Berlin - Ein leises Stöhnen zog durch Raum 311 im Abgeordnetenhaus, wo sich etwa 300 CDU-Anhänger versammelt hatten, als um 18 Uhr die erste Prognose  über den Bildschirm lief. Dann wurde es wieder still.

Die Berliner Union hat am Sonntag ihr schlechtestes Ergebnis in Berlin erzielt und wird sich aller Voraussicht nach nur fünf Jahren im Senat in der Opposition wiederfinden. Doch überrascht wirkten die Gäste nicht, die sich in dem stickigen Saal an Stehtischen postiert hatten. Die Stimmung war zwar betrübt, aber ernsthaft erschüttert schien hier niemand zu sein.

„Das Ergebnis ist nicht befriedigend“, sagte ein gefasster Spitzenkandidat Frank Henkel, nachdem er um 18.25 Uhr die Bühne betreten hatte. Auch der Streit der Bundes-CDU mit der CSU über die Flüchtlingspolitik habe der Berliner Union nicht geholfen. „Aber es hat sich abgezeichnet, dass es uns nicht gelingen wird, den Trend umzudrehen“, sagte Henkel. 

Henkel hat die Wahl verloren

Spätestens seit der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern vor zwei Wochen, wo die CDU starke Verluste einfuhr und noch hinter der AfD auf dem dritten Platz landete, sei klar gewesen, was die Berliner Union erwarte.

So schlimm wie im Nordosten ist es für die CDU in der Hauptstadt nicht gekommen. Dennoch hat sie mit dem 52-jährigen Innensenator an der Spitze die Wahl eindeutig verloren. Er übernehme die Verantwortung, sagte Henkel.  Doch einen Rückzug lehnte er am Wahlabend ab. „Ich trete nicht zurück“, sagte er.

Henkel verwies neben den Verlusten der CDU auch auf die der SPD. Der Wähler habe den Streit nicht honoriert, den SPD-Senatschef Michael Müller – statt gemeinsame Erfolge herauszustreichen – in die rot-schwarze Koalition getragen habe. Aber auch die starken Stimmenanteile von AfD und Linke seinen alarmierend. 

Um eine Spaltung in der  Stadt zu verhindern, brauche es eine Koalition der bürgerlichen Mitte. „Ein Linksblock würde Berlin nicht gut tun“, sagte Henkel. „Jetzt liegt der Ball bei Müller. Wir stehen für Sondierungsgespräche zur Verfügung.“ Doch für eine Fortsetzung der großen Koalition reicht es nicht, Rot-Schwarz ist abgewählt.

Opposition ist realistisch

Und dass sich Michael Müller  auf eine sogenannte Deutschland-Koalition aus Sozialdemokraten, CDU und FDP einlässt, die rechnerisch wohl möglich wäre, wird in der Union nicht erwartet.  Auch Henkel räumte ein, dass sich die CDU realistisch betrachtet auf Opposition einstellen müsse. Und zwar gegen Rot-Rot-Grün. „Sollte  es  so kommen, werden wir  Druck gegenüber dem Linksblock in der Regierung aufbauen“, kündigte er an.

Henkel war während seines fünfminütigen Auftritts von den Senatoren Mario Czaja und Cornelia Yzer sowie Fraktionschef Florian Graf und Generalsekretär Kai Wegner umringt. Lediglich Thomas Heilmann fehlte. Der Justizsenator betrat die Bühne erst, als Kulturstaatsministerin Monika Grütters ein paar kurze Abschiedsworte sprach. „Ich hoffe, dass wir weiter auf Dich zählen können“, sagte Grütters an Henkel gerichtet.

Zumindest vorerst bleibt Henkel Parteichef. „Ich halte nichts von einseitigen Schuldzuweisungen. Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen“, sagte Fraktionschef Graf. „Personelle Entscheidungen stehen jetzt nicht an“, sagte Generalsekretär Kai Wegner. Die Partei müsse für Sondierungsgespräche handlungsfähig bleiben, hieß es. „Danach werden wir über Konsequenzen diskutieren.“

Um 18.45 Uhr hatte sich der Saal bereits deutlich geleert. Das kalte Büfett mit Currywurst und Götterspeise wurde kaum angerührt. Zum Feiern war  niemandem zumute.