BERLIN, 11. Januar. Der Tagungsort war mondän, das Interieur von erlesenster Qualität. Und doch wurde am Freitag im Grand Hotel im Herzen der Spielerstadt Monte Carlo ausnahmsweise nicht fürstlich getafelt. Es war ein eher bescheidenes Büfett, an dem sich am Nachmittag der Berliner Senatsrat Jürgen Kießling labte. Kein Kaviar, kein Dom Perignon, "nur Wasser, Butter und Brötchen", teilte Kießling mit. Ein ganz normaler Arbeitstag an der Côte d Azur. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hatte jene acht Städte, die sich für die Austragung der Weltmeisterschaft 2005 interessieren, zu einem eintägigen Seminar geladen. Neben Kießling, dem Beamten aus der Sportverwaltung der Hauptstadt, waren Christoph Kopp und Michael John in den Süden gejettet, Präsident und Vizepräsident des Berliner Leichtathletikverbandes BLV.Obgleich sich der neue Berliner Senat noch nicht offiziell für eine WM-Bewerbung ausgesprochen hat, ließ Senatsrat Kießling zwischen den Bissen am Mobiltelefon alles andere als Pessimismus antönen: "Ich unterstelle mal eine positive Lösung", sagte er. "Das kann blitzschnell entschieden sein. Es gibt zumindest keine negative Aussage, sonst wäre ich nicht mitgeflogen." Die SPD-Senatoren Klaus Böger und Peter Strieder zählen zu den Befürwortern der WM-Offerte. "Und auch der Herr Gysi soll begeistert sein", glaubt Kießling zu wissen. Dies ist kein unwichtiges Indiz, denn von Gregor Gysis PDS hängt es ab, ob Berlin die Chance ergreift.Kaczmarczyks MissionWährend also das Trio aus Berlin im monegassischen Grand Hotel den Ausführungen der IAAF-Manager zum Bewerber-Prozedere und zu Details des IAAF-Pflichtenheftes lauschten, gingen in Berlin die Diskussionen über eine WM-Bewerbung voran - vor allem beim Juniorpartner in der Regierungskoalition. Der PDS-Sportsprecher Walter Kaczmarczyk wollte die Angelegenheit am Freitagnachmittag in der Sondersitzung seiner Fraktion behandeln. "Ich will mit dem Entscheidungsfeld bekannt machen", umschrieb Kaczmarczyk die heikle Mission. Seine verbale Zurückhaltung hat Gründe: "Ich bin für diese WM-Bewerbung, so wie ich auch für die Olympiabewerbung war. Aber gerade nach den Erfahrungen mit der Olympiabewerbung bin ich in meiner Fraktion sehr vorsichtig, was das Stimmverhalten betrifft."Was konnte Kaczmarczyk den Genossen erzählen? Alles, was längst zum Grundwissen der SPD-Sportpolitiker gehört: Dass nämlich eine Leichtathletik-WM, anders als das Mammutprojekt Olympia, nicht etwa Milliarden Euro verschlingt, sondern nur einen Bruchteil dieser Summe. Ein Olympiastadion, das ohnehin mit Bundesmitteln umgebaut wird (und nur rechtzeitig fertig werden muss), reicht völlig aus. Niemand muss etwa ein olympisches Dorf mit 15 000 Schlafplätzen bauen; die Berliner Hotels bieten Betten genug für eine zehn Tage währende Weltmeisterschaft.Die Titelkämpfe in der olympischen Kernsportart zählen weltweit zum halben Dutzend der werbewirksamsten Sportereignisse. Das Risiko ist überschaubar. Senatsrat Kießling kalkuliert derzeit mit einem öffentlichen Zuschuss von 15 Millionen Euro. Bei allen Hochrechnungen wird aber viel zu selten über jene Variante geredet, die durchaus nicht utopisch ist: Ein Organisationskomitee kann auch Gewinn machen. Die Kanadier aus Edmonton, im August 2001 Ausrichter einer Leichtathletik-WM, vermeldeten im Herbst ein finanzielles Plus von acht Millionen Dollar. "Man kann sich seine Bilanzen natürlich immer schönrechnen", sagt Michael John, "doch die Möglichkeit, Gewinn zu machen, ist real existent".Das Seminar sollte auch darüber Aufschluss geben, inwieweit potenziellen Ausrichtern durch die bestehenden Marketingverträge der IAAF die Hände gebunden sind. Bislang galten die IAAF-Regularien als äußerst restriktiv. Nach dem Zusammenbruch des ehemaligen IAAF-Vermarktungspartners ISL könnten sich aber neue Chancen ergeben. Michael John, einst als Geschäftsführer für das Berliner Istaf zuständig, hofft auf "einen Politikwandel" im Marketingbereich, den die IAAF nun vom japanischen Werberiesen Dentsu betreuen lässt.Wie immer die Regierungskoalition demnächst entscheiden wird, für die dreiköpfige Berliner Crew hat sich der Kurztrip nach Monte Carlo bereits gelohnt: "Wir haben endlich mal wieder die Sonne gesehen", frohlockt Jürgen Kießling. Daheim bleibt ihm dieses Erlebnis schon zwei Wochen verwehrt.WM-Wirren // Im Juli 1998 sprechen Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen, IAAF-Präsident Primo Nebiolo und DLV-Präsident Helmut Digel in Berlin über eine mögliche Weltmeisterschaft. Der Berliner Leichtathletikverband (BLV) will sich für die Jahre 2005 oder 2007 bewerben. Nebiolo signalisiert Sympathie, hört aber nie wieder etwas aus Berlin.Im August 1999 verkündet Nebiolo am Schlusstag der WM in Sevilla selbstherrlich, wo die künftigen Weltmeisterschaften stattfinden: 2003 in Paris, 2005 in London, 2007 in Tokio und 2009 in Berlin. Die WM soll nur noch in Weltmetropolen ausgetragen werden. Einen Councilbeschluss gibt es jedoch nicht.Im November 1999 stirbt Nebiolo. Sein Nachfolger Lamine Diack (Senegal) verschreibt sich der Idee, mit den Titelkämpfen nur in Großstädte zu gehen.Im Januar 2000 fordert Sportsenator Klaus Böger den BLV auf, "alle erforderlichen Schritte für eine WM-Bewerbung einzuleiten". Der Senat kalkuliert mit einem Zuschuss von 15 Millionen Mark.Im Januar 2000 verschlafen DLV, BLV und Senat die Bewerbungsfrist für die WM 2005. Die Verantwortlichen erfahren erst aus der "Berliner Zeitung", dass der Termin abgelaufen ist.Im Februar 2000 reicht der Senat die von der IAAF geforderte finanzielle Garantieerklärung nach. Zu spät, Berlin kommt nicht mehr in den Wettbewerb. Zwei Monate später werden die WM 2003 an Paris und die WM 2005 an London vergeben, obwohl London über kein WM-taugliches Stadion verfügt.Im November 2001 entzieht die IAAF London endgültig die WM 2005, nachdem die Stadionfrage in der britischen Hauptstadt immer noch nicht geklärt ist und die Regierung einen finanziellen Zuschuss für ein Stadionprojekt ablehnt. Die WM wird neu ausgeschrieben.Im Januar 2002 heißen die Kandidaten Berlin, Stuttgart, München, Budapest, Brüssel, Moskau, Helsinki und Rom.Am 28. Februar 2002 endet die Bewerbungsfrist bei der IAAF. Die deutschen Interessenten müssen ihre Unterlagen beim DLV bis 8. Februar einreichen. Der DLV-Verbandsrat will am 14. Februar über die Bewerbung abstimmen.Am 14. April 2002 vergibt das IAAF-Council in Nairobi die WM 2005 neu.DPA/JOHN MABANGLO. Startschuss: Die Leichtathletik-WM 2005 wird neu vergeben. Berlin zählt zu den acht Kandidaten.