Brüssel - Ein Referendum hätte sie werden sollen, die Parlamentswahl in Luxemburg. Ein Referendum über Jean-Claude Juncker. Vorgezogene Neuwahlen hatte der immerwährende Premier ausgerufen, nachdem man ihm im Abhörskandal um den Geheimdienst SREL persönlich mangelnde Kontrolle vorgehalten hatte. Juncker stellte sich dem Urteil der Wähler, und die haben am Sonntag in Luxemburg entschieden: Es wurde aber nur ein halber Freispruch für den Premier, das wurde um kurz nach Mitternacht klar, als der letzte Wahlkreis ausgezählt war.

Junckers Christdemokraten errang demnach 23 Sitze der 60 Mandate im Luxemburger Parlament, sie stellen damit weiterhin die stärkste Fraktion, müssten aber leichte Verluste hinnehmen und drei Sitze abgeben. Die Sozialdemokraten, die es mit Etienne Schneider in den 18 Jahren von Junckers Amtszeit als Premier erstmals wagten, einen eigenen ernsthaften Spitzenkandidaten aufzustellen und ein Ende der großen Koalition anzudeuten, verloren leicht, konnten aber ihre 13 Sitze verteidigen. Die Überraschung der Luxemburger Wahl ist die Demokratische Partei (DP), die Liberalen legten vier Sitze zu und stellen nun ebenfalls 13 Abgeordnete. "Wir sind überglücklich", sagte ihr Spitzenkandidat Xavier Bettel.

Juncker ist also ein geschwächter Sieger. Heimlicher Gewinner des Wahlabends aber ist der Liberale Xavier Bettel und seine Demokratische Partei (DP). Breit strahlend trat er am Wahlabend vor die Kameras, mit Jackett und weißem Hemd, aber ohne Jeans und Krawatte. Ein neuer Stil hält Einzug in Luxemburg. Der 40-jährige Jurist Bettel ist seit 2011 Oberbürgermeister von Luxemburg, er hat nun im Ringen um eine Koalition als Parteichef der Liberalen eine Schlüsselposition inne.

Juncker könnte sich nämlich um die Sozialdemokraten bemühen, das ist nach dem jüngsten Wahlkampf wenig wahrscheinlich. Oder aber um Xavier Bettel und seine liberale DP. Das freilich dürfte schwierig werden. Zum einen aus persönlichen Gründen. Bettel hatte sich vor fünf Jahren offen zu seiner Homosexualität bekannt. Die christdemokratische Staatssekretärin Octavie Modert hatte ihn daraufhin öffentlich als „Fräulein“ verunglimpft. Nicht eben die feine Art.

Luxemburg ohne Juncker rechnerisch möglich

Neben solchen persönlichen Differenzen stehen aber auch politische Unterschiede. Auch Luxemburg hat die Krise getroffen. Aber in der immerwährenden Amtszeit Junckers wurden etliche Reformen verschleppt. Juncker will nun Abgaben wie die Mehrwertsteuer erhöhen. Das gehört nicht eben zum liberalen Kernprogramm. Zudem legte auch die Linkspartei zu, das zeigt: Auch im Bankplatz Luxemburg sehnt man sich nach mehr sozialer Wärme.

Bettel selbst hatte stets betont, wie glücklich er im Amt des Luxemburger Oberbürgermeisters sei. Schließlich durfte er im Vorjahr selbst den Erbprinzen standesamtlich trauen. Einen Wechsel in die nationale Politik hatte Bettel stets ausgeschlossen. Mit einer Ausnahme: als Regierungschef. Mit einem Dreierbündnis aus Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen, könnte es für Bettel sogar rechnerisch reichen. "Arithmetisch möglich", sagte Bettel denn auch zu einer möglichen Koalition ohne Juncker.

Luxemburg ohne Juncker? Fast undenkbar. Aber mehr als ein Kalkül. Eine Koalition gegen die stärkste Fraktion der Christdemokraten freilich hatte es zuletzt von 1974 bis 1979 zur Zeit der sozialliberalen Koalition in Luxemburg gegeben. Dem Land drohen langwierige Sondierungsgespräche. Berliner Verhältnisse also. Und über allem mischt sich eine kleine Abenddämmerung. Juncker mag sein Amt nochmal verteidigen. Aber er ist geschwächt. Durch die Geheimdienstaffäre. Durch das Wahlergebnis. Und durch den Lauf der Dinge. 1982 wurde Juncker zum Sozialminister in Luxemburg befördert, da stand in Berlin noch die Mauer. 1995 stieg er zum Regierungschef auf. In Europa reagierten damals noch Helmut Kohl und Francois Mitterrand. 2005 wurde er Chef der Eurogruppe und sollte in der Krise Mr. Euro werden. Juncker ist zwar schon immer da, aber er wird im Dezember erst 59 Jahre alt. Das ist eigentlich kein Alter für einen Politiker.

Aber mit dem Liberalen Xavier Bettel (40) und dem Sozialdemokraten Etienne Schneider (42) steht in Luxemburgs Politik ein Generationswechsel an. Noch ist Juncker im Spiel, selbst in die Opposition wollte er gehen, auch er hatte er stets betont: „Brüssel kommt nicht in die Tüte.“ Das Ergebnis vom Sonntag für den letzten Veteran des alten Europa aber zeigt. Auch in Luxemburg könnte sich das politische 20. Jahrhundert allmählich dem Ende zuneigen.