Die Berliner CDU kann frohlocken. Mit 29,0 Prozent hat sie nach Auszählung von 55 Prozent der Wahlkreise sehr klar am Sonntagabend die Bundestagswahl in Berlin gewonnen. Im Sog des Sieges von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf Bundesebene ist auch die Hauptstadt-Union mit einem Zugewinn von 6,2 Punkten auf lange nicht gekannte Höhen geklettert. Mit ihrem Wahlsieg übertrumpfte die Berliner CDU ihren Koalitionspartner SPD das erste Mal seit ihrer erneuten Regierungsbeteiligung im Dezember 2011 nicht nur im Umfragen, sondern auch bei Wahlen.

Die im Land führende SPD kam mit einem blauen Auge davon. Dank einem Plus von 4,3 Punkten im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 landete sie 24,5 Punkten wieder auf dem zweiten Platz. Damit machten die Sozialdemokraten im Vergleich zu 2009 Boden gut. Damals fuhren sie mit 20,2 Prozent und einem Minus von 14,1 Punkten ein desaströses Ergebnis ein, das schlechteste seit 1946.

Die Linke erzielte als einzige Partei in Berlin mit 19 Prozent ein fast gleich starkes Ergebnis wie 2009 (20,2). Auch ihre drei prominenten Bundespolitiker Gregor Gysi, Petra Pau und Gesine Lötzsch holten wieder souverän ihre Direktmandate.

Eine bittere Niederlage mussten Grüne und die FDP verkraften. Die in der Hauptstadt sonst traditionell starken Grünen büßten 6 Punkte ein und erzielten 11,4 Prozent. Die Liberalen verschwinden mit 2,9 Prozent in der Bedeutungslosigkeit. Bei der Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2011 waren sie mit 1,8 Prozent auch aus dem Landesparlament geflogen.

Die Piraten kamen auf nur 3,6 Prozent. Vor eineinhalb Jahren waren sie noch mit sensationellen 8,9 Prozent aus dem Stand als erste Piratenfraktion bundesweit ins Abgeordnetenhaus eingezogen. Dafür schaffte die euroskeptische AfD auf Anhieb 5,2 Prozent.

Für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und seine SPD wird die rot-schwarze Koalition mit der erstarkten CDU unter Führung ihres Vorsitzenden und Innensenators Frank Henkel ungemütlicher. Die Christdemokraten werden mit neuem Selbstbewusstsein deutlicher ihre Positionen in Senat und Abgeordnetenhaus vertreten.

Einen Vorgeschmack boten schon die koalitionsinternen Querelen um eine gemeinsame Haltung zum nächsten Volksentscheid. Zur künftigen Energieversorgung in Berlin am 3. November trotzte die CDU der widerstrebenden SPD ein Nein des Senats als Wahlempfehlung ab. Das Thema wird in Berlin in den nächsten Wochen zunehmend eine Rolle spielen. Beim Volksentscheid über den Rückkauf der Hamburger Energienetze zeichnete sich am Sonntagabend eine knappe Entscheidung dafür ab.

Wowereit hat sich zwar nach seinem dramatischen Popularitätsverlust wegen viermaliger Verschiebung des Eröfffnungstermins für den neuen Hauptstadtflughafen gefangen. Doch die Frage, ob der inzwischen am längsten amtierende Ministerpräsident mit dann 63 Jahren auch 2016 noch der geeignete Spitzenkandidat für die Berliner Genossen ist, wird weiter in der SPD diskutiert werden.

Die Berliner CDU profitierte von dem starken Ansehen Merkels und der Schwäche Wowereits. Ihr Vorsitzender Henkel konnte als Innensenator bisher wegen mehrerer Ungeschicklichkeiten bei der Aufarbeitung der NSU-Pannen in Berlin nicht die Statur neben Wowereit gewinnen, die die CDU-Anhänger gerne sähen. Henkel musste schmerzlich am eigenen Leib erfahren, dass Regieren wesentlich schwieriger als Opponieren ist. Dazu kamen der CDU im ersten Regierungsjahr gleich zwei Senatoren abhanden.

Nach dem Aus für Rot-Grün im Bund beugte Wowereit einer naheliegenden Großen Koalition im Bund gleich vor. „Die SPD hat Erfahrungen mit Schwarz-Rot, aber auch sehr schlechte Erfahrungen“, warnte er. Der SPD-Politiker weiß, wovon er spricht. Gemeint ist nicht das aktuelle Bündnis mit der Henkel-CDU, sondern die Große Koalition mit der CDU seines Amtsvorgängers Eberhard Diepgen von 1990 bis 2001. In der Zeit schrumpfte der Juniorpartner SPD von 30,4 (1990) auf 22,4 Prozent (1999) - während die CDU jeweils über 40 Prozent der Wählerstimmen erzielte. Allerdings legt die CDU derzeit sogar als kleinere Regierungspartei in der rot-schwarzen Koalition zu. (dpa)