Stralsund - Soviel Zeit muss sein. Der Mann in der Stralsunder Kreisverwaltung wird sich etwas gedulden müssen, aber wüsste er, wie verdächtig Pauls Windel riecht, er hätte bestimmt Verständnis. Claudia Müller fährt auf den Parkplatz, nimmt den Jungen aus dem Kindersitz, macht den Kofferraum auf, legt Paul hinein, reißt die alte Windel runter. „Geht ja noch“, sagt die Mutter und legt dem Sprössling die neue Windel um den Po. Paul lässt alles vergnügt mit sich machen. Claudia Müller nimmt das Kerlchen auf den Arm und geht mit ihm die Treppe hoch.

Paul ist acht Monate alt und muss derzeit mit auf Wahlkampf, weil es anders nicht geht. Seine Mutter ist die Chefin der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern. Sie ist 32 Jahre alt, ein dünnes, freundliches, energiegeladenes Wesen und im Moment sehr, sehr viel mit dem schwarzen VW-Diesel der Familie unterwegs. Sie würde gerne in den Bundestag einziehen, müsste dafür allerdings den Wahlkreis 15 – Stralsund, Rügen, Greifswald – gewinnen, was aus mehreren Gründen nicht sehr wahrscheinlich ist.

Der eine Grund heißt Angela Merkel. Die Kanzlerin gewinnt den Wahlkreis immer. Ein anderer Grund: Der Wahlkreis ist riesig, 3000 Quadratkilometer groß, keine 200.000 Wähler wohnen hier oben. Der Wahlkampf ist ein Wahlkampf der langen Wege, ein mühseliges Geschäft. Rauf auf Rügen, runter von Rügen, Stralsund, Grimmen. Vergangene Woche war die Grüne achthundert Kilometer unterwegs.

Oben in der Stralsunder Stadtverwaltung wartet Jörg Heusler. Er ist der Amtsarzt im Kreis Vorpommern-Rügen, mit ihm will Claudia Müller reden. Harald Terpe ist auch dabei. Er ist der Spitzenkandidat der Grünen, sitzt im Bundestag, ist selbst Arzt.

Amtsarzt Heusler hat eine Stunde Zeit. Er erzählt, wie es ihm geht, berichtet vom Stipendiatenprogramm für Medizinstudenten: 24.000 Euro für vier Jahre, wenn sich die angehenden Ärzte verpflichten, später vier Jahre lang als Hausarzt in Vorpommern zu praktizieren. Zwei Studenten hat man gewonnen, zwei weitere an der Angel. Den Mangel an Landärzten habe man derzeit noch im Griff. In Rambin auf Rügen ging vor kurzem ein 68-Jähriger, ein 65-Jähriger rückte nach. Heusler muss selbst lachen, als er davon berichtet.

Grüner Wahlkampf im Wahlkreis 15, das hat mit Plakaten nicht viel zu tun. Es sind Gespräche über den Ärztemangel, die die Kandidatin führt, über die alten Leute auf dem Lande, die Pflegeheime, die Demenzkranken, die langen Schulwege, die Zusammenlegungen von Schulen, Mobilität im weiten Land, die Bezahlung im Hotelgewerbe. Eigentlich macht Claudia Müller gar keinen Wahlkampf. Eigentlich erkundet sie ihren riesigen Wahlkreis, nimmt Kontakt auf mit den Leuten, mit Ärzten, Pflegerinnen, Imkern, Sozialarbeiterinnen. Mit der Wirklichkeit. Im nächsten Jahr ist Kommunalwahl im Nordosten. Das ist für sie viel wichtiger als jetzt die Bundestagswahl.

Denn die Grünen im Land sind noch klein, keine 600 Mitglieder, verteilt auf die größeren Städte, auf Schwerin und Rostock, Greifswald und Stralsund. Dazwischen ist weites Land. Abgemähte Maisfelder und Wiesen, Kleinstädte und Dörfer, in denen kleine Parteien wie die Grünen oft gar nicht vorkommen. Erst seit 2011 sitzen Grüne im Schweriner Landtag. „Wir stehen immer noch am Anfang“, erzählt die Wahlkämpferin. „Wir müssen uns bekannt machen, uns vernetzen, Leute kennenlernen.“ 180 Plakate von sich hat sie aufhängen lassen, einen Bruchteil dessen, was die CDU für die Kanzlerin an Laternen und Bäume binden lässt. Gegen diesen Apparat kommt sie sowieso nicht an. Dann lieber reisen und reden.

In Stralsund ein Messingschild: „Bundestagsabgeordnete der CDU Dr. Angela Merkel.“ Klingeln sinnlos, meist ist niemand da. Claudia Müller kennt die Geschichten von Leuten, die dort klingelten. Es ist merkwürdig: Die Kanzlerin wirkt präsent und ist nicht da. Es ist ein Wahlkampf ohne Kampf, der Champion tritt nicht auf. Die Herausforderer haben gar keine Chance, sich an der großen Dame aus Berlin zu reiben.

„Die stellt sich nicht“, sagt die grüne Direktkandidatin über die Direktkandidatin der Union, während es im Auto zurückgeht von Stralsund nach Bergen auf Rügen und Paul im Kindersitz friedlich schlummert. In den vergangenen drei Monaten habe sie die Kanzlerin nicht ein einziges Mal gesehen, an Podiumsdiskussionen mit allen anderen Kandidaten nehme Angela Merkel gar nicht teil. „Die kommt mit dem Hubschrauber, drei Termine in sechs Stunden, eine Rede von oben, Händeschütteln, weiter.“ Am 21. September, einen Tag vor der Wahl, will die Kanzlerin kommen. Große Abschlusskundgebung. Mehr muss nicht sein.

Es ist ein seltsam falsches Bild entstanden: Die Kanzlerin komme von dort oben, Nordvorpommern sei ihre Heimat. Aber sie ist gebürtige Hamburgerin, in der brandenburgischen Uckermark großgeworden. In Mecklenburg-Vorpommern hat sie 1993 den CDU-Landesvorsitz übernommen, der Wahlkreis Stralsund-Rügen war ihr 1990 nur zufällig zugefallen. „Mehr ist doch gar nicht.“

Claudia Müller weiß, dass sie nicht gewinnen kann. Zwar könnte die gebürtige Rostockerin, von Beruf Reiseleiterin und Projektentwicklerin, auch über ihren dritten Platz auf der Landesliste in den Bundestag einrücken. Dazu aber müssten die Grünen hier oben 18 Prozent holen. Utopisch.

Geburtshilfe lohnt sich nicht

So fährt sie durch ihr Land in einem Wahlkampf, der keiner ist, und versucht für sich, zwei Parallelwelten miteinander zu verknüpfen: die der Politik und die der Leute. Sie erzählt von einer Freundin, einer gelernten Zahntechnikerin, die so wenig verdiente, dass sie aufstocken musste. Sie erzählt von Leuten, die mit weniger als tausend Euro netto nach Hause gehen, von der Gastronomie- und Hotelbranche, wo weniger als sechs Euro die Stunde gezahlt werden. „Wie soll das weitergehen?“, fragt sie. „Wie sollen die Leute zurechtkommen?“

Am Nachmittag Besuch bei Hebammen in Bergen. Sie haben eine Gemeinschaftspraxis, acht Frauen. 400, 450 Kindern helfen sie jedes Jahr auf die Welt. Sie erzählen von der irrsinnig hohen Haftpflichtversicherung, die sie seit kurzem abschließen müssen: 4600 Euro pro Jahr. „Geburtshilfe lohnt sich überhaupt nicht mehr“, sagt Hebamme Katja, und die anderen nicken.

„Das muss man sich mal vorstellen“, sagt die grüne Kandidatin nach dem Gespräch. Geburtshilfe, die sich nicht lohnt. In einem riesigen Wahlkreis, dessen Bevölkerung seit Jahren schrumpft; wo sich die Schülerzahlen seit 1990 halbiert haben; wo die klugen Köpfe gehen. Mit der Kanzlerin kann sie darüber nicht streiten. Die ist nicht da.