Sie ist ein ziemlich unbekanntes Wesen, dabei gibt es gut und gerne 44 Millionen oder noch mehr Exemplare von ihr. Aber sie tritt selten in Erscheinung, nur alle vier Jahre rückt sie plötzlich in den Mittelpunkt erregter politischer Debatten. Dann aber ist sie heftig umworben und wird sogar öffentlich plakatiert, manche sprechen von einer richtigen Kampagne für sie.

Dabei hat sie ohnehin fast jeder Erwachsene, zumindest für eine bestimmte Zeit. Allerdings bleibt sie in der Regel inkognito, man könnte auch sagen: geheim. Der Umgang mit ihr ist heikel und nicht ganz einfach. Viele Menschen wollen sich deshalb auch gar nicht zu ihr äußern. Zu guter Letzt wird sie dann meistens einfach abgegeben, manchmal auch verschenkt, und, oh je, in eine Urne geworfen!

Anders als beim Menschen ist dies freilich nicht das Ende ihres Daseins, ganz im Gegenteil. In der nur von einem schmalen Schlitz schwach belichteten Dämmerung ruht sie inmitten ihrer Artgenossinnen maximal zwölf Stunden, ehe sie erst so richtig zum Leben erweckt wird. An einem bestimmten Sonntag im Jahr werden um 18 Uhr in ganz Deutschland auf einen Schlag Zehntausende jener aus Holz, Metall oder Kunststoff gefertigten Behälter geöffnet, die diesen etwas befremdlichen Namen Urne tragen, und sie wird befreit. Dann erst entfaltet sie ihre ganze Kraft, und die ist gewaltig. Sie ist so stark, dass sie Erdrutsche, gar Erdbeben auslösen und ganze Regierungen im Handumdrehen davonfegen kann.

Dabei haben ihre Schöpfer diese Kraft hinter ihrem Namen gut verborgen. Zweitstimme heißt sie, und was kann das schon groß sein, sollte man denken – Zweitwagen, Zweitwohnung, Zweitzeitung, das ist alles Luxus, etwas, das manche sich leisten können, aber doch nie die Hauptsache ist. Man könnte auch auf zweite Wahl kommen, eine minderwertige Ausgabe des Originals.

Doch mit der Zweitstimme verhält es sich ganz anders. Sie ist die Hauptsache bei der Bundestagswahl, ihre Schwester mit dem tollen Namen, die Erststimme, spielt nur die zweite Geige. Denn mit der Zweitstimme, jener, die man rechts auf dem Wahlzettel ankreuzen kann, entscheiden die Wähler sich für eine Partei, und damit bestimmen sie die Zusammensetzung des Bundestages.

Die Erststimme gilt dem Wahlkreiskandidaten und ist sozusagen verloren, wenn sie dem Bewerber galt, der nur auf den zweiten, dritten oder siebten Platz im Wahlkreis kommt. Die Zweitstimme zählt dagegen immer – jedenfalls so lange, wie die Partei, der sie zugedacht ist, mit ihrer Hilfe die Fünf-Prozent-Hürde überspringt. Das macht sie so stark und alle vier Jahre so attraktiv besonders für Parteien, die mit dieser Hürde Probleme haben.

Weil das mit dem Namen so verwirrend ist, haben manche Bundesländer die Zweitstimme einfach umbenannt – in Parteienstimme oder Listenstimme zum Beispiel. Aber das schert die Zweitstimme wenig. Sie bleibt, was sie ist und behält ihre Bedeutung, egal, wie man sie nennt.