Berlin - Man merkt sofort, dass der Kampfsporttrainer Joachim Schmidt kein Kreuzberger ist. Auf der Backsteinwand des Alten Waschhauses, Schmidts Vereinsheim, steht „Türken raus“. Jemand hat „raus“ durchgestrichen und „bleiben“ darüber geschrieben. „Türken bleiben“ steht nun an der Wand. Schmidt macht mit seinem Handy ein Foto und sagt, dass sich morgen der Hausmeister darum kümmern werde. In Kreuzberg ist Graffiti Folklore, für Schmidt Vandalismus.

Zwischen Altem Waschhaus und Otto-Suhr-Siedlung

Das Alte Waschhaus steht in der Otto-Suhr-Siedlung, einer Fünfziger-Jahre-Anlage im nördlichen Zipfel von Kreuzberg, eingeklemmt zwischen Moritzplatz auf der einen und Bundesdruckerei auf der anderen Seite. Früher verlief hier mal die Mauer, aber das kann man sich kaum noch vorstellen, so vollgebaut ist alles.

In der Nähe ist die geografische Mitte Berlins markiert. Man könnte sagen, man befindet sich im Herzen Berlins, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Es ist der ärmste Kiez Berlins, laut Berliner Sozialstrukturatlas.

Die Verwaltung zerlegt regelmäßig die Stadt in Puzzleteile, Planungsräume im Stadtplaner-Deutsch genannt, und misst − wie ein Arzt − verschiedene Werte, anhand derer man erkennen kann, wie es einem Kiez geht. Im Planungsraum Nummer 02010103, die Gegend um die Otto-Suhr-Siedlung, werden seit Jahren auffällige Zahlen gemessen: 16.000 Einwohner, 70 Prozent davon mit ausländischem Pass oder ausländischen Wurzeln, 17 Prozent Arbeitslosigkeit, mehr als doppelt so viel wie im Berliner Schnitt, 70 Prozent der Kinder leben in Hartz-IV-Familien. Es sind die ungünstigsten Werte für ganz Berlin. Man könnte sagen, das Herz der Stadt ist krank.

Die Straßen rund um das Alte Waschhaus, wo Joachim Schmidt sich über Graffiti ärgert, liegen still da. Es gibt kaum Geschäfte, die einzige Bibliothek wurde kürzlich geschlossen, auf einer Bank drehen sich Jungs einen Joint, man sieht Mütterchen mit Kopftuch und Hackenporsche. Es gibt einen kleinen Park, benannt nach einem toten Politiker namens Waldeck. Die Häuser sehen trostlos aus, aber nicht verwahrlost, einige Fassaden sind frisch gestrichen. Ein Ghetto stellt man sich anders vor.

Oben Designläden, unten Drogendealer

Das Leben spielt sich am Moritzplatz ab. Unten im U-Bahnhof wird Heroin verkauft, oben ziehen spanische Touristen durch die Designläden im Aufbauhaus. Programmierer von umliegenden Start-ups kommen auf teuren Rennrädern angebraust, um im koreanischen Imbiss Sweet-Pulled-Beef-Tacos zu verspeisen. Nur ein paar Meter weiter stehen jeden Donnerstag Menschen Schlange, um für einen Euro Tüten mit abgelaufenen Lebensmitteln zu ergattern.

Joachim Schmidt wohnt in Mitte, die Otto-Suhr-Siedlung hat er durch Zufall entdeckt, als er vor ein paar Jahren den Mauerweg entlangspazierte. Mittendrin stand dieses Häuschen mit Flachdach, das früher für die Mieter eingerichtet wurde, die keine eigene Waschmaschine besaßen. „Das war verfallen, überall hingen Spinnweben, aber die Waschmaschinen standen noch drin“, sagt Schmidt.

Er ist 58, wirkt aber jünger; seinen linken Arm hat er kürzlich mit einem biblisch anmutenden Motiv von Leben und Tod zustechen lassen, ein Jahr hat das gedauert, auf dem rechten Arm prangt ein thailändisches Schutztattoo, das Glück bringen soll. Er ist gebürtiger Ost-Berliner, gelernter Kfz-Mechaniker. Nach der Wende verlor er die Arbeit, entdeckte das Thai-Boxen für sich und gründete einen Sportverein, er bietet Thaiboxen, Familienturnen, Schwimmen an.

In seinem Trainingsraum hängen Poster von Thai-Box-Wettkämpfen, von der Decke baumeln Sandsäcke. In zwei Stunden kommen die Ersten zum Training, Schmidt hat Zeit zum Reden. Ihm gefiel das Waschhaus am ehemaligen Mauerstreifen, erzählt er. Es gehört zur Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die einen guten Ruf im Kiez hat. Schmidt bewarb sich und bekam den Zuschlag. Er ließ die Waschmaschinen ausräumen, Wände einziehen, Duschen und Toiletten einbauen. Der Vermieter zahlte den Großteil der Renovierung, 65.000 Euro steckte der Vereinschef in den Umbau.