Die Frau hat im Theater Goldonis eine besondere Bedeutung. Sei sie nun Magd oder Mutter oder Tochter, sie ist ein ausgesprochen sympathisches Symbol für die enge Verknüpfung von privatem und sozialem Leben, aber auch für die bestehenden Gegensätze zwischen beidem, die der Autor überwunden sehen möchte. Die Frau ist stets Bewahrerin, Verfechterin der "Wahrheit des Herzens", die Goldoni gerade durch sie auf natürliche Weise an den Mann und damit ans Publikum bringt. Goldonis Frauen sind keine Heimchen am Herd. Auch dort nicht, wo es um scheinbar rein familiäre Belange geht, im Gegenteil. Wer wäre also besser geeignet, ohne erhobenen Zeigefinger und mit freundlicher Festigkeit diese Maximen zu verkünden als die Frau? Es versteht sich von allein, dass Goldonis Frauen sich dabei ebenso und mit Nachdruck für ihre eigene Gleichberechtigung einsetzen. Keine vorweggenommenen Suffragetten, keine idealisierten Gestalten, doch Geschöpfe, die auch mit ihren Fehlern und Schwächen, vor allem aber mit ihrem ab antiquo überkommenen weiblichen Charme ganz und gar im Heute stehen:Goldoni stellt diese seine Frauen mit so viel Sympathie auf die Bretter, dass immer da, wo sie auch nur zeitweilig im Mittelpunkt des Geschehens agieren, alle anderen Charaktere von ihrer Ausstrahlung erfasst werden, die sich teils unmittelbar, teils in mannigfaltigen Reflexen auf die Zuschauer überträgt.Regisseur Michael Wedekind erläutert seine Neubearbeitung so: "Obwohl das Stück vor mehr als 250 Jahren geschrieben wurde, hat es zweifellos eine große dramatische Kraft in sich. Nun sind 250 Jahre eine lange Zeit, doch die menschlichen Begierden und Sehnsüchte haben sich nicht so stark geändert wie die Umgangsformen und die Moralbegriffe. Zum besseren Verständnis bot sich also eine Bearbeitung an.Der Stoff ist durchaus ein Thema von heute: Ein Familienvater steht kurz vor der Pensionierung und kann auf ein sehr erfolgreiches Leben zurückblicken. Durch viel Einsatz und Fleiß hat er sich ein beachtliches Vermögen erarbeitet. Seine Tochter und besonders seine beiden erwachsenen Söhne spekulieren auf die zu erwartende Erbschaft. Sie entwickeln keine eigene Initiative, sich selbst eine Zukunft aufzubauen und zeigen keinerlei soziales Engagement. Das eigene Vergnügen, der alltägliche Spaß steht im Vordergrund ihrer Interessen. Der Alte soll zahlen.Die Theaterbesucher und Wissenschaftler, die totale Werktreue fordern, können das Original-Stück lesen. Ich sehe die Aufgabe des Theaters darin, aus einem Klassiker das herauszuarbeiten, was uns heute noch begeistert, anregt und aufregt. Mir hat eine Äußerung von Friedrich Dürrenmatt gefallen: ,Wer seine Klassiker nicht bearbeitet, der liebt sie nicht. "Foto: DIETRICH DETTMANN Nicht ohne Nachdruck: Manon Straché als Rosaura.Liebe, List und Leidenschaft Neufassung von Michael Wedekind frei nach Goldonis "La donna di garbo". Regie: Michael Wedekind, Bühne: Erwin Bode, Kostüme: Erwin Bode/Gerhard Kropp. Mit Manon Straché (Rosaura), Anouschka Renzi (Beatrice), Peer Jäger (Dottore), Christian Wewerka (Florindo), Dietmar Wunder (Ottavio), Mariam Kurth (Diana), Tatjana Pokorny (Isabella), Anton Figl (Arlecchino), Christian Fischer (Lelio) und Oliver Walser (Momolo).Bis 27. Oktober im Theater am Kurfürstendamm.Kartentelefon: (030) 88 59 11 88 www. komoedie-berlin. de