Angela Merkel, die Physikerin, die Bundeskanzlerin wurde, zeigte sich vorige Woche völlig überrascht, dass eine Katastrophe wie in Fukushima überhaupt geschehen konnte. Das "absolut Unwahrscheinliche" sei dort eingetreten, sagte sie. Es drängt sich die Frage auf: Konnte man tatsächlich nicht wissen, dass das "Restrisiko" der Atomkraftwerke (AKW) für einen Kernschmelz-Unfall gar nicht so winzig ist?Wie gefährlich die Nutzung der Kernspaltung sein kann, wusste die Welt seit dem 6. August 1945 - seit dem Abwurf der amerikanischen Atombombe auf Hiroshima. Die zivile Nutzung der Atomkraft, die ebenfalls von den USA forciert wurde, sollte nichts mit diesem Horror zu tun haben. Trotzdem nahmen die Amerikaner ab Mitte der 50-er Jahre Reaktoren für die Stromerzeugung in Betrieb, in denen die Kernschmelze nicht ausgeschlossen war.In Deutschland erschien 1979 die grundlegende "Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke" (DRS). Damals waren bereits eine ganze Reihe AKW wie Biblis A und B, Neckarwestheim sowie Brunsbüttel ans Netz gegangen. Das Fazit: Ein Super-GAU könne im Extremfall - falls die Kernschmelze nicht gestoppt werden kann, der Reaktor-Sicherheitsbehälter zerstört und massiv Radioaktivität frei wird - 14500 "Sofort-Tote" und 104000 Spätgeschädigte als Opfer fordern.Die Wahrscheinlichkeit für einen Kernschmelz-Unfall laut der Studie: pro Reaktor "einmal in 10000 Betriebsjahren". Legt man zugrunde, dass bereits damals weltweit rund 250 Reaktoren liefen, musste mit einer Kernschmelze pro 40 Jahren gerechnet werden. Die Fast-Katastrophe im US-amerikanischen Harrisburg passt zu dieser Rechnung. Sie geschah 1979, rund 25 Jahre nach Beginn der atomaren Stromproduktion.Keine EntwarnungDie DRS-Studie wurde in den 80-er Jahren aktualisiert. Das Ergebnis präsentierte 1989 der damalige Forschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU). Sein Fazit: Das "Restrisiko" sei geringer, als zehn Jahre vorher berechnet, die Kernschmelze "nur" einmal pro 33000 Betriebsjahre wahrscheinlich. Begründung: Das für die Studie untersuchte AKW - der Block Biblis B - sei durch "eine Reihe von Änderungen" in der Anlage sicherer geworden.Tatsächlich standen in der neuen Studie, genannt "DRS-B", Details, die das Gegenteil von Riesenhubers Entwarnung bedeuteten. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass - anders als in der ersten Untersuchung - fast alle Super-GAU-Abläufe schnell zur Zerstörung des Sicherheitsbehälters führen würden. Das Darmstädter Öko-Institut, das die offizielle Studie kritisch analysiert hatte, kommentierte: "Das Risiko für die Umgebung ist dramatisch höher als in Phase A ermittelt."Die Stromkonzerne, die Altmeiler wie Biblis betreiben, verwiesen in der seither immer wieder aufgeflammten Risiko-Debatte zwar, sie hätten Hunderte Millionen Euro in die Nachrüstung der Alt-Meiler wie Biblis A und B gesteckt. Ob das ausreicht, ist umstritten. Die jüngste große AKW-Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) aus dem Jahr 2001 jedenfalls kam zu dem Ergebnis: Selbst in den modernsten, sicherheitstechnisch verbesserten Atomreaktoren der sogenannten Konvoi-Serie - Isar-2, Emsland und Neckarwestheim - ist ein Super-GAU nicht ausgeschlossen.Mit dem Anschlag von New York am 11. September 2001 kamen dann neue Risiken ins Spiel Eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Untersuchung ergab: Kein einziges deutsches AKW ist so gegen eine solche Attacke gesichert. Wahrscheinlichkeiten für einen so ausgelösten Super-GAU anzugeben, ist jedoch unmöglich."Man hat Erfahrungen, wie oft es Stromausfälle gibt oder wie oft eine Kühlpumpe versagt. Wie oft eine Terrorattacke zu erwarten ist, kann man nicht berechnen", sagt Reaktorexperte Lothar Hahn, der bis 2010 Chef der GRS war. "Restrisiko ist ein irreführender Begriff."