RIO DE JANEIRO. So klingt Hugo Chavez selten. "Eines Tages wird die große Gasleitung des Südens von Caracas nach Buenos Aires gebaut werden. Das sagen mir mein Herz und meine Erfahrung. Ich glaube daran", sagte Chavez dieser Tage - ungewohnt zaghafte Töne für den sonst so forschen linksgerichteten Präsidenten Venezuelas, der jahrelang ein Riesenprojekt nach dem anderen angekündigt hatte, während die Ölpreise stiegen und Venezuelas Wirtschaft wuchs und wuchs. Aber der etwas gespenstische Plan, für 23 Milliarden Dollar eine Gasleitung durchs Amazonasgebiet zu bauen, ist nur eines von Chavez' Wolkenschlössern, von denen kaum noch die Rede ist. Venezuela hat nun ganz andere Probleme, Chavez muss kleinere Brötchen backen.An jedem zweiten Tag ohne StromDie Wirtschaft Venezuelas wird in diesem Jahr nach Prognose des Internationalen Währungsfonds um 0,4 Prozent schrumpfen, während ganz Lateinamerika UN-Schätzungen zufolge um 3,4 Prozent wachsen wird. Das dringendste Problem ist die Energiekrise im Ölland Venezuela, von der Haushalte, Einkaufszentren und Fabriken seit Monaten betroffen sind. Vier Stunden lang wird der Strom jeden zweiten Tag abgeschaltet, und das im ganzen Land außer im Großraum Caracas.Schuld sei die Trockenheit, erklärt die Regierung. Tatsächlich ist der Wasserspiegel der Staudämme gefährlich gesunken. Aber das Krisenmanagement funktioniert schlecht. Ein neu geschaffenes Elektrizitätsministerium verkündete drastische Stromsperren, die Chavez persönlich zurücknehmen musste, bevor er den Minister feuerte. Nun sollen brasilianische Ingenieure erste Hilfe leisten. "Viele Probleme können schon durch Instandhaltungsarbeiten gelöst werden", sagte Marco Aurélio Garcia, der als Berater des brasilianischen Präsidenten die Nothilfe ausgehandelt hat.Während Chavez die Schuld aufs Wetter schiebt, werfen ihm seine Kritiker vor, die Infrastruktur des Landes vernachlässigt zu haben. Der Stromverbrauch wächst seit Jahren um durchschnittlich 4,5 Prozent, aber das Stromnetz wurde nur um jährlich 1,5 Prozent ausgeweitet. Um den Kollaps zu vermeiden, muss Venezuela jetzt 1 600 Megawatt einsparen - 11,4 Prozent der Nachfrage.Unternehmen sollen mit 20 Prozent weniger Strom auskommen, weshalb die Produktion zurück gefahren werden muss. Allein der 2008 verstaatlichte Stahlriese Sidor wird deshalb seine Exporte um 35 Prozent drosseln. Bereits im vergangenen Jahr ist die Produktion um 7,2 Prozent gefallen, das Bruttoinlandsprodukt um 2,9 Prozent geschrumpft.Gewaltiger InvestitionsbedarfDie Stromkrise wirft auch die Frage auf, welchen Sinn es 2007 machte, den Stromerzeuger EDC zu verstaatlichen. Zur Begründung hieß es damals, die Elektrizitätsgewinnung sei von strategischer Bedeutung und müsse deshalb vom Staat kontrolliert werden - bloß scheint es nun der Staat zu sein, der den Sektor heruntergewirtschaftet hat. Zudem ist Strom, wenn er denn fließt, billig. Die Tarife liegen bei einem Drittel der Produktionskosten, was den Konsumenten nicht unbedingt zum Sparen anhält. Zugleich lässt dies keinen Spielraum zum Investieren. Dabei müsste der Staat bis 2014 rund 14 Milliarden Dollar in sein Elektrizitätssystem stecken.Ähnlich wie die regelmäßigen Stromabschaltungen greifen die Folgen der Abwertung, die die Regierung im Januar für die Landeswährung beschloss, tief ins Alltagsleben der Bevölkerung ein. Kaum war sie verkündet, schwärmten die Venezolaner zum Hamstern aus. Über 1 500 Geschäfte wurden daraufhin zeitweilig von der Polizei geschlossen, weil sie die Preise unzulässig erhöht hatten. Als man auch bei der von der französischen Gruppe Casino kontrollierten Supermarkt-Kette Éxito Spekulation vermutete, wurden die Filialen zur Strafe kurzerhand verstaatlicht.Das neue System sieht nun drei verschiedene Wechselkurse vor: Für als vorrangig angesehene Importe wie Medizin oder Investitionsgüter wird der Dollar zum Kurs von 2,6 Bolívares Fuertes getauscht, für als weniger wichtig betrachtete Einfuhren müssen 4,3 Bolívares pro Dollar bezahlt werden. Ein dritter Kurs gilt für bestimmte Kapitalbewegungen. Seit der Einführung des Bolívar Fuerte vor zwei Jahren galt stets der offizielle Kurs von 2,15.Plus statt DefizitDie großen Gewinner der Abwertung sind der Staat und der staatliche Ölkonzern PdVSA, deren Einnahmen vor allem aus Petro-Dollars bestehen. Denn die verwandeln sich nun nicht mehr durch den Faktor 2,15, sondern 4,3 in die Landeswährung. Aus dem Haushaltsdefizit wird nun also ein leichtes Plus, Chavez hat die Kassen wieder voll. Ende September sind Wahlen, und um sie zu gewinnen, muss Chavez soziale Wohltaten verteilen.Denn Umfragen zufolge sind weder die Regierung noch ihr Chef momentan besonders beliebt. Außerdem kommen zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch andere Probleme: die haarsträubende Kriminalität, die Chavez auf die Destabilisierungspolitik der Rechten zurückführt, der zunehmend autoritäre bis diktatorische Charakter des Regimes oder der gerade wieder eskalierende Konflikt um die wenigen oppositionellen Medien, die es noch gibt.Statt einzulenken und Allianzen zu suchen, die den Druck vermindern könnten, verhärten sich Chavez und seine Entourage immer mehr. Als ihm, aus offiziell nicht näher erläuterten persönlichen Gründen, sein Vizepräsident von der Fahne lief, berief er Elías Jaua zum Nachfolger, einen ihm treu ergebenen Jung-Radikalen, der als Agrarminister Land und Lebensmittelfabriken enteignet hat. Dass jenseits der ideologischen Frage, ob Verstaatlichungen wünschens- oder verdammenswert sind, der venezolanischen Regierung die Steuerungskapazität fehlt, um riesige Staatskonglomerate halbwegs erfolgreich zu managen, ist ein Thema, dem Hugo Chavez völlig aus dem Weg geht.Stattdessen hat er sich kürzlich erstmals offen und im Gegensatz zu früheren Äußerungen als Anhänger von Karl Marx bekannt, obwohl er zugleich einräumte, "Das Kapital" nie gelesen zu haben. "Egal ob er sagt, er sei Marxist oder Presbyterianer", spottet Teodoro Petkoff, ein linker Chavez-Gegner, "ideologische Fragen haben ihn nie besonders gekümmert, wenn sie nicht seinen Zwecken dienen".------------------------------Wirtschaftsleistung geht zurückBedarf: In dem Land an der Karibikküste leben etwa 27,5 Millionen Menschen. Der Stromverbrauch wächst seit Jahren, doch die Infrastruktur ist marode. Bis 2014 müssten 14 Milliarden Dollar in das Stromnetz investiert werden.Aussicht: Der Internationale Währungsfonds sagt Venezuelas Wirtschaft 2010 einen Rückgang um 0,4 Prozent voraus - entgegen dem Trend in Lateinamerika. UN-Schätzungen zufolge wird die Wirtschaft der Region im Schnitt um 3,4 Prozent wachsen.------------------------------Grafik: Venezuelas Wirtschaftswachstum (2002-2010)Foto: Venezuela hat sein Stromnetz vernachlässigt. Folge: Stromabschaltungen.