Klaus Ernst kommt am Mittwoch nach Cottbus. Stimmt, das ist so aufregend wie der berühmte Sack Reis, der in China umfällt. Der ehemalige Vorsitzende der Linkspartei, heute Mitglied im Spitzenteam, kommt aber nicht einfach so. Er nimmt im „Brandenburger Hof“ an einer Diskussionsveranstaltung teil, zu der Wolfgang Neskovic eingeladen hat. Und dieser Bundestagsabgeordnete hat die linke Bundestagsfraktion Ende 2012 im Zorn verlassen, um nun als Unabhängiger zu kandidieren. Der Streit mit der Partei, der er nie angehörte, drehte sich um die Kritik des 65-Jährigen am seiner Ansicht nach zu liebedienerischen Kurs der Brandenburger Linken gegenüber dem Partner SPD.

Klaus Ernst ist nicht allein. Am 2. September kam die stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht auf Neskovic’ Bitte in die Lausitz, um mit ihm und dem sogenannten Euro-Rebellen Peter Gauweiler (CSU) über die Zukunft der Währung zu diskutieren. Am Montag hätte Sabine Leidig mit Neskovic in Spremberg auftreten sollen, die verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion. Doch „Frau Leidig hat bedauerlicherweise ihren Flieger verpasst“. Sagt der Jurist.

Protestbriefe und -mails

Es lässt sich in diesen Tagen jedenfalls allerlei Prominenz im Wahlkreis des Lübeckers blicken – und das, obwohl dieser dort gegen die von der Partei nominierte Kandidatin Birgit Wöllert antritt. Das Fremdgehen sorgte in der Linken zuletzt für erheblichen Ärger und wirft ein Schlaglicht auf Neskovic’ Versuch, diesmal auf eigene Faust ins Parlament einzuziehen.

Neskovic sagte der Berliner Zeitung: „Ich verstehe die Aufregung nicht. Hier wollten einige Funktionäre einen Kleinkrieg führen. Das wird auch von den Menschen als kleinkariert angesehen. In solchen Strukturen wollte ich einfach nicht mehr arbeiten.“ Er bezieht sich damit auf Versuche der Landespartei, die Auftritte von Wagenknecht und Ernst zumindest zu beeinflussen. So schrieb der Landesvorsitzende Stefan Ludwig vorab an die Berliner Partei- und Fraktionsführung, er finde Wagenknechts Absicht „sehr befremdlich und unsolidarisch gegenüber der Landes- und Kreispartei“. Landeswahlkampfleiter Matthias Loehr nahm in einer E-Mail „mit Bedauern zur Kenntnis“, dass Ernst eben Neskovic unterstütze und nicht Wöllert. Noch mehr stieß er sich an der Tatsache, dass die Veranstaltung in Cottbus das Motto hat: „100 Prozent sozial“. Dies sei ja das Motto der Linken und gehe „zu weit“. Wagenknecht hat die Kritik umschifft, in dem sie auf dem Podium zur Wahl der Linken aufrief. Ernst will selbiges tun. Offiziell sind die Wogen seither geglättet.

Dies ändert indes nichts daran, dass Neskovic sich mit den Vorzeigelinken schmückt. Überhaupt scheint sein Wahlkampf nicht aussichtslos. Inhaltlich ist Neskovic von der Linken nicht so weit entfernt, kann also auch auf deren Stammwähler spekulieren und wird Wöllert so oder so schaden. Differenzen gibt es beim Kohleabbau und der Hochschulpolitik. Neskovic’ Gegenkandidaten sind unbekannt, während der Ex-Justiziar der Fraktion, der zuerst der SPD und dann den Grünen den Rücken kehrte, eine bundesweite linke Figur ist, seitdem er als Richter für die Legalisierung von Cannabis plädierte.

„Ich glaube, meine Chancen sind recht gut“, sagt der Vater zweier Kinder denn auch. „Es gibt allgemein ein hohes Maß an Parteienverdrossenheit.“ Er setzt vor allem auf Nicht- und Protestwähler und damit auf ein Potenzial, aus dem die Linke bei der Wahl 2009 schöpfen konnte, das ihr jetzt aber nur noch bedingt zur Verfügung steht. Das Online-Portal Election.de hat 83 Prozent für die anderen Kandidaten ermittelt. Blieben 17 Prozent übrig. 23 Prozent könnten fürs Direktmandat reichen.

Neskovic’ Wahlkampf kann sich jedenfalls sehen lassen. Die Autorin Daniela Dahn war zu Gast, die Internetaktivistin Anke Domscheit-Berg wurde am Dienstagabend erwartet. Und am Mittwoch nun Klaus Ernst. Er will, wie er nach Brandenburg mailte, beitragen zu einer „Kultur der Toleranz“. Nicht alle werden das glauben.