Während Helmut Kohl am Tag nach der Bayernwahl zur alten Gelassenheit zurückfindet, greift Gerhard Schröder zur Beruhigungspille: Ein bißchen Rückenwind, ein bißchen Gegenwind

BONN, 14. September. Ist was? Kerzengerade und in staatstragender Attitüde wie immer seit ein paar Monaten sitzt Gerhard Schröder an der Stirnwand des Saales der Bundespressekonferenz. Freundlich grinsend blickt er in die Gesichter der Bonner Journalisten. Seine Hände liegen regungslos übereinander vor dem Mikrofon. So machen das wohl Leute, von denen gesagt wird, daß sie nichts aus der Ruhe bringt. Schröder weiß, wie das geht. Und er wendet es hier an, ganz demonstrativ.Denn natürlich ist was. Eine ganze Menge sogar: Zum ersten Mal seit seiner grandios gewonnenen Niedersachsen-Wahl sieht sich der Kanzlerkandidat der SPD in der Defensive. Das läßt sich schon an kleinen Nebensächlichkeiten erkennen; zum Beispiel daran, daß die Fragen der Journalisten drängender, aufdringlicher und frecher wirken als noch vor ein paar Wochen. "Die bayerische Landtagswahl zu kommentieren, halte ich für überflüssig" diese trotzige Feststellung läßt man dem Schröder nicht mehr durchgehen.Eine ganz einfache Frage führt schließlich zum Erfolg: "Hat Sie das Ergebnis der Bayernwahl überrascht, Herr Schröder?" Da gibt es keine Ausflucht: "Es hat mich überrascht, weil ich ein besseres Ergebnis erwartet hatte", muß Schröder zugeben. Er habe "die SPD über 30 Prozent gesehen". Das klingt ganz anders als am 1. März, als er 48 Prozent in Niedersachsen geholt hatte.Die Analyse der bayerischen Landtagswahl offenbart für die Sozialdemokraten einigen Grund zum Unbehagen. Nach den schleswig-holsteinischen Kommunalwahlen und der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist es schon das dritte Mal, daß die SPD schlechter abgeschnitten hat als erwartet. Sieger in den Umfragen, Verlierer bei den Wahlen das wollte Gerhard Schröder nie werden. Er ist für seine Partei das fleischgewordene Versprechen von Stimmen und Macht. Hat Schröder Zweifel bekommen, ob er das Versprechen einlösen kann? Auf die Frage, ob er auch als Vizekanzler nach Bonn gehen würde, sagt Schröder: "Die Frage einer Niederlage, die habe ich schlicht verdrängt."Aus Mangel an Alternativen folgt an diesem Montag die ganze SPD dem Beispiel ihres Kanzlerkandidaten. "Wir überlegen, was man hätte anders machen können, aber es fällt keinem was ein", seufzt ein Teilnehmer des SPD-Präsidiums. Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering hat den Blick schon wieder fest nach vorn gerichtet: "Um diese Ecke kommen wir rum", sagt er.Verbündete im FeuerAuch Gerhard Schröder läßt sich keine Löcher in die Deckung reißen. Notfalls setzt er lieber eine Verbündete dem feindlichen Feuer aus. Ob die SPD nicht einen Fehler gemacht habe, in Bayern den Slogan "CSU gleich Kohl" zu plakatieren? "Ich gehöre nicht zu den Menschen, die den Wunsch einer so phantastischen Frau wie Renate Schmidt zurückweisen würden", versichert Schröder. Beinahe hätte Schröder sogar den SPD-Chef Lafontaine hineingerissen. "Ich habe mich immer amüsiert über diejenigen, die sagen, die Wahl sei schon gelaufen", hat Schröder erklärt. Hatte Lafontaine denn nicht genau das seit Wochen jeden Montag bei der Routinepressekonferenz erklärt? "Lafontaine hat nicht gesagt, die Wahl ist gelaufen", korrigiert Schröder streng.Mangels eigener Fehler muß die Niederlage in Bayern also wohl an der Übermacht des Gegners gelegen haben. So viel Lob hat Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber jedenfalls von den Sozialdemokraten noch nie bekommen. Lafontaine stellt fest, daß Bayern "in einer ganzen Reihe von Kennziffern vorne liegt" im Vergleich der deutschen Bundesländer. Schröder gratuliert Stoiber "herzlich zu seinem Wahlsieg". Für die Fähigkeit der CSU, die Wähler am rechten Rand von den Republikanern fernzuhalten, bekundet er sogar seinen ausdrücklichen Respekt auch wenn es bei den Stammtischparolen einige "Übertreibungen" gegeben habe. Am liebsten würde Schröder wohl sagen, daß er einer ist wie Stoiber: Landesvater, Automann, Modernisierer. Gegen "unverbrauchte" Männer wie ihn, da habe Helmut Kohl keine Chance mehr. Wieder singt Schröder sein Lied, daß er sich gerne mit Kohl zu einem Fernsehduell treffen möchte. Um dem bedrückenden bayerischen Ergebnis zu entgehen, greift Schröder zur Beruhigungspille, die lautet: Beim nächsten Gegner wird alles anders.Dieser nächste Gegner heißt Helmut Kohl, und der ist bester Laune. Zur Pressekonferenz um 9.30 Uhr hat er sein schönstes "Na, hab-ich-euch-es-nicht-immer-gesagt?"-Lächeln aufgelegt. Der Kanzler greift nicht mehr so hektisch nach dem Wasserglas wie sonst. Seine Anstrengung und seine kurze Angebundenheit sind verschwunden. Bevor er zur Lage spricht, entschuldigt Kohl sich bei den Journalisten für die Einladung zur "beinahe nachtschlafenden Zeit". Er hat also zu seiner ironischen Herablassung gegenüber den Medien zurückgefunden. Spätestens nun ist es raus: Kohl ist wieder da.Hat er es denn nicht immer gesagt? Obwohl sie ihn alle (zum wievielten Mal eigentlich?) ungläubig angestarrt haben? "Es ist gar nichts gelaufen. Der Wähler entscheidet", befindet Kohl. Edmund Stoiber hat ihn darin bestätigt, daß sich die Welt noch immer nach den Gesetzen dreht, wie er, der Kanzler, sie seit 68 Jahren kennengelernt hat. Dankbar lobt Kohl deshalb den "großen Erfolg unserer bayerischen Freunde". Er sei "froh, daß wir diese Steilvorlage, wie man das jetzt nennt, bekommen haben". Vom Rückenwind beschwingt, bescheinigt der Kanzler dem bayerischen Ministerpräsidenten, über dessen Opportunismus er in kleiner Runde schon oft hergezogen ist, sogar "alle Qualifikationen für alle Ämter" in dieser Republik. Edmund Stoiber sei "eine der herausragenden Figuren der deutschen Politik".Die Strahlkraft von Stoibers Triumph läßt die lange belächelte Vorhersage des Kanzlers an diesem Montag plötzlich in anderem Licht erscheinen. "Meine Prognose ist, daß diese Koalition ganz klar vom Wähler bestätigt wird", wiederholt Kohl. Mit feinem Lächeln fügt er hinzu: "Es zeigt sich, daß Wahlentscheidungen immer später getroffen werden. Diese Bundestagswahl ist nicht entschieden, Umfragewerte hin oder her."Und dann feixt und lästert der Kanzler wie in seinen besten Tagen über all seine Gegner, die ihn (zum wievielten Mal eigentlich?) schon abgeschrieben haben. "Für die vielen Umfragegläubigen ist es ganz nützlich, sich in Erinnerung zu rufen, daß bevor man ein Zelt für die Siegesparty bestellt, man in Demut das Votum des Wählers abwartet", sagt er. Hat er, der Kanzler, nicht immer gesagt, die Umfragen dürfe die SPD ruhig gewinnen? Deutlich mehr als 30 Prozent hatten die Meinungsforscher den Sozialdemokraten in Bayern vorhergesagt. "Da muß man als seriöses Institut doch auch bedenken, wie man am Wahlabend dasteht", spottet Kohl. Und den "Chefredakteuren der wichtigen Institutionen" gibt er mit Blick auf Bayern auf den Weg: "Mein Rat ist, erst am Wahlabend zu kommentieren, und nicht schon nach der ersten Hochrechnung." Habe der SPD-Bundesgeschäftsführer nicht am Sonntag um halb acht erklärt, die CSU sei im Minus, die SPD im Plus? "Jetzt haben die einen ein Plus, und die anderen ein Minus. Sehr unangehm", höhnt der Kanzler. Streit über die LinieDie kleinen Parteien sind nach der Bayernwahl fast völlig aus den Schlagzeilen verschwunden, und das ist ihr Problem. Der FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Gerhardt wirkt am Montag aber nicht nur deshalb gereizt. Harscher im Ton, als es sonst seine Art ist, kommentiert er die Wahlanalyse der bayerischen Parteifreundin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die ein Wahlergebnis von 1,7 Prozent zu verteidigen hat. Die ehemalige Bundesjustizministerin mahnt, ihre Partei müsse sich bei gesellschaftlichen Themen stärker von der Union absetzen. "Ich teile diese Analyse nicht", knurrt Gerhardt. Die Liberalen streiten über die Linie, als ob gerade kein Wahlkampf sei. Generalsekretär Guido Westerwelle hat jedenfalls Leutheusser-Schnarrenbergers Analyse im Präsidium lauthals gelobt.Bündnis 90/Die Grünen weiden sich ein wenig am Elend der Konkurrenz. "Die CSU hat ihren Koalitionspartner FDP kannibalisiert", sagt Parteisprecher Jürgen Trittin. Aus seiner Freude darüber macht er keinen Hehl. "Die Frage, wer dritte Kraft ist, ist geklärt." Das hält Trittin mit Blick auf die Bundestagswahl für die entscheidende Nachricht: Denn wenn die Grünen stärker sind als die FDP, hat Kohls bürgerliche Koalition endgültig keine Chance.Ob dritte oder vierte Kraft im Duell zwischen Kohl und Schröder drohen Grüne und FDP unterzugehen. Die Überlebensstrategien sind die gleichen, allerdings mit verschiedener Begründung. Beide konzentrieren sich darauf, den großen Parteien möglichst viele Zweitstimmen abzuluchsen. FDP-Chef Gerhardt sagt: "Es gibt viele kluge Wähler, die strategisch wählen und wissen, daß die Koalition nur mit der FDP gewinnen kann." Es sei doch klar: "Die Union verliert jede Regierungschance ohne die FDP." Aber die CDU könne doch auch mit der SPD ? Die SPD wolle gar keine Koalition mit der CDU, sondern ein Bündnis mit den Linken das habe sie schon in Sachsen-Anhalt bewiesen, sagt Gerhardt. Wer rot-grün verhindern wolle, müsse FDP wählen.Die Grünen warnen dagegen vor dem Gespenst der großen Koalition. Daß SPD und Union nach der Wahl gemeinsame Sache machten, könne nur die Zweitstimme für die Grünen verhindern, erklärt Trittin. 25 000 sogenannte "Störer" verschickt die Parteizentrale gerade an ihre Grünen-Kreisverbände. Das sind kleine Papierstreifen, die nachträglich auf die Wahlplakate geklebt werden. Darauf steht die Aufforderung der Grünen an die Wähler, wenigstens die Zweitstimme an ihre Partei zu geben.Die Parteien im Endspurt da zählt diesmal, wo es so knapp zu sein scheint wie selten, jeder einzelne Tag. Gerhard Schröder mag sich schon am Montag nicht mehr mit dem fernen Gestern aufhalten. Die Bayernwahl? "Das ist schon ein Stück Geschichte, Landesgeschichte", sagt er.