Walfriede Schmitt: WAS MACHT....

Am 23. November 1989 schlug die autonome Frauengruppe "Lila Offensive" in der Berliner Gethsemanekirche ein landesweites Frauentreffen vor. Aber wo gab es einen großen Raum? Umsonst? Die Schauspielerin Walfriede Schmitt hob im Publikum die Hand: Sie hätte eine Idee.Es ist ein Sonntagvormittag, der 2. Dezember 1989. Abends wird es wieder nach dem Spielplan gehen, aber jetzt hängt in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Wäsche auf der Leine, im Foyer spielen 200 Kinder. Bühnenbildnerinnen haben einen großen Hänger gemalt: "Hexen, Hexen, auf die Besen, sonst ist unser Land gewesen!" Laute, lustige, ungenierte Stimmung unter den 1200 Besuchern, der Saal ist völlig überfüllt. Haustechniker bauen noch schnell für die Frauen in den Umgängen, die drinnen keinen Platz bekommen haben, Lautsprecher auf. An diesem Tag wird der Unabhängige Frauenverband gegründet. Die Beitrittserklärung füllen auch anwesende Männer aus. Ein Wendekind kommt auf die Welt."Wir hatten ein Konzept, wir hatten ein Stück Zukunft in der Hand. Die Idee war ein starker Dachverband, der die politischen Interessen von Frauen durchsetzt. Jede sollte nicht mehr nur für sich allein kämpfen", sagt Walfriede Schmitt. "Leider begann dann bald die Zersplitterung: Kleinkriege, Eitelkeit, Dusseligkeit, Streit über den Umgang mit Männern, Ost-West-Probleme. Zwei Jahre später bin ich wieder ausgetreten. Aber einmal im Leben habe ich diese Kraft gespürt: dass sich die Erde dreht. War 'ne tolle Zeit. Und ich mittendrin."Die Schauspielerin ging 1994 nach 22 Jahren von der Volksbühne weg. Sie fühlte sich da nicht mehr am richtigen Platz. Nun musste sie über das Geldverdienen nachdenken. "Ich betete: Lieber Gott, schenk mir eine Serie." Das klappte sofort: Walfriede Schmitt wurde die lebensweise Schwester Klara in der Sat.1-Krankenhausserie "Für alle Fälle Stefanie". Erst neun Jahre später stieg sie aus: Kollegen, die sie schätzte, waren inzwischen ausgewechselt worden, ihre eigene Rolle hatte sich zum Beiwerk entwickelt.Walfriede Schmitt ging danach mit literarisch-musikalischen Programmen auf Tournee und spielte in Filmen - zuletzt eine kleine Rolle in "Du bist nicht allein" und eine große in "Weiße Lilien". Im Theater unterm Dach brillierte sie mit dem Einpersonenstück "Lass' dir den Zahn ziehen, Chrissie". Im Herbst 2008 übte sie mit fünf Frauen in der JVA Pankow, alle waren Langzeithäftlinge, schauspielerische Praktiken für "Der Fremde" von Camus. "Durch diese Frauen bin ich barmherzig geworden," sagt sie. Im März 2009 spielte sie in "Fisch zu viert" im Theater am Kurfürstendamm. In diesem Herbst wird ihr erster Roman erscheinen: "Gott ist zu langsam". Walfriede Schmitt, jetzt 65, mag, was sie macht, was für ein Glück. "Ich bin klein. Ich bin rund. Ich bin alt". sagt sie. "Aber ich kann spielen, wie meine Seele brennt." ------------------------------Foto : Walfriede Schmitt, 1989 Mitbegründerin des Unabhängigen Frauenverbandes