Walter Braunfels' "Jeanne d'Arc" in einer Inszenierung nach Schlingensief an der Deutschen Oper: Die Wunderkerzen des Scheiterhaufens

Walter Braunfels' Oper "Jeanne d'Arc - Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna" ist ein Werk der Inneren Emigration. 1933 war der Direktor der Kölner Musikhochschule Braunfels als "Halbjude" von den Nazis seines Postens enthoben worden, seine Musik erhielt Aufführungsverbot, die Johanna-Oper entstand von 1938 bis 1942 für die Schublade, in Überlingen am Bodensee. Und obwohl Walter Braunfels 1947 sein Amt zurück erhielt und erst 1954 starb, wurde die Oper zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt. Erst 2001 gab es eine konzertante Produktion in Stockholm. Am Sonntag hat die Deutsche Oper Berlin die szenische Uraufführung realisiert, nach einer Konzeption von Christoph Schlingensief.Walter Braunfels war ein inbrünstiger Katholik. Ihm galt die Gestalt der Johanna eine Lichtgestalt, eine Heilige. Nicht die Nationalheilige Jeanne d'Arc interessierte ihn: Bei aller historischen Detailtreue seines Librettos trägt die Oper doch eher Züge eines Mysterienspiels, ja einer Passion. Am Ende, nach Johannas Tod auf dem Scheiterhaufen in Rouen, berichtet das Volk, ihr Herz sei nicht verbrannt, aus der Asche hätte sich eine Taube aufgeschwungen: "Rein war sie, ohne Sünde, ihr Sterben tat es allen kund!"Für dieses Stück den bekennenden Katholiken Christoph Schlingensief als Regisseur zu engagieren, war ein geschickter Einfall von Kirsten Harms, der Intendantin der Deutschen Oper. Ob man seine Inszenierung nun gut findet oder nicht: Auf jeden Fall lässt sie den religiösen Aspekt nicht in wohlfeiler Ironie oder in ebenso günstigen Entlarvungsgesten untergehen.Eher kann man sich bedrängt und gerade in der ersten Hälfte auch überfordert fühlen von der Assoziationswut und Bilderflut, die Schlingensief entfesselt hat: von den Videos von rituellen Leichenverbrennungen in Nepal und von katholischer Jungschar, von einer anfangs fast pausenlos kreisenden, von Menschen überfüllten Bühne, von den unzähligen, mal mehr, mal weniger durchschaubaren Symbolen und Chiffren, die manchmal von überraschend treuherzigem Naturalismus durchbrochen werden - wenn Johanna von ganz real en Schäfchen und Ziegen Abschied nimmt oder ihr Helfer Colin in einer Pferde-Attrappe angehoppelt kommt. Auch dass sich der Scheiterhaufen am Ende als eine Geburtstagstorte mit Wunderkerzen entpuppt, ergibt Sinn, denn der Todestag von Heiligen ist ja im katholischen Raum ihr eigentlicher Festtag und ihre zweite Geburt. Oder sollte auf die hinduistische Lehre von der Wiedergeburt angespielt werden? In den vergleichenden Studien zur Religion, die im Theater Christoph Schlingensiefs eine Rolle spielen, geht es ja kaum um konkrete Inhalte, eher um Bilder und Intensitäten. Da darf dann auch Johannas Papa, der Bauer Jacques d'Arc, als Bischof mit Mitra und Stab auftreten, und natürlich ist die Krönung des Dauphins in Reims für Schlingensief ein Anlass, das ganze katholische Personal inklusive Chorknaben zu versammeln. Enthüllt auf dem Altar wird ein überdimensionales Herz, das Herz der Jungfrau.Die Deutsche Oper hat einen Schlingensief gewollt und einen Schlingensief bekommen, auch wenn der Regisseur die Inszenierung nicht zu Ende bringen konnte und ein dreiköpfiges Regieteam einsprang. Das auffällige Dominieren von Krankenhausbetten (nach dem gescheiterten Angriff auf Paris bekommt Johanna sogar eine Infusion) und die riesige Zeichnung einer menschlichen Lunge, die mehrfach vom Schnürboden herabgesenkt wird, können so als private Zeichen gelesen werden, wie ja überhaupt ein "Schlingensief-Abend" Bestandteil eines Universums aus privaten Bezügen und Obsessionen ist, die Fortspinnung einer Arbeit am persönlichen Mythos. In dieser Tendenz der Regieleistung zum Markenhaften liegt natürlich ein Problem. Die Inszenierung reagiert weniger aufs Stück als auf ihre Vorgängerinszenierungen: Wieder, wie am Ende des Bayreuther "Parsifal", geht es zum Beispiel um Verwesung, diesmal im flimmernden Bilde wuselnder Bakterien, auch die gelegentlich getragenen weißen Wulstkleider mit Schwänzchen sollen Bakterien sein, ein Schelm, wer hier ans Michelin-Männchen denkt. Verwesung hat in der Tat etwas mit dem Heiligen zu tun, ein rechter Heiliger ist nämlich unverweslich, dennoch waren es ein bisschen viel Bakterien für ein Mysterienspiel.Zum Ende hin wird der Abend immer ruhiger, der Aktionismus nimmt ab. Aber zugleich steigert sich auch die Eindringlichkeit und Eindeutigkeit der Musik - oder scheint es einem nur so, weil die Bühne ihr jetzt mehr Raum lässt? Braunfels' Musik ist merkwürdig zwiespältig, ein romantisch-überschwängliches Idiom wird mitunter herberen, dissonanten Verzerrungen unterzogen - ohne in die Karikatur abzugleiten, aber auch ohne innere Konsequenz. Die einzelnen Szenen werden von eher rhythmisch profilierten Motiven begleitet, seltener von melodisch einprägsamen Themen (wie dem Klagegesang des Königs im dritten Bild), der eher wuchtig-pauschale Orchestersatz wird unter der Leitung von Ulf Schirmer durch das Orchester der Deutschen Oper ohne großes inneres Engagement sauber abgeliefert. Das riesige Personal bewältigt seine meist wenig dankbaren Partien mit großem Einsatz, genannt seien Mary Mills in der Titelpartie, die drei Heiligen Julia Benzinger, Anna Fleischer, Paul McNamara, ein wenig angestrengt, aber mit Entwicklungsmöglichkeiten Morten Frank Larsen als Gilles de Rais. Den Eindruck, dass dieses Stück einen Siegeszug über die Opernbühnen antreten wird, hinterlässt der Abend nicht, die Trefferquote der Deutschen Oper bei ihren durchaus verdienstvollen Ausgrabungen liegt bislang ungefähr so hoch wie die der Staatsoper bei ihren durchaus verdienstvollen Uraufführungen. Am Schluss gab es überraschend einhelligen Beifall für Mitwirkende und Regieteam.------------------------------Jeanne d'ArcDichtung nach den Prozessakten, Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna.Berufung, Triumph und Leiden. Text und Musik von Walter Braunfels.Musikalische Leitung Ulf SchirmerIdee/Konzept Christoph SchlingensiefRegieteam Anna-Sophie Mahler, Carl Hegemann, Søren SchuhmacherBühne, Konzeption Thomas Goerge, Thekla von MülheimKostüme Aino LaberenzFilm/Video Kathrin KrottenthalerChöre William Spaulding, Kai-Uwe JirkaMitwirkende Mary Mills (Johanna), Julia Benzinger (St. Margarete), Anna Fleischer (St. Katharina), Paul McNamara (St. Michael), Daniel Kirch (König Karl), Ante Jerkunica (Jacobus d'Arc), Paul Kaufmann (Colin), Morten Frank Larsen (Gilles de Rais), Lenus Carlson (de la Trémouille), Karin Witt (Hohepriesterin), Marcos Abranches (Tänzer), Chor u. Orchester der Deutschen Oper, Staats- und Domchor BerlinWeitere Vorstellungen 2., 6., 17., 31. Mai, jeweils 19.30 Uhr.------------------------------Foto: Personalvollversammlung mit Schliengensiefscher Regieanweisung