Was ist von einem Roman zu erwarten, der eine "Heile Welt" im Titel verspricht? Gepflegte Langeweile, so die erste Befürchtung, und Walter Kempowski unternimmt zunächst wenig, diese zu zerstreuen. Man muß schon sehr tapfer sein, um an den Punkt zu kommen, da man dieses Buch zu schätzen beginnt. Nach etwa hundert Seiten wird allmählich erkennbar, was der Leser sich natürlich von Anfang an erhoffte: Wo "Heile Welt" draufsteht, ist keine drin, wird statt dessen vorgeführt, wie sehr die Idylle trügt. Ganz behutsam reiht Kempowski Indiz an Indiz, zaghaft läßt er das Unstimmige in den Episoden aufblinken. Da mag man zurückblättern und den Anfang noch einmal lesen, und er ist gleich weniger langweilig. Walter Kempowski, durch Romane wie "Tadellöser & Wolff" und "Uns geht s ja noch gold" ausgewiesen als Spezialist für zeitgeschichtliches Erzählen, spätestens seit der Veröffentlichung des kollektiven Tagebuchs "Das Echolot" als geradezu besessener Chronist bekannt, erzählt hier vom ersten Jahr des jungen Lehrers Matthias Jänicke in dem niedersächsischen Dorf Klein-Wense. Jänicke, "ohne h, aber mit ck", wie der Autor anfangs nicht müde wird zu betonen, nimmt im April 1961 seinen "dritten Lebensstart" in Angriff. Sein Vater ist im letzten "Volkssturm"-Aufgebot umgekommen. Daß seine Mutter ihn ohne Abschied gehenließ, hat Matthias ihr nie verziehen. Seine Freundin hatte andere Lebenspläne; auf seine Postkarten an sie erhält er nie eine Antwort. Der Schulrat, der Pfarrer, die Kollegen und die Bauern begegnen ihm zwar einigermaßen freundlich es herrscht großer Mangel an Lehrern , doch finden sie schnell, daß er nicht zu ihnen paßt. Er kommt aus der Ostzone, hat dort im Knast gesessen, niemand will genau wissen warum, aber etwas müsse ja doch vorgefallen sein. Er ist noch nicht "beweibt", obwohl schon dreißig Jahre alt, und möchte lieber Pädagoge sein als Lehrer. Vom "freischaffenden Lernen in offener Behaustheit" träumt der junge Mann, die ihm empfohlene "Zucht" liegt ihm gar nicht. Weder dem Posaunen- noch dem Männerchor der Gemeinde will er beitreten, zum Lehrerverein muß er sich bitten lassen, er raucht nicht, und in die Gastwirtschaft geht er nur zum Essen. Das, was der Leser über den Unterricht erfährt, klingt angenehm, als würden sich die Schüler bei Jänicke gut unterhalten. Auch Walter Kempowski kommt aus dem Osten. 1929 in Rostock geboren, wurde er 1948 von einem sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, von denen er acht Jahre Haftzeit verbüßte. Kempowski holte das Abitur nach, studierte und wurde Landschullehrer in Niedersachsen. Daß viele Erfahrungen des Matthias Jänicke in "Heile Welt" Erlebnissen des Autors nachempfunden sind, liegt auf der Hand. Der dem Roman vorangestellte Satz "Alles frei erfunden!" wirkt mit seinem Ausrufezeichen wie eine Beschwörung für diejenigen aus dem Umfeld von Kempowskis Lehrerzeit, die sich und ihre Familien wiedererkennen könnten. Denn 1961 ist die braune Vergangenheit im Dorf noch nicht lange vergangen. Andeutung reiht sich an Andeutung, wie eifrig welche Bauern unter den Nazis waren. Aus Gesprächsfetzen setzt sich ein Puzzlebild über den Maler zusammen, der Arbeiterkinder bei sich wohnen ließ, die französischen Zwangsarbeiter gut behandelte, aber eines Tages denunziert wurde und 1944 im KZ umkam. Eine Skizzenmappe taucht auf und verschwindet wieder, darin sind Blätter, die beweisen könnten, daß der in der Nachkriegszeit zum Helden Verklärte sich bei den Nazis anzubiedern versuchte. Jeder spricht über jeden, nur Matthias, der so gern seine Lebensgeschichte erzählen würde, wird sie bei niemandem los.Überhaupt ist der Lehrer in seiner gutwilligen Art ein bißchen verquatscht. So wie der Autor noch das winzigste Detail für erzählenswert hält, um ein äußerst genaues Alltagsbild der kleinen, nur bei oberflächlicher Betrachtung heilen Welt herzustellen, so beratschlagt der junge Lehrer mit einem kleinen Mädchen aus seiner Schule, ob er seine Mutter besuchen solle, so vertraut Jänicke den Kollegen aus den anderen Dörfern des Kreises seine Tricks an, mit denen er den Schulrat beeindruckt. Daß auch er schließlich verraten wird, zeigt eine traurige Kontinuität. Ein Jahr kann sehr langsam dahingehen, wenn wenig passiert. Klein-Wense liegt zwar im Wirtschaftswunderland, doch die Neuerungen dringen hier nur tröpfchenweise ein. Genau das zu zeigen, scheint aber das Anliegen Kempowskis zu sein: Die bundesrepublikanische Wirklichkeit in einem winzigen Ausschnitt, mit Ereignissen, die vermeintlich unbedeutend sind, die jedoch den Geist jener Zeit mit bohrender Schärfe dem heutigen Leser vor Augen halten. Und wenn er Matthias überlegen läßt, ob er nicht wie ein Schriftsteller alles aufzeichnen sollte, meint er dessen Frage "Was gibt es denn hier aufzuschreiben?" natürlich genauso wie den Titel des Romans: als Behauptung des Gegenteils.Der junge Lehrer, der mit seinen neuen Ideen eigentlich eine Verkörperung des Fortschritts ist, weiß, daß die alte Welt durchaus ihre Schätze birgt. Er sammelt in den Wohnstuben und Stallungen der Dörfler Geschirr, Geräte und Möbel zusammen, die jene als wertlosen Plunder billig abgeben. Und der Chronist Walter Kempowski, der so altmodisch sorgfältig erzählt, auf Reflexionen weitgehend verzichtet, die meisten Episoden unverknüpft läßt, er setzt darauf, daß beim Leser ein gültiges Bild der beschriebenen Welt entsteht. Das ist gar nicht langweilig, eher gemütlich, und jeder weiß, daß gerade die Gemütlichkeit ihre Tücken hat. Walter Kempowski: Heile Welt. Roman. Albrecht Knaus Verlag, München 1998. 479 S., 46,90 Mark.