Deutschlandweit werden jedes Jahr Tausende Wohnhäuser mit einer Wärmedämmung ausgestattet. Die Bewohner sollen so Energie sparen und das Klima schützen. Doch eines der am häufigsten eingesetzten Materialien, expandiertes Polystyrol, vielen besser bekannt unter dem Namen Styropor, gerät zunehmend in die Kritik: Es kann sich bei einem Brand entzünden. Jetzt reagiert die Politik. Die Zulassungsbestimmungen für die Wärmedämmung sollen verschärft werden, hat die Bauministerkonferenz beschlossen. Das Problem: Bereits gedämmte Häuser genießen Bestandsschutz. Sie müssen nicht nachgerüstet werden.

Das Ergebnis eines Versuchs war eindeutig. 15 Minuten nach Entzünden der Brandquelle in Gestalt einer Holzkrippe vor dem Haus hatte sich das Feuer zum Vollbrand entwickelt und über die gesamte Wandfläche von zirka 60 Quadratmetern ausgebreitet – verbunden mit massiver Flammen- und Rauchentwicklung. Das Urteil der Experten fiel denn auch vernichtend aus: Das verwendete Wärmedämmverbundsystem einschließlich der Brandschutzmaßnahmen habe versagt. Das alarmierende Ergebnis findet sich in einem Bericht über das Brandverhalten von Wärmedämmungen aus Polystyrol, über den die Bauminister Ende vergangenen Jahres beraten haben.

Der Bericht weist nach, wie gefährlich Wärmedämmungen aus Polystyrol sein können, wenn die Brandquelle außerhalb des Hauses liegt – und keine Brandriegel an der Fassade eingebaut wurden. Brandriegel sind umlaufende Unterbrechungen der Fassaden-Dämmung durch nicht-brennbares Material, zum Beispiel Mineralwollstreifen. Sie sollen die Ausbreitung eines Feuers verhindern. Waren bei den Versuchen feuerfeste Brandriegel in 0,6 sowie in drei Meter Höhe angebracht, hielt die Fassadenkonstruktion dem Brand stand, heißt es im Bericht.

Die Besonderheit des auf Ölbasis hergestellten Polystyrols ist, dass das Material bei einem Brand durch die Hitze schmelzen, dann herunterlaufen und sich an der Brandquelle im Sockelbereich entzünden kann. Während eines Feuers kann die Brandlast damit zunächst sogar noch zunehmen. Die Brandriegel sollen das verhindern. Sie sind jedoch nicht überall vorgeschrieben. Häuser zwischen sieben und 22 Metern Höhe müssen bisher keine Brandriegel haben, wenn die Wärmedämmung nur bis zu zehn Zentimeter dick ist.

Die Gebäudehöhe bezieht sich dabei auf den Abstand von der Geländeoberfläche bis zur Fußbodenoberkante des höchsten Geschosses mit einem Aufenthaltsraum. Die meisten Einfamilienhäuser fallen deswegen nicht unter die Regelung. In Hochhäusern darf Polystyrol indes nicht als Wärmedämmung eingesetzt werden. Es gilt eine Grenze von sechs Stockwerken oder 22 Metern. In Hochhäusern dürfen nur nicht-brennbare Dämmmaterialien zum Einsatz kommen.

In ganz Deutschland wurden zirka 900 Millionen Quadratmeter Fassaden in vier Jahrzehnten mit Polystyrol gedämmt. Beliebt ist das Material vor allem, weil es preiswerter als mineralische Dämmstoffe ist. Für bereits gedämmte Häuser, für die Bestandsschutz gelten soll, will die Bauministerkonferenz lediglich Empfehlungen geben – zum Beispiel für einen ausreichenden Abstand von Müllplätzen zu bestehenden Wohnhäusern. Gerade Müllcontainer fangen immer wieder Feuer, was eine Gefahr für die Fassaden darstellt.

Zusätzliche Brandriegel

Wie die Zulassungsbestimmungen für Wärmedämmungen geändert werden, ist offen. „Die Dämmstoffindustrie wird sich auf jede Anpassung der Bauregeln einstellen“, erklärte der Industrieverband Hartschaum auf Anfrage der Berliner Zeitung. Die Styropor-Industrie habe bereits im Vorfeld neue, innovative Brandriegel entwickelt, die eine Brandausbreitung im fertig verputzten Zustand wie auch im Bauzustand verhindere. „Von 185.000 Bränden pro Jahr liegen Fassadenbrände unterhalb von 0,1 Promille“, versucht der Verband zu beschwichtigen.

Wie viele Häuser in Berlin eine Wärmedämmung aus Polystyrol haben, kann der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) nicht sagen. Er nehme Fragen zum Brandschutz aber sehr ernst. „Dabei ist in Deutschland davon auszugehen, dass bauaufsichtlich zugelassene Produkte und Systeme ausreichend sicher sind“, erklärt der BBU. Bei Polystyrol handele es sich um einen vom Deutschen Institut für Bautechnik geprüften und zugelassenen Baustoff.

Der BBU erwartet, dass künftig zusätzliche Brandriegel im Sockelbereich der Wohnhäuser verlangt werden, um bei vorsätzlicher Brandstiftung eine Ausbreitung des Feuers zu begrenzen.