Der Präsident bat um Gebete -- für "alle Haitianer, für unsere Soldaten und für die Sache des Friedens". Spät am Sonnabend abend -- früh am Morgen nach europäischer Zeit -- hielt BiII Clinton eine kurze Rede vor dem Black Caucus, einem Zusammenschluß afro-amerikanischer Politiker. "Die Zeit für Gerede ist vorüber", wiederholte er seine Drohung an die Adresse der Machthaber In Haiti, fügte aber hinzu: Noch gibt es Raum für ernsthafte Gespräche.uDer Präsident war in dunklem Straßenanzug und mit schlichter Krawatte erschienen. Alle anderen Gäste trugen Smoking. Clinton entschuldigte sich für sein Aus-der- Kleiderordnung-Fallen -- und sein Zuspätkommen -- mit dem Druck der Ereignisse. Während er sprach, saßen der frühere US-Präsident Carter, der ehemalige US-Stabschef Colin Powell und Senator Sam Nunn auf Haiti mit General Cedras zusammen. Knapp 24 Stunden zuvor hatte Clinton entschieden, einen letzten Versuch zu unternehmen, Gedras, dessen Stabschef Philippe Biamby, und Polizeichef Michel Francois ohne Gewalt aus Haiti zu entfernen. Es hieß, das Weiße Haus habe Signale aus Haiti enthalten, die drei könnten zum Nachgeben bereit lein, wenn Washington einen hochrangigen Unterhändler schicke. Nun schickte es gleich drei.Carter hatte Clinton schon vor einer Woche angeboten, als "Privatmann" nach Haiti zu reisen und dort zu versuchen, was ihm zuletzt vor einigen Monaten in Nordkorea gelang& eine politische Zeitbombe im letzten Augenblick zu entschärfen. Nunn, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im US-Senat, hatte noch am Mittwoch, unmittelbar vor Clintons dramatischer Rede an die Nation, zum Verhandeln mit Cedras und Co gemahnt. Und Powell, der Stratege des Golfkriegs, gilt als der Mann in Washington, den Cedras am meisten respektiert. Zudem ist Powell ein Sohn jamaikanischer Einwanderer, also jemand mit karibischen Wurzeln.Hintertür für GeneräleIn seiner Fernsehrede hatte Clinton gesagt, alle diplomatischen Möglichkeiten, den Konflikt um Haiti zu lösen, seien erschöpft. Auch dabei aber hatte er den Generälen bereits eine Hintertür offengelassen: "Noch können sie sich bewegen." Clinton hatte zudem Wert darauf gelegt, daß alle Truppenbewegungen, alle lnvasionsvorbereitungen im prallen Scheinwerferlicht der Medien stattfanden. Sehr im Gegensatz zu Ronald Reagans Invasion auf Grenada 1983. Damals landeten 1 900 Gis ohne Vorwarnung. Reagan wollte den Militärschlag und setzte auf den Überraschungseffekt. Clinton tat alles, Gewaltanwendung zu vermeiden. Er wollte die haitianischen Militärs davon überzeugen, daß er es ernst meinte.Landen würden die US-Truppen auf Haiti so oder so, versicherte das Weiße Haus. Sie sollen strategische Punkte besetzen, amerikanische Staatsbürger schützen, Ruhe und Ordnung gewährleisten, das Militär entwaffnen.Pure FingerübungDie Invasion selbst galt dem Pentagon als pure Fingerübung. "Der Militäraspekt ist eine Sache von Stunden, maximal einem Tag oder zweien, sagte Perry. Zwanzig Kriegs-schiffe lagen am Sonntag vor Haiti bereit. Der gefährlichste Teil, warnten jedoch die Militärs, würde es sein, Gedras, Biamby und Francois zu fassen. Nach der Invasion in Panama 1989-24 000 US-Soldaten waren beteiligt -- floh Präsident Noriega in die vatikanische Botschaft. Es dauerte Wochen, bis er sich ergab. In Straßenkampfen kamen 23 US-Soldaten um, 285 wurden verwundet.Gedras, Biamby und Francois friedlich zu enrfernen, könnte also, so ein Regierungsbeamter In Washington, "allen Unterschied der Welt machen". Sicher, auf Haiti gebe es "eine MengeSchurken, aber wenn die Großen Drei gegangen sind, ist die Chance gering, daß sich bemerkenswerter Widerstand organisieren kann".FinanZiers gesuchtPanamas Präsident Balladares bot Cedras Asyl In Panama an -- doch nur, solange Cedras friedlich abträte. Was Carter, Powell und Nunn anzubieten hatten, war aber mehr als ein sicheres Exil im Ausland. Ziel der Carter-Mission war es auch, Meinungsmachern auf Haiti nahezubringen, daß der Inselstaat von einer friedlichen US-Invasion nur profitieren würde. Die Weltbank hat zugesichert, haitianische Auslandsschulden In Höhe von 80 Millionen Dollar nach einer Rückkehr des gewählten Präsidenten Aristide zu annullieren. Die US-Regierung, Aristide, die Weltbank und die Vereinten Nationen haben einen Plan zur Ökonomischen Wiederbelebung Haitis ausgearbeitet. Dafür werden 550 Millionen Dollar jährlich gebraucht -- mindestens über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg. Clinton hat zugesagt, im ersten Jahr hundert Millionen Dollar dafür aus dem US-Haushalt bereitzustellen. Weitere Finanziers werden gesucht.Die Statistiken sind niederschmetternd: drei von vier Haitianern arbeitslos, vier von fünf Analphabeten. Die Wälder der Insel wurden abgeholzt. Stattfinden mus, schrieb Karibik-Kenner Ivan Musicant in der Zeitung "Miami Herald", "eine massive Anstrengung zur Wiederaufforstung und eine Rückkehr zur bäuerlichen Landwirtschaft anstelle von Plantagenwirtschaft; die Menschen können sich nicht von Zucker, Kaffee und Tabak ernähren."Ziel der Carter-Mission war es auch, die hellhäutige Oberschicht von Haiti zu überzeugen, daß Aristide es mit seinem Versprechen ernst meint, für keine zweite Amtszeit zu kandidieren, Aristide versicherte am Freitag abend auf einem Empfang des Weißen Hauses zudem erneut, In Richtung der Anhänger von Cedras und Co: "Habt keine Angst! Wir sagen nein und immer wieder nein zu Rache, nein zu Vergeltung. Laßt uns Frieden schließen." Noch am Sonntag mittag aber sagte ein Cedras-Berater ins Mikrofon des Fernsehsenders CNN, kein Wort davon sei wahr. Die Amerikaner müßten endlich Aristide als das erkennen, was er sei. Ein Aufrührer, ein gefährlicher Demagoge -- in den Augen der Militärs, die Ihn gestürzt haben. Und in den Augen der haitianischen Oberschicht, in deren Interesse Cedras handelte.Zeichen der GötterNicht nur Clinton setzte auf die Kraft des Glaubens. Haiti ist eine Hochburg des Voodoo-Kults. Emile Jonassaint, der von den Militärs eingesetzte Ersatz-Präsident Haitis, behauptet, in Kontakt mit Dambal Eizulie zu stehen, einer Voodoo-Gotthelt, und in der Lage zu sein, Unglück über Clinton und die Amerikaner zu bringen. Der Absturz eines Flugzeuges auf dem Rasen hinter dem Weißen Haus vor einer Woche, der Kabeibrand In den Räumen des Präsidenten, der Sportunfall von Vizepräsident Gore -- all das waren, so gesehen, Zeichen der Götter. Jonassamt hat gedroht, die Haitianer würden amerikanische Soldaten mit einem speziellen Zauberpulver besprühen, das sie in Zombies verwandelt. Clinton und Garter waren offenkundig gewillt, die Macht des Kults über die Vorstellungskraft der Menschen auf Haiti nicht zu unterschätzen. So traf sich die Carter-Delegation nicht nur zweimal mit Gedras, sondern noch am Sonntag mittag auch mit Jonassaint.Jimmy Carter und Ex-Stabschef Powell (rechts) in Port-au-Prince.Tausende Haitianer flüchten aus der Hauptstadt ins Landesinnere.