Der alte Mann ist müde, aber glücklich. Schließlich kommt es nicht häufig vor, daß ein 84jähriger mit dem Bundesverdienstkreuz für eine Tat geehrt wird, die schon 50 Jahre zurückliegt. Genaugenommen ist das noch nie vorgekommen. Man hatte den Amerikaner Walter Ings Farmer schlichtweg vergessen. Jetzt erinnerten sich die Deutschen an Farmers Verdienste. Nach dem Krieg hatte er heftig gegen den sich abzeichnenden Kunstraub durch die Amerikaner protestiert und sich dafür eingesetzt, daß bereits nach Amerika verschiffte deutsche Kunst zurückkommt. Am vergangenen Freitag verlieh Bundesaußenminister Klaus Kinkel Farmer in Bonn das Bundesverdienstkreuz. Seit gestern weilt er in Berlin, wo wir ihn trafen.Captain Farmer war 1945 von der Besatzungsmacht zum Chef des US-Kunstlagers Wiesbaden, dem sogenannten "Central Collecting point" (CCP), bestimmt worden. Hier faßten die Amerikaner alle Kunstgüter zusammen, die von Deutschen Museen aus Angst vor Bombenangriffen in Bergwerke oder Schlösser ausgelagert worden waren. Die Amerikaner fanden beispielsweise im thüringischen Ransbach und im Kalibergwerk Merkers einen großen Teil der Berliner Museumsexponate: 1 188 Gemälde, 2 300 Kisten des Kupferstichkabinetts, alle Wandteppiche aus Potsdam, Skulpturen wie die Nofretete und vieles mehr. Am 17. April 1945 wurden diese Kunstgüter geborgen und zunächst in Tresore der Frankfurter Reichsbank gebracht. Von hier aus sollten sie in Farmers "Collecting Point" transportiert werden.Farmer mußte seinen CCP - das Gebäude des Wiesbadener Landesmuseums - erst einmal instand setzen. Während des Krieges war das Museum ein Luftwaffenstützpunkt. Mit vielen Tricks habe er gearbeitet, erzählt er heute. Dank einer geschickten Dolmetscherin und mit manchmal nicht ganz legalen Mitteln sei es ihm schließlich gelungen, das Gebäude wetterfest zu machen. "Sogar die Heizung funktionierte", erinnert sich der Innenarchitekt Farmer. Um die für die Gemälde notwendige Luftfeuchte in die Räume zu bekommen, ließ er in jedem Lagerraum nasse Lappen aufhängen. Die Berliner Schätze wurden zwischen 26. und 29. August von Frankfurt nach Wiesbaden gebracht, bewacht durch Panzerwagen und GIs.Am 6. November 1945 erhielt Walter Farmer Befehl, 202 der bedeutendsten Gemälde aus seinem Depot auszuwählen und zur "Sicherheitsverwahrung" nach Amerika zu verschiffen. Farmer war entsetzt. Er glaubte nicht an "Verwahrung", sondern vermutete schlicht Kunstraub. "Wir sind nicht besser als die Deutschen", schrieb er seiner Frau. "Tatsache ist, daß wir viel von ihnen gelernt haben - an Unehrenhaftigkeit." Abtransport Weil, wie er damals schrieb, "keine historische Kränkung so langlebig ist wie Wegnahme eines Teils des kulturellen Erbes einer Nation", schlug Farmer Alarm. Er rief alle in Europa stationierten US-Kunstoffiziere zusammen und diskutierte mit ihnen über ein Papier, das er selbst verfaßt hatte. "Ich mußte mir damals einfach meinen Zorn von der Seele schreiben", sagt Farmer heute. Das Papier ging als "Wiesbadener Manifest" in die Geschichte ein. "Wir, die Unterzeichnenden", heißt es darin, "sehen uns verpflichtet, darauf hinzuweisen, daß wir bei Ausführung der erhaltenen Befehle vor klaren Blicken nicht weniger schuldig dastehen als diejenigen, deren Verurteilung wir vorgeben zu billigen." Farmer verglich die Verschiffung mit der nationalsozialistischen Kunstraubpraxis - und das zu einer Zeit, da die Alliierten den Prozeß gegen die deutschen Kunsträuber vorbereiteten. Dieser durchaus plausible Vergleich wirkte nachhaltig in der amerikanischen Öffentlichkeit, besonders nachdem die "New York Times" das Manifest am 7. Februar 1946 veröffentlicht hatte. Sicherlich war damals das Klima in den USA durchweg deutschlandfeindlich. Aber gerade deshalb empörte sich die Öffentlichkeit dermaßen, daß die Regierung einlenken mußte. Präsident Truman ordnete zwei Jahre später persönlich an, die Bilder nach Deutschland zurückzuschicken. Farmers Verdienst ist aber nicht nur, daß Berlin seine Bilder zurückbekam. Viel bedeutender ist, daß durch sein Manifest die amerikanischen Reparationspläne korrigiert werden mußten. Deutschlands Kriegsgegner hatten sehr genau registriert, wie Hitlers "Einsatzstab Rosenberg" im besetzten Europa Kunstgüter zusammenraubte. Bereits 1943 entwickelten die Alliierten auf der Moskauer Außenministerkonferenz einen Gegenplan. Die geraubten Kunstgüter sollten nach diesem zurückgegeben, deutsche Kunst als Reparation eingezogen werden. Francis Hanry Taylor, damals Direktor des New Yorker "Metropolitan Museums of Art", war maßgeblich an der Vorbereitung zu dieser Politik beteiligt. Taylor formulierte noch im Januar 1945, daß diese Form von Reparation "für Dinge vorzunehmen ist, die die Deutschen durch vorsätzliche Akte des Vandalismus zerstört haben". Systematisch legten die Alliierten Listen mit deutschem Kulturgut an, das als Reparationsleistung in Frage kam. Sechs Monate nach der Kapitulation sollte die Reparation beginnen. Der Befehl an Farmer - am 6. November 1945 erteilt - war das Startsignal. Politik scheiterte Spätestens mit der Rückkehr der Berliner Gemälde war in den USA diese Politik gescheitert. Walter Farmer möchte sich die Meisterwerke heute und morgen in den Berliner Galerien ansehen. "Ich bin ziemlich gespannt", sagt Farmer, "schließlich habe ich die Dinger noch nie gesehen." Damals waren die meisten von ihnen in Kisten verpackt. Einen Berliner Schatz hat Farmer indes sehr genau kennengelernt: seine damalige Dolmetscherin Renate Hobert. Sie wurde später Farmers zweite Frau; die gemeinsame Tochter begleitet Walter Farmer in Berlin. +++

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.