Herr Romberg, können Sie sich erinnern, wie Sie in der Nacht zum 1. Juli 1990 geschlafen haben?WALTER ROMBERG: Ruhig. Ich war froh, dass wir die Vorbereitungen soweit geschafft hatten. Es hätte an verschiedenen Stellen Chaos entstehen können.Haben Sie den Tag der Währungsunion und das, was ihm vorausging, auch als Chaos empfunden, Herr Waigel?THEO WAIGEL: Das war schon ein Ritt über den Bodensee, eine Aktion ohne historisches Beispiel.Wie haben Sie denn den Stichtag verbracht?WAIGEL: Ich war in Ost-Berlin. Wir hatten eine gemeinsame Pressekonferenz. Angela Merkel hat die geleitet. Sie war damals stellvertretende Regierungssprecherin. Da habe ich sie zum ersten Mal gesehen. Ich erinnere mich noch, dass ein englischer Journalist gefragt hat, ob wir Angst vor diesem gewagten Unternehmen hätten. Da habe ich gesagt: everything is under control.Wissen Sie noch, wann Sie das erste Westgeld in der Hand gehabt haben?ROMBERG: Zum Umtausch habe ich von einer Sparkasse eine D-Mark geschenkt bekommen. Die habe ich zur Erinnerung aufbewahrt.Und Ostgeld, Aluchips, haben Sie die auch noch?ROMBERG: Münzen habe ich nicht mehr, aber ein paar Scheine. Ich weiß aber noch, dass ich Herrn Waigel am 1. Juli eine Sammlung von DDR-Scheinen überreicht habe. Er umgekehrt hat mir keine West-Scheine gegeben.Herr Waigel, wissen Sie noch, wie das DDR-Geld aussah, was zum Beispiel auf dem Hunderter drauf war?WAIGEL: So genau weiß ich das nicht mehr. Aber ich weiß, dass sich die Dinger noch in meinem Besitz befinden. Weil ja solche Sachen von besonderem Wert sind.ROMBERG: Ich kann es nicht mehr den einzelnen Scheinen zuordnen. Ich vermute, auf dem Hunderter war Karl Marx.Wie haben Sie sich eigentlich kennen gelernt?ROMBERG: Ich denke, das war am 14. Mai. Wir haben uns getroffen, um die Unterzeichnung des Staatsvertrages am 18. Mai vorzubereiten. Das waren ziemlich dramatische Tage, voller ungelöster Probleme. Ich war in der westdeutschen Presse unheimlich beschimpft worden. Das Bundesfinanzministerium drängte darauf, dass ich die gültigen Zahlen für den Finanzrahmen des Haushalts 1990/91 geben sollte, weil die ja die Grundlage für die Währungsunion waren. Ich konnte aber keine Zahlen geben, solange ich nicht wusste, dass die Ressortchefs der de-Maizière-Regierung dem zugestimmt hätten. Umgekehrt war auch der Bundesfinanzminister noch nicht in der Lage, Zahlen zu nennen, weil er nämlich den Fonds Deutsche Einheit verhandelte. An diesem Tag haben wir uns ziemlich verstimmt getrennt.WAIGEL: Es war ja auch ungeheuer schwierig, den Finanzbedarf auf den Pfennig genau zu berechnen. Und trotzdem, wir mussten eine Zahl finden. Denn auch ich wurde permanent von der Presse gefragt: Was kostet die Einheit?Aber unterzeichnet wurde doch schon vier Tage später, am 18 Mai. Ohne Zahlen?ROMBERG: Nein, wir haben es rechtzeitig geschafft. Am 16. Mai wurde der Haushaltsentwurf vom Kabinett de Maizière gebilligt. Am 17. haben wir uns in Bonn auf den endgültigen Text geeinigt.Schon einen Tag nach dem Mauerfall wurde am Bahnhof Zoo eine Westmark gegen zehn Ostmark getauscht. Und bald darauf rief das Volk: Kommt die Westmark nicht zu mir, gehe ich zu ihr. Ging die Initiative zur Währungsunion von den Bürgern aus?WAIGEL: Wir haben diese Forderung schon ernst genommen und uns in einer Klausurtagung in der bayerischen Vertretung in Bonn Gedanken gemacht. Zuerst, Anfang Januar 1990, gingen wir noch von einem Stufenplan aus. Aber ich ahnte damals schon, dass wir von der Entwicklung überrollt werden würden. Wir wären in ein Entscheidungsdilemma geraten, das wir politisch nicht überstanden hätten. Da stellten wir uns die Frage: Warum gehen wir nicht den direkten Weg?ROMBERG: Nur ist die Frage, ob das, was abgelaufen ist, die einzige Möglichkeit war. Haben Sie eine realistische Alternative gesehen?ROMBERG: Ich denke schon. Nach der März-Wahl rechneten wir in der Regierung de Maizière noch mit etwa zwei Jahren bis zur deutschen Einheit. Das wäre ein Zeitrahmen gewesen, in dem man hätte vernünftig diskutieren und gestalten können. Vor allem hätte man ein Konzept zur Strukturanpassung der DDR-Wirtschaft entwickeln müssen. Wir haben diese Forderung in den Verhandlungen immer wieder gestellt, bis zum Schluss. Das wäre auch aus heutiger Sicht der richtige Weg gewesen.Und warum haben Sie das damals nicht gemacht?ROMBERG: Zum Beispiel weil uns Herr Waigel unter Druck gesetzt hat. Alles oder nichts. Wir geben euch kein Geld, wenn ihr uns nicht die Souveränität über die Währung abtretet und unser Wirtschaftskonzept übernehmt.WAIGEL: Dazu würde ich gern ein paar Bemerkungen machen. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder sofort und mit einer klaren Entscheidung, wie wir es gemacht haben. Oder die stufenweise Anpassung an die freie Marktwirtschaft. Das hätte bedingt, dass wir eine ökonomische Grenze hätten aufrechterhalten müssen. Mit Zollkontrollen und allem, was dazugehört. Das hätten wir nach dem Grundgesetz und nach unserem politischen Verständnis nicht tun dürfen. Und das hätten die Menschen im Osten auch nicht mitgemacht.ROMBERG: Das sehe ich mit der Zollgrenze genauso.Aber den Westdeutschen hätte das vielleicht gefallen.WAIGEL: Es gab viele Menschen, die das lieber gehabt hätten. Einer meiner früheren Lehrer schrieb mir damals, lieber Waigel, hören Sie doch endlich auf mit Ihrer Wiedervereinigung. In meinem Bekanntenkreis will die niemand. Auch in der CSU haben mir Leute gesagt, langsam, langsam. Du machst uns den Wahlkampf 90 kaputt und vieles andere mehr.Und trotzdem haben Sie auf Tempo gedrückt.WAIGEL: Wenn wir das nicht getan hätten, hätten die Menschen in Frankfurt an der Oder ihre Koffer genommen und wären nach Frankfurt am Main gefahren. Dort hätten sie sich hingesetzt und über die Sozialhilfe dreimal so viel bekommen wie zu Hause an Lohn.Es stimmt also, dass Sie dem Osten Dampf gemacht haben?WAIGEL: Ja, das ist richtig. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war ich der Meinung, dass es keinen Erfolg haben kann, 15 Milliarden Mark oder ähnliche Summen in diese Strukturen im Osten hineinzupumpen. Das habe ich der PDS-Wirtschaftsministerin Christa Luft schon vor der März-Wahl gesagt, als sie mit Modrow in Bonn war. Ich bin auch im Nachhinein der Meinung, dass der radikale Schnitt nötig war, auch wenn es teurer gekommen ist. Einen anderen Weg hätten wir nicht durchgestanden. Alle miteinander nicht, weder die West-, noch die Ostpolitiker.ROMBERG: Herr Waigel, ich finde das unflexibel. Es gab doch Wege dazwischen, die die Situation in Ostdeutschland nicht so hätten werden lassen, wie sie geworden ist. 17 Prozent offizielle Arbeitslosigkeit, doppelt so hoch wie auf der Westseite. Stagnation des Wirtschaftswachstums. Abwanderung der jungen Leute. Sinkende Investitionen. Man hätte dieses Ausmaß verhindern können, wenn wir eine Strukturanpassung in bestimmten Sektoren gemacht hätten. Als diese Folgen vor zehn Jahren vorausgesagt wurden, haben Sie, Herr Waigel, das als Horrorvisionen bezeichnet. War Ihnen damals der Preis nicht bewusst, der für die Währungsunion zu zahlen sein würde?WAIGEL: Auf die Frage, was kostet die Wiedervereinigung, habe ich nie eine Zahl genannt. Ich habe immer gesagt, ich weiß es nicht. Ich habe mich an dem orientiert, was Ernst Jünger dazu gesagt hat: Wenn dein Bruder vor der Tür steht, lässt du ihn rein und fragst nicht, was es kostet.Aber der Osten hat doch auch einen Preis bezahlt. Die D-Mark kam und die DDR-Wirtschaft krachte.WAIGEL: Natürlich haben wir auch Überlegungen angestellt, was die Währungsumstellung für die ostdeutsche Wirtschaft bedeutet. Vor allem im Hinblick auf den Produktivitäts-Rückstand. Wir gingen davon aus, dass der damalige Export der DDR noch ein paar Jahre hätte fortgeführt werden können. Aber der brach völlig weg. Das war eine Tragödie.ROMBERG: Einer Ihrer leitenden Mitarbeiter hat in einem Buch geschrieben, es sei ein Irrtum gewesen, derart stark auf die Selbstregulierungskräfte der Wirtschaft zu vertrauen. Es kam darauf an, die notwendigen politischen und institutionellen Rahmenbedingungen für den Aufbau der Marktwirtschaft zu schaffen. Das ist nicht passiert. Das ist für mich das größte Defizit des Staatsvertrages für die Währungsunion. Im Grunde hat die Politik hier versagt.WAIGEL: Dazu muss ich noch mal zwei Sätze sagen. Ich glaube, Herr Romberg, Ihr Modell trägt nur, wenn man es in einem geschlossenen ökonomischen und politischen Raum verwirklichen kann. Und der war nicht gegeben. Die Mauer war offen.Sie, Herr Romberg, haben mal Ihre Unterschrift unter den Staatsvertrag als Akt der Unterwerfung bezeichnet. Saßen sich bei den Verhandlungen ebenbürtige Partner gegenüber?ROMBERG: Wir mussten uns im Hinblick auf Finanzrecht, Wirtschaftsrecht und viele andere Fragen hineinversetzen in die Rahmenbedingungen, die in der alten Bundesrepublik herrschten. Auf westdeutscher Seite gab es eine große Schar spezialisierter und erfahrener Juristen. Wir hatten dem nichts Entsprechendes entgegenzusetzen. Das war einfach die Situation. Von westlicher Seite wurden die DDR-Politiker schon mal als Laienspieler bezeichnet.WAIGEL: Aber nicht von mir. Da lege ich großen Wert drauf. Ein solches Wort würde ich nie in den Mund nehmen. Und ich muss ehrlich sagen, ich hatte vor den Kollegen im Osten großen Respekt. Für sie war es schwieriger. Sie mussten auf der einen Seite auf alte SED-Kader, so hieß das ja bei Ihnen, zurückgreifen, zum anderen mussten sie sich mit einer völlig neuen Materie befassen. Aber auch die westdeutschen Politiker waren nicht unbedingt vorbereitet. Wiedervereinigung kann man nicht im Lehrbuch üben.Aber Sie hatten den Entwurf geliefert.ROMBERG: Der erste Staatsvertragsentwurf für die Währungsunion war auf westdeutscher Seite in wesentlichen Teilen fertig, bevor unsere Regierung überhaupt zu arbeiten anfing. Als ich mein Amt antrat, hatte ich bereits Gesetzesentwürfe auf dem Tisch mit dem Vermerk, die westdeutsche Seite werde diese Texte zum Bestandteil des Staatsvertrages machen. Wir sollten daran mitwirken, dass dies so gemacht wird. Wir wären nicht in der Lage gewesen, in so kurzer Zeit die umfangreichen Gesetzesentwürfe auszuarbeiten. Bei einer Kabinettssitzung hatten wir allein 1 300 Seiten Gesetzesentwürfe zu beschließen. Man kann heute kaum nachvollziehen, was da alles passieren musste: Steuerrecht, Haushaltsrecht, ein neuer Staatshaushalt, Bankenaufbau, internationale Beziehungen, Schuldenverwaltung. Und dabei die Vorbereitung und technische Durchführung der Währungsumstellung. Das war ein irrsinniger Arbeitsaufwand für einen Teil meiner Mitarbeiter. WAIGEL: Ganz so glatt lief das bei uns in Bonn auch nicht. Als wir zum ersten Mal an einen Staatsvertrag dachten, sagte das Bundesjustizministerium, das geht nicht. Das könnt ihr auch gar nicht. Zum Glück gab es in meinem Hause Leute, unter ihnen Professor Schmidt-Bleibtreu, Kommentator des Grundgesetzes, die juristisch bewältigten, was die Ökonomen sich ausgedacht hatten.Etliche dieser Experten haben seinerzeit gesagt, es wäre ökonomisch sinnvoller, wenn man der Währungsumstellung einen Kurs von 1:4 oder 1:6 zu Grunde legen würde. Was hat dazu geführt, dass man 1:1 beziehungsweise 1:2 .WAIGEL: .exakt 1:1,8..umgestellt hat. War das eine politische Entscheidung?WAIGEL: Es gibt eine relativ einfache Antwort. Hätten wir einen Lohn von tausend Ostmark zu einem Kurs von 1:4 umgestellt, dann können Sie sich ausrechnen, was an realer Kaufkraft geblieben wäre. Oder denken Sie nur an die durchschnittliche Ostrente von 500, 600 Mark. Da wäre ein solcher Schnitt eine Katastrophe gewesen.ROMBERG: Für die Sparer, Lohnempfänger und Rentner, kurzum die normalen Leute, war die Regelung sicher gut. Das gilt so nicht für die Industrie. Ich habe nicht eine generelle Totalentschuldung vertreten, wir wollten eine differenzierte Entschuldung der Betriebe. Wir haben unter enormem Zeitdruck gestanden, deshalb konnte man nicht mehr erreichen. Wir sind gejagt worden.Von wem denn?ROMBERG: Nicht unbedingt von der Bundesregierung, jedenfalls auf verschiedenen Ebenen. Der Einigungsprozess hing ja nicht nur von den Deutschen ab. Aus meiner Sicht war er ein Nebenergebnis der globalen Auseinandersetzung zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion gewesen. Keiner hat gewusst, dass die sowjetische Zustimmung zum Abzug aus Mitteleuropa, zu einem vereinigten Deutschland in der Nato, so einfach zu erreichen sein würde. Der Westen hat hoch gepokert, denn ein Umsturz in Moskau konnte nicht ausgeschlossen werden. Die Zustimmung der Russen haben wir doch preiswert bekommen. WAIGEL: Ich erzähle Ihnen dazu eine Geschichte: Vor ein paar Jahren traf ich den russischen Wirtschafts- und Finanzminister. Den habe ich gefragt, wie es meinem damaligen Verhandlungspartner geht. Da lacht der mich an und sagt: Der lebt unter einem Waigel-Trauma. Wieso, sage ich, ich habe dem nie was getan. Fragt der Minister, wie viel gibst du jedes Jahr aus für Kosten der Einheit. Sage ich, netto etwa 90, brutto etwa 150 Milliarden Mark. So, sagt der, und für den Überleitungsvertrag, für den Abzug aller russischen Truppen, hast du 15 Milliarden ausgegeben. Wenn wir 150 verlangt hätten, hättest du die auch gegeben.Hätte Bonn wirklich so viel gezahlt?WAIGEL: Wahrscheinlich nicht. Aber das zeigt, andere haben auch nachgerechnet.Herr Romberg, Sie haben zur Währungsunion gesagt, die DDR-Bürger seien in mehrfacher Weise enteignet worden. Haben Sie das tatsächlich so hart gemeint?ROMBERG: Ja, es war vor zehn Jahren eine dreifache Enteignung. Einmal die Enteignung von Arbeit. Dazu brauche ich nichts weiter zu sagen. Zum anderen die Tatsache, dass in der DDR erbrachte kulturelle, wissenschaftliche und soziale Leistungen entwertet wurden. Unsere Geschichte wurde nicht mehr von uns selbst interpretiert, sondern von Westdeutschen. Und das Dritte war die Enteignung im Hinblick auf die Vermögen. Nach meiner Kenntnis ist das Industrievermögen nur noch zu sechs oder sieben Prozent in ostdeutscher Hand. Das andere ist in westdeutschem oder ausländischem Besitz.Konzerne in den alten Ländern gehören auch nicht nur Deutschen.ROMBERG: Das hat man uns damals auch gesagt. Seid doch mal ruhig, das ist kein Problem. Dass es auch für Westdeutsche nicht so einfach ist, merkt man jetzt, wenn feindliche Übernahmen drohen. Da wird dann nach der Politik gerufen. WAIGEL: Die Enteignung, Herr Romberg, hat natürlich vorher stattgefunden und nicht während des deutschen Einigungsprozesses. Den Menschen wurde von den Kommunisten eine Fata Morgana vorgegaukelt. Ein Kapitalstock, das mussten wir feststellen, war fast nicht mehr vorhanden. Und die Sowjetunion war auch schon viel kaputter, als wir uns das vorgestellt hatten. Wir wussten, wie heikel die Situation war. Aber dass bereits ein Jahr nach der Einheit Gorbatschow keine Chance mehr haben würde, war beim besten Willen nicht abzusehen.ROMBERG: Da ist auf sowjetischer Seite, und nicht zuletzt bei Gorbatschow persönlich, eine Menge an Fehleinschätzungen über die eigene Situation gewesen, um nicht zu sagen Traumtänzerei. Das mindert nicht sein Verdienst, dass wir in Europa und darüber hinaus diesen Übergang ohne einen militärischen Konflikt geschafft haben.Waren Sie an diesen Fehleinschätzungen völlig unbeteiligt, Herr Romberg? Ging Ost-Berlin bei der Bewertung der industriellen Leistungsfähigkeit nicht von Erträgen aus, die nur innerhalb des geschlossenen Wirtschaftssystem des RGW erzielt werden konnten?ROMBERG: Natürlich war der Ertragswert der DDR vorher ein anderer als nach der völligen Öffnung zum westlichen Kapitalmarkt. Aber die Abwertung des Industrievermögens ist zu einem beträchtlichen Teil erst nach 1990 passiert. Natürlich ging es darum, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen. Dafür musste man Betriebe eventuell billiger auf den Markt bringen, als der tatsächliche Ertragswert war. Aber durch die beschleunigte und restlose Privatisierung entstand ein riesiges Angebot an Betrieben durch die Treuhand. Das drückte die Preise. Man hätte auch eine gezielte Industriepolitik machen können.WAIGEL: Zwei Worte zur Treuhand. Herr Romberg, Sie sagten vorhin, Sie seien kein Befürworter der Totalentschuldung gewesen. An den Schulden ist kein Betrieb gescheitert. Da, wo es ein unternehmerisches Konzept gab, hat es die Treuhand an Entschuldung nicht fehlen lassen. Und warum wurde in solcher Eile privatisiert?WAIGEL: Weil wir Marktanteile brauchten. Und die Marktanteile haben die Investoren mitgebracht. Und ohne die Marktanteile hätten wir, insbesondere beim Export, überhaupt nichts an Land bekommen. ROMBERG: Der Westen hat doch die Erwartung geweckt, dass viel mehr privates Kapital nach Ostdeutschland fließen würde. Es gab unzählige Appelle der Bundesregierung an deutsche Unternehmen, in den neuen Ländern zu investieren.Herr Waigel, finden Sie es in Ordnung, dass zehn Jahre nach der Einheit die Löhne im Osten noch nicht bei hundert Prozent der West-Löhne sind?WAIGEL: Von der Gerechtigkeit her kann ich die Forderung nach Angleichung gut verstehen. Wenn auf der einen Straße in Berlin hundert Prozent bezahlt werden und auf der anderen für dieselbe Arbeit nur 85 Prozent, dann kann ich nachvollziehen, dass man sich darüber ärgert. Nur kostet die Angleichung auch mehr Geld. Das muss man deutlich sagen. Wenn die Produktivität eines Teils der Volkswirtschaft noch nicht so hoch ist, bedeutet das Transfer-Leistungen von der anderen Seite. So gesehen hätten die Ost-Löhne sogar langsamer angepasst werden müssen.Aber wäre es aus psychologischen Gründen nicht wichtig, auf hundert Prozent zu gehen, egal, aus welchem Topf das Geld kommt? Um die Spaltung nicht noch zu vertiefen?WAIGEL: Wir haben auch in Westdeutschland über Jahrzehnte eine Trennung gehabt. Glauben Sie, dass in den fünfziger Jahren die Löhne im Bayerischen Wald genau so hoch waren wie im Ruhrgebiet? ROMBERG: Ich denke auch, dass sich die Lohnentwicklung an der Produktivität orientieren muss. Eine Alimentierung durch den Westen kann keine Dauerlösung sein. Wir benötigen einen Investitionsschub in Ostdeutschland. Wir müssen neue Märkte erschließen. Sonst kommt es zu einem Verteilungskampf um den bestehenden Markt zwischen Ost- und Westdeutschen. Ich hoffe nur, dass der Finanztransfer von West nach Ost nicht reduziert oder gar in Frage gestellt wird. Es gibt Zeichen dafür, um es vorsichtig zu sagen.WAIGEL: Die gab es schon 1990. Ich will es gar nicht personalisieren. Die Leute sitzen heute an höchsten Stellen. Was musste ich mir als Förderer des Solidarpaktes nicht alles anhören, ich habe manches in bitterer Erinnerung. In ganz bitterer Erinnerung. Da sind Leute im Wahlkampf durch die Westlande gereist und haben gesagt, diese Straße können wir nicht mehr bauen, diesen Kindergarten nicht erweitern, weil wir das ganze Geld dem Waigel für die Ost-Finanzierung geben müssen.Zurück zum 1. Juli. So ein Vertrag, wie er damals geschlossen wurde, lädt auch zum Missbrauch ein. Tatsächlich sind ja riesige Summen abgezweigt worden. Haben Sie die Gefahren unterschätzt?ROMBERG: Da ist sicher eine Menge an suspekten Transaktionen versucht worden. Von Einzelnen und von Firmen. Ich denke zum Beispiel an fingierte Geschäfte, die in Richtung Osten über den Transfer-Rubel gemacht und hier gegen das neue Westgeld abgerechnet wurden. WAIGEL: Natürlich gab es kriminelle Energie. Wir haben uns in jeder Legislaturperiode in Untersuchungsausschüssen um Aufklärung bemüht. Trotzdem muss ich auch mal sagen, unterm Strich waren die Summen meistens geringer als in den Schlagzeilen der Medien.Herr Romberg, Sie haben manche negative Entwicklung prophezeit, die tatsächlich eingetreten ist. Empfinden Sie Genugtuung, dass Sie Recht hatten?ROMBERG: Überhaupt nicht. Ich hätte mir gewünscht, es wäre anders gekommen.Und Sie, Herr Waigel, sind Sie enttäuscht von der Undankbarkeit vieler Ostdeutscher, die klagen, sie seien von den Westdeutschen über den Tisch gezogen worden?WAIGEL: Nein, ich bin nicht enttäuscht. Und ich unterscheide auch zwischen der veröffentlichten Meinung und dem realen Verhalten von Menschen. Natürlich gab es Kritik am Finanzminister. Aber das ist Ritual. Er ist nun mal der Buhmann der Nation. Ein amerikanischer Amtskollege hat mal gesagt, ein Finanzminister, der populär sein will, hat seinen Job verfehlt.Herr Romberg, Sie sind noch vor der Vereinigung aus der DDR-Regierung entlassen worden. Warum eigentlich?ROMBERG: Es ging um die Verhandlungen über den Einigungsvertrag, genauer: um den zukünftig den Ostdeutschen zustehenden Anteil der Steuereinnahmen und die Entscheidungsgewalt über das Treuhand-Vermögen. Bei der Strategie, die ich vorgeschlagen habe, wäre die zu erwartende hohe Verschuldung der Ost-Länder und Kommunen durch ein Verfahren des Steuerausgleichs minimiert worden. Für das Treuhand-Vermögen sollte eine von den fünf neuen Ländern getragene Institution verantwortlich sein. Ich bin bei meinem Regierungschef damit nicht durchgekommen. Lothar de Mazière machte mir unmittelbar nach seinem Treffen mit Helmut Kohl am Wolfgangsee klar, dass die Weichen anders gestellt waren.Waren Sie erleichtert, als Walter Romberg in die Wüste geschickt wurde, Herr Waigel?WAIGEL: Nein, überhaupt nicht.Aber er war doch ein sperriger Verhandlungspartner.WAIGEL: Das war doch seine Aufgabe. Das habe ich respektiert. Ich habe - und bitte nehmen Sie mir das ab - Männer wie ihn oder Richard Schröder persönlich hoch geschätzt. Aber ich hätte - das sage ich auch - nicht in ihrer Lage stecken mögen.ROMBERG: Das klingt heute sehr freundlich. Aber ich habe auch nicht vergessen, wie ich seinerzeit beschimpft worden bin.WAIGEL: Aber nicht von mir. An anderer Stelle mögen solche Äußerungen gefallen sein. Aber von meiner Seite, das will ich klipp und klar sagen, hat es nie eine negative Äußerung gegeben.Bei Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf. Bei Ihnen konnte sie eigentlich gar nicht beginnen. Haben Sie sich seit der Zeit, als Sie die Klingen kreuzten, noch einmal wieder gesehen?ROMBERG: Nein, bis zum 18. März dieses Jahres nicht. Da haben wir uns bei der Jubiläumsfeier der frei gewählten Volkskammer im Reichstag gesehen.WAIGEL: Ich habe Sie auf der Bank erblickt und wollte Ihnen grüß Gott sagen.Das Gespräch führten Peter Pragal und Renate RauchWalter Romberg // Jahrgang 1928, studierte Mathematik und Physik in Rostock und Berlin, 1965 Promotion. Seit 1953 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1978 bis 1990 als Abteilungsleiter im Institut für Mathematik. Romberg engagierte sich aktiv in der Friedensbewegung unter dem Dach der Kirche.1989 Mitbegründer der SPD in der DDR, Mitglied der Grundsatzkommission und ab Februar 1990 Minister ohne Geschäftsbereich in der Übergangsregierung Modrow. Nach den Volkskammerwahlen vom März war Romberg Finanzminister in der Regierung de Maizère und führte die Verhandlungen zur Währungsunion mit der Bonner Regierung. Im August entließ Ministerpräsident de Maizère Romberg wegen massiver Meinungsverschiedenheiten.Von 1991 bis 1994 arbeitete Romberg im Europäischen Parlament, engagiert sich für die Zusammenarbeit mit Osteuropa, Projekte in der Dritten Welt und Fragen der Sicherheitspolitik. --- Wir haben unter enormem Zeitdruck gestanden. Wir sind gejagt worden. Walter Romberg ---------------- Theo Waigel // Jahrgang 1939. Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in München und Würzburg. 1967 Promotion. Von 1971 bis 1975 Landesvorsitzender der Jungen Union in Bayern. Seit 1960 Mitglied der CSU.Dem Deutschen Bundestag gehört Waigel seit 1972 an, arbeitete im Ausschuss für Bildung und Wissenschaft, im Haushalts- und im Wirtschaftsausschuss. 1980 wirtschaftspolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Nach dem Tode von Franz Josef Strauß 1988 wurde Waigel neuer CSU-Vorsitzender und blieb es bis 1998.Bei der Kabinettsumbildung im März 1989 ernannte Kohl Waigel zum Bundesfinanzminister. In diesem Amt war er an verschiedenen Verhandlungen zur deutschen Vereinigung beteiligt, maßgeblich an denen zur Währungsunion und den Treffen zwischen Kohl und Gorbatschow in Moskau und im Kaukasus. Parallel dazu engagiert er sich für die europäische Wirtschafts- und Währungsunion.Ich bin der Meinung, dass der radikale Schnitt nötig war, auch wenn es teurer gekommen ist.Theo Waigel