Brandenburg das Feld. So entstanden Abhandlungen wie die über "Rassenelemente der Sikh", aber auch ein heute noch interessantes Phonogramm-Archiv, in dem auf Edison-Walzen die Sprachen, Gesänge und Gebete der Gefangenen festgehalten wurden. Verwitterte Grabsteine Die Bevölkerung der umliegenden Orte in Brandenburg bekam von den Insassen der streng abgeschotteten Lager kaum etwas mit. Es gibt ein mühsam gestelltes Foto von Nordafrikanern mit einem märkischen Bauern, darüber hinaus blieben Kontakte wohl aus. Und nach dem Krieg erinnerte bald kaum noch etwas an die Muslime in Brandenburg.Trotz der vergleichsweise guten hygienischen Einrichtungen sind in den Brandenburger Internierungslagern vermutlich etwa 1 000 der meist jungen Soldaten gestorben. Viele von ihnen wahrscheinlich an Fleckfieber oder Tuberkulose. Ihre Leichen wurden nicht in Massengräbern verscharrt, sondern einzeln auf dem Friedhof von Zehrendorf bestattet. Sie bekamen Grabsteine mit Inschriften in ihren Muttersprachen; die verwitterten Reste dieser Steine stehen seit kurzem unter Denkmalschutz.Die kleine Moschee aus Holz aber steht längst nicht mehr. Bis Mitte der zwanziger Jahre kamen noch Berliner Muslime nach Wünsdorf, um hier zu beten. Dann gaben sie die Moschee auf. Sie war baufällig und wurde abgerissen. Die Ausstellung "Muslime in Brandenburg" ist im Museum für Völkerkunde, Lansstraße 8, 14195 Berlin-Dahlem, dienstags bis freitags von 9-17 Uhr und sonnabends und sonntags von 10-17 Uhr bis Ende April zu sehen. +++