Berlin - Die Berliner FDP hatte es nicht leicht in den letzten Jahren. Erst flogen die Liberalen 2011 aus dem Abgeordnetenhaus, zwei Jahre später wählten die Bürger die Freien Demokraten auch aus dem Bundestag.

Seitdem hat sich viel getan in der Hauptstadt. Mit der AfD drängt eine neue Partei mit wirtschaftsliberalen Positionen in die Berliner Politik. Insgesamt sechs Parteien könnten ins Landesparlament einziehen. Es gibt viel Konkurrenz um die Wählerstimmen.

Wer rein will ins Abgeordnetenhaus muss also auffallen im Berliner Wahlkampf. Und auffallen will vor allem die FDP. Wie keine andere Partei setzt sie im Wahlkampf auf öffentlichkeitswirksame Wahlkampf-Gags.

Der Inhalt verbirgt sich im Kleingedruckten

Ein Beispiel für diesen „Guerilla-Wahlkampf" konnten die Besucher des bekannten Partytempels Berghain am Sonntag bewundern. „Chemieunterricht darf nicht erst nach 24 Uhr stattfinden" hieß es auf dem Plakat, das die Liberalen vor Berlins bekanntestem Club präsentierten. Dass die Freien Demokraten damit auf den im Berghain verbreiteten Drogenkonsum anspielten, liegt nahe. In wesentlich kleineren Lettern konnte der interessierte Passant lesen, dass die FDP mehr Lehrer für Berlins Schulen fordert.

Und es ist nicht die einzige humorvolle politische Aktion der Liberalen in diesem Wahlkampf.

Kurz nach der Brexit-Entscheidung im Vereinigten Königreich präsentierte die FDP in London ein schadenfrohes Plakat, das sich an die dortige Start-Up-Szene richtete. Man solle ruhig bleiben und einfach nach Berlin ziehen, riet die FDP.

Auch in der Hauptstadt machen die Freidemokraten augenzwinkernd Wahlkampf. Neben einem Plakat des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller brachten die findigen Wahlkämpfer der FDP eine leere Plakatrückseite an und schrieben dazu: Liebe SPD, diese Seite des Plakats beschreibt Ihre Regierungsarbeit doch viel besser."

In allen drei Fällen gelang der Coup. In den sozialen Netzwerken wurden die Aktionen geteilt, auch die klassischen Medien berichteten zum Teil.

Doch bringen solche Aktionen den Liberalen auch Stimmen? Das wird sich am Wahltag zeigen. Auf jeden Fall ist es der FDP gelungen, ein wenig Spaß in den sonst eher drögen Wahlkampf zu bringen.

Allerdings hat die Partei mit "Spaß"-Wahlkämpfen in der Vergangenheit eher schlechte Erfahrungen gemacht. 2002 rief die Partei vor der Bundestagswahl die „Strategie 18" ins Leben. 18 Prozent der Wählerstimmen gab die Partei selbstbewusst als Ziel aus. Der damalige FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle ließ sich mit einer aufgemaltenZiffer„18" unter der Schuhsohle ablichten, tourte mit einem gelben „Guidomobil" durch Deutschland und stattete sogar dem Big-Brother-Container einen Besuch ab.

Die Auftritte wirkten peinlich, das Projekt misslang. Mit 7,4 Prozent der Zweitstimmen verfehlte die Partei ihr 18-Prozent-Ziel deutlich.

Derart negative Auswirkungen hatten die Spaßaktionen der Berliner FDP bisher nicht. Bei der Abgeordnetenhauswahl in knapp drei Wochen käme die Partei laut aktueller Forsa-Umfrage dennoch nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde. Die triumphale Rückkehr ins Landesparlament ist also trotz witziger Aktionen noch nicht sicher.

Vielleicht lenken die humorvollen Stunts aber auch davon ab, dass die Liberalen bisher im Wahlkampf kaum Themen setzen konnten. Neben der Forderung, den Flughafen Tegel auch nach der Inbetriebnahme des BER weiterzubetreiben, haben die Liberalen im Wahlkampf kaum öffentlichkeitswirksam mit ihren Anliegen punkten können - außer eben mit viralen Aktionen.

Ob das für den Einzug ins Parlament reicht?

Zu Schulzeiten wählen viele noch den Klassenclown zum Klassensprecher. Die meisten hören damit irgendwann auf.