Ganz ohne schlechtes Gewissen kann Rudolf Borchardt seine "Aufzeichnung, Stefan George betreffend" nicht geschrieben haben. In einem Werkverzeichnis führte er die Schrift als "nicht für den Handel bestimmt". Sechzig Jahre lang lag sie unpubliziert im Nachlaß des 1945 verstorbenen Schriftstellers. Der Germanist Ernst Osterkamp, der sie jetzt, eingewickelt in Nachwort und Kommentar, außerhalb der Werkausgabe Borchardts ediert hat (in den Schriften der Borchardt Gesellschaft, zu beziehen über das Schiller Nationalmuseum in Marbach), nennt sie "schockierend", "kaum erträglich, oft abstoßend". Zu entschärfen war die Bombe nicht. Anhänger Georges zeigen sich indigniert, während in der Öffentlichkeit eher das Bild Borchardts Schaden nehmen dürfte. Die Kommentierung des Herausgebers leuchtet jedes Sachdetail aus, läßt aber in begreiflichem Abstand zur heiklen Materie der Schrift fast alle darüber hinausgehenden Fragen offen. Worum geht es?Rudolf Borchardt (1877 1945) will nachweisen, daß der Gegenstand und das Zentrum der Poesie seines Generationsgenossen Stefan George (1868 1933) "die kaum verhüllte und ins Wütende getriebene Männerliebe war", daß George mit Hilfe seiner Dichtung aus Machtgier ein "tolles Staats- und Kirchengefüge" errichtet habe, seinen berühmten Kreis, den Borchardt als jugendverderberische Sekte schildert; damit habe George, den Borchardt als größten Dichter seiner Zeit ausdrücklich anerkennt, die deutsche Jugend für Ad olf Hitler zugerichtet, die "kleine hysterische Gestalt", die ihr Volk "zu einer monströsen Männlichkeit" umgeträumt habe. Als Verführer der Jugend sei George der Erbe und Nachfolger von Liszt, Wagner und Nietzsche, "großen Abenteurern der Rausch- und Schwarmstiftung, die durch die Kunst hindurch und mit ihren Mitteln seit 1840 Deutschland, durch Deutschland Europa an sich rissen, und deren Abenteurerschaft sich in dem Zuge verrät, von einem Nichts aus die Welt erobern zu wollen". Georges Kreis ist für Borchardt also eine Art ortloses Bayreuth mit dem Dichterhäuptling als wanderndem Kaiser. Georges fatale Sektenstiftung mit Hilfe großer Dichtung fiel Borchardt zufolge in eine krisenhafte Schwächephase der deutschen Kultur; so konnte der am Rhein geborene Franzosenenkel, dieser auch von Abstammung fremdartige Dichter, die deutsche Jugend als "Beisteuer zur größten Not der deutschen Geschichte" hinterlassen, "entwurzelt, gebrochen, der Entwicklung beraubt, entmannt, verführt, entkernt".Mit diesem schrillen Akkord endet eine Streitschrift, die keine Gelegenheit zur Übertreibung ausläßt. Borchardts "Aufzeichnung" hat den Furor der großen Polemik, deutlich knüpft sie an Vorbilder wie Heines Invektive gegen Platen oder Nietzsches "Der Fall Wagner" an; wer Gefallen findet an der besonderen Haßkultur der deutschen Literaturgeschichte, der kommt auf seine Kosten. Zugleich trägt diese Schrift unverkennbar wahnhafte Züge.Das trübste Kapitel ist die Theorie der Homosexualität, die Borchardt zum Zwecke seiner Beweisführung entwickelt. Homosexualität ist ihm "Verkrüppelung", da sie den Eros von der biologischen Kette von "Zeugung, Wonne und Tod" abschneide. Kompensatorisch entwickle der mit ihr Geschlagene nicht nur grenzenlosen erotischen Appetit (auf "viele, alle, die Jugend"), sondern auch Machtgier. Daß schon vor dem Ersten Weltkrieg "die Widernatürlichen wesentlich besser organisiert waren als die Norm, und als heimliche Freimaurerei sich zur Teilung der Erde anschickten", davon zeigt Borchardt sich überzeugt. Als Charakterfehler erzeuge die Homosexualität um sich eine Welt labiler und erschütterter Werte.Davon gibt Borchardt nun selbst ein Beispiel. An mehreren Stellen rühmt er sich, die ihm "in die Hand gewachsene Schlinge" nicht zugezogen, George immer nur literarisch kritisiert, nie aber den "gerichtlichen Skandal" gesucht zu haben. Borchardt ist gegen das Aussprechen und Mitteilen; so kann er nicht zugeben, daß jene Freimaurerei, von der er so wahnhafte Vorstellungen hegte, wenn es sie denn gegeben hat, nur einen Grund hatte: fehlende Offenheit. Sein noch postumes Winken mit der Anzeige bei der Sittenpolizei, letztlich der Möglichkeit von Erpressung, macht all seine anderen Vermutungen und Theorien hinfällig. Tiefer ist der zum polemischen Exzeß neigende Borchardt nie gesunken.Daß es in Georges Dichtung und in seinem Kreis etwas Unausgesprochenes gab, ist seit jeher unverkennbar gewesen. Man hat auch immer gewußt, wo es lag, nämlich in der ins Ästhetische verschobenen Männerbündelei. Borchardts Vorstellungen von der Unreinheit der Beziehungen im George-Kreis dürften aber schon deshalb weit überzogen sein, weil Georges Seelenmachtausübung auf Abstand und minimaler Gestik beruhte; allzu handfest darf man sich die Erotik eines Menschen nicht vorstellen, dessen Gefühlspolitik eher auf Liebesentzug als auf Zuwendung beruhte.Woher kommt dieser fürchterliche Haß? Borchardt schrieb seine "Aufzeichnung" 1936, als er, der seit Jahrzehnten im selbstgewählten Exil in Italien lebte, durch das Verbot, in Deutschland zu publizieren, von allen Wirkungsmöglichkeiten abgeschnitten war. Sein Lebensplan einer schöpferischen Restauration der deutschen Sprache und Kultur gegen die Verheerungen der Moderne hatte sich nicht verwirklichen lassen. Als Nachfahre von Juden mußte sich der glühende deutsche Kulturnationalist durch Hitlers Regime auch persönlich stigmatisiert fühlen. So bilanzierte er den Untergang seiner Welt und Kultur in weitausgreifenden Schriften für die Schublade und eine unbekannte Nachwelt. Teil dieser Überprüfung seiner Zeit und ihrer Grundlagen ist die Aufzeichnung zu George. Sie ist geschrieben im Gefühl eines umfassenden lebensgeschichtlichen Scheiterns.Darüber hinaus ging es um ganz Persönliches. Die Ziele Stefan Georges und die Borchardts waren nah verwandt: sie strebten danach, die Erneuerung der deutschen Dichtungssprache und der klassischen deutschen Bildungsidee für die Erneuerung einer geistigen Lebensform auch ethisch fruchtbar zu machen. Beide waren autoritäre, schulbildende Geister, wobei George eine kultische Gemeinschaft stiften wollte, während Borchardt immer nur den einzelnen im Auge hatte. Beide aber strebten nach einer beherrschenden Stellung in der deutschen Literatur, nach "geistiger Diktatur". Und beide Dichter warben, auch in diesem Zusammenhang, um die Freundschaft ihres Altersgenossen Hugo von Hofmannsthal. Borchardts Schrift ist das letzte Kapitel in einem Eifersuchtskampf um diesen alle seine Zeitgenossen bezaubernden Geist, der sich nie festlegen lassen wollte und dem die Herrschaftsgeste von George wie von Borchardt fremd, ja zuwider war.Dreht man die Lautstärke von Borchardts Polemik stark herunter, dann läßt sie sich nicht nur als oft faszinierende Quellenschrift für die literarischen Kämpfe um die Jahrhundertwende lesen, sondern eröffnet auch eine Reihe bedenkenswerter Einsichten. Die literarisch gelungensten (und teilweise sehr komischen) Partien gelten dem Aufstieg von Georges Dichtung zu einer akademisch-literarischen Mode um 1890. Dem Zauber von Georges Gedichten ist Borchardt selbst erlegen, und noch in dieser letzten einer langen Reihe von Auseinandersetzungen legt er Zeugnis ab von der überwältigenden Wirkung, die Georges erste Verse damals ausübten: "George schrieb sich mir an die Wand und in die Luft, in meinen Goethe und meinen Sonnenaufgang, in meinen Griechen und in meinen Freund."Nur war es eben in Borchardts Augen ein historisches Verhängnis, daß der größte Dichter seiner Zeit ein Homosexueller war. Aber indem Borchardt George in die Nachfolge von machthungrigen Geistern wie Liszt, Wagner und Nietzsche rückt, macht er seine Vorstellung von einer speziell homosexuellen Herrschsucht selbst wieder fraglich. Es ist bemerkenswert, daß unmittelbar vor der Entstehung von Borchardts Schrift einige ihrer Motive in Artikeln von Ludwig Marcuse auftauchen. Marcuse nennt George in seinem Nachruf 1933 "einen Nietzsche mit Maß, einen gemessenen Propheten". Und 1934 schrieb Marcuse über Georges Zusammenhang mit Hitler: "Er schuf schon vor Jahren den Fetisch ,Führer . Der ganze Gefühlsformalismus solcher Schöpfungen zeigt sich jetzt darin, daß seine eigenen Anhänger mit Leichtigkeit den disziplinierten Aristokraten, den George erträumte, ersetzen konnten durch den ausschweifend-hysterisch-plebejischen Demagogen. Der Rahmen blieb; das Bild wurde ausgewechselt durch das Gegenbild."Gefühlsformalismus: einen besseren Begriff auch für Borchardts Kritik an den kultischen Elementen von Georges Poesie dürfte es kaum geben. Borchardt sah die ideologische Leerstelle einer Ritualisierung ohne deutlich ausgesprochene Inhalte; wo es George mehr um Macht gegangen sein dürfte, witterte er camouflierte Männerliebe. Borchardts eigene Schriften, vor allem seine Erzählung "Der Hausbesuch", zeigen eine positive Darstellung einer dionysischen Bisexualität, und gegen Shakespeares "entzückte Spielereien" mit Hosenrolle und Harnischweib hat auch die "Aufzeichnung" nichts einzuwenden. Nur die pure Homosexualität durfte für Borchardt nicht sein; in den Marschkolonnen der Nationalsozialisten und in ihrem rassistischen "Junghelden-Cliché" erkannte er den homosexuellen Triebgrund des Faschismus. Er wird von den Historikern mittlerweise ebenso diskutiert wie die Verfallsgeschichte der deutschen Kultur in der Wagner- und Nietzsche-Rezeption, die in die NS-Ideologie einging. Hätte Borchardt "für den Handel" geschrieben und seine eigenen Affekte überprüft, dann hätte er vielleicht auf die Höhe seiner eigenen Wahrnehmungen kommen können. Die Publikation seiner Schrift trägt bei zu der Offenheit, die er nicht wollte. 1936 war die Geschichte noch nicht zu Ende: Es war ein Jünger Stefan Georges, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der den Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 ins Werk setzte.