Bangkok - An den Ringen seiner Hand blitzen Brillanten. Die schwere Armbanduhr wirkt wertvoll wie ein Klumpen Gold. Der König von Balch, wie Bewohner der Stadt Masar-i-Scharif ihren Provinzgouverneur Atta Mohammad Noor nennen, strotzt inmitten seines Palastes vor Selbstbewusstsein. „Wir haben Unterstützung im ganzen Land“, behauptete er bereits im Herbst des vergangenen Jahres in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung, „wir werden die Präsidentschaftswahl gewinnen.“ In seinem Maßanzug, mit den kurzen schwarzen Haaren und dem grau melierten Drei-Tage-Bart wirkte der frühere Milizenchef so gar nicht wie einer der finsteren Haudegen, die mit Turban und langem Bart das Klischee des afghanischen Kriegsfürsten verkörpern.

Öffentlich zelebrierte Verschwörung

Vor einer Woche machte der etwa 1965 geborene frühere Lehrer, der es auch dank lukrativer Projekte der in Masar-i-Scharif stationierten Bundeswehr zum Milliardär brachte, deutlich, dass er zum Spiel mit der Zukunft Afghanistans bereit ist: „Ich erkläre hiermit, dass wir zur Verteidigung der demokratischen und bürgerlichen Rechte unseres Volkes und dem Interesse unserer Nation verpflichtet sind. Wer so denkt wie wir, sollte sich vorbereiten.“ Seit der Brandrede lässt er täglich Stammesvertreter aus ganz Afghanistan nach Masar-i-Scharif einfliegen. Die öffentlich zelebrierte politische Verschwörung lässt manchen Afghanen um die Sicherheit fürchten.

Attas Geld finanzierte den Präsidentschaftswahlkampf des Kandidaten Abdullah Abdullah. Der Tadschike bezahlte für Büros der früher auf Nordafghanistan beschränkten Partei Jamiat-e-Islami im ganzen Land. Atta, an dessen Macht sich auch der bisherige Präsident Hamid Karsai die Zähne ausbiss, zieht es nach Kabul, und er nutzt Abdullah wie eine Marionette für sein Machtspiel. Attas Weigerung, das provisorische Wahlergebnis anzuerkennen, das den Paschtunen Aschraf Ghani als Sieger sah, führte Afghanistan wenige Monate vor dem Abzug westlicher Kampftruppen ins politische Niemandsland.

„Wenn seine Strategie aufgeht, würden die bestehenden Machtverhältnisse in Afghanistan auf den Kopf gestellt“, sagt ein Diplomat, der viele Stunden mit dem Hasardeur verbrachte, „denn er will auch die Rolle der Panjsheeri schmälern.“ Die verschworene Truppe von alten Kämpfern um den 2001 ermordeten Kriegsfürsten Ahmed Schah Massud aus dem Panjsheer-Tal nördlich von Kabul kontrolliert gegenwärtig vom Geheimdienst bis zur Polizei und den Streitkräften die Sicherheitskräfte. Nur ein Teil von ihnen schlug sich bislang auf Attas Seite. Die Paschtunen im Süden des Landes misstrauen dem Tadschiken aus dem Norden trotz seiner Charmeoffensive bei Stammesvertretern.

„Sehen Sie sich doch draußen auf den Straßen um“, fordert Atta Besucher auf, die seine nationale Tragfähigkeit anzweifeln. „Gibt es eine andere Region in Afghanistan, wo es den Leuten so gut geht und wo sie so sicher sind?“ Tatsächlich betrug das Wirtschaftswachstum in der Provinz Balch rund um Masar-i-Scharif 2012 satte 20 Prozent. Inzwischen leidet der Norden angesichts versiegender Millionen aus dem Westen wie der Rest des Landes unter einer schrumpfenden Wirtschaft.

Sicherheit gegen Schmiergeld

Atta glaubt, sein Modell privater und öffentlicher Partnerschaft könnte auch im Rest des Landes funktionieren. Unternehmen, die in seiner Region investierten, beteiligten ihn über Strohmänner an ihren Vorhaben. Im Gegenzug gab es Sicherheit. So verdiente Atta auch ordentlich an den Milliarden, die die deutsche Bundesregierung rund um Masar-i-Scharif investierte. Dank dieser Freundschaft entwickelte Atta auch einen Hang zu deutschen Automobilen. Einen gepanzerten Mercedes gab er an seinen Stellvertreter weiter, stattdessen kaufte er ein paar pompöse Audis mit Allrad-Antrieb. „Mit meinem eigenen Geld“, versicherte er ungefragt der Berliner Zeitung, ganz so, als ob es einen Unterschied machen würde.

Die Kunst des Verlierens freilich lernte er nie. Atta ist überzeugt, dass sein Intimfeind Hamid Karsai seinen Kandidaten Abdullah um den Wahlsieg betrügt. „Ich war ein Mujaheddin, ich habe gegen die Sowjetunion gekämpft. Ich habe ein Recht, hier zu sein“, sagt der Gouverneur in seinem Palast in Masar-i-Scharif. Tatsächlich gemeint ist damit wohl die Hauptstadt Kabul.