Ein Leben rückwärts lesen. Das Ende finden, in einem Zimmer im 7. Stock des Hotels Lutetia auf dem Boulevard Raspail in Paris. "Ihre Matratzengruft" nennt der Autor Willi Jasper das letzte Refugium der Marianne Oswald in seinem Buch "Hotel Lutetia". Dieses Haus war von 1933 bis 1939 Begegnungsstätte und Asyl deutscher Emigranten, diente ab 1940 Hitlers Abwehr- und Spionage-Chef Canaris als Residenz und beherbergte nach 1945 die Überlebenden deutscher Konzentrationslager. So wechselhaft wie die Chronik des Hotels scheint auch die Biographie der Marianne Oswald gewesen zu sein, glaubt man den wenigen Spuren, die geblieben sind. In diesen mit schönen und schmerzhaften Erinnerungen, Bildern und Widmungen von Freunden tapezierten vier Wänden hat sie 33 Jahre verbracht, bis zu ihrem Tod am 25. Februar 1985. Irgendwann in dieser Zeit - was ist schon ein einzelner Tag angesichts der Ewigkeit von drei Jahrzehnten - fragt sie ein Journalist: "Warum singen Sie nicht mehr?" Lakonisch antwortet sie: "Weil ich es vorziehe, daß Sie mir diese Frage stellen, anstatt mich zu fragen, warum ich immer noch singe." Verloren im Vergessen Marianne Oswald, Diseuse, Chansonsängerin, Autorin, Schauspielerin, Regisseurin, 1901 in Sarreguemines / Saargemünd, Lothringen, geboren und 1985 in Paris gestorben, befand sich zeitlebens auf der Schwelle: zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Kabarett und Theater, zwischen künstlerischen Höhenflügen und emotionalen Tiefen. Ihre Spur verliert sich im Vergessen, besonders hierzulande, wo sie anfing, die Bretter, die die Bühne bedeuten, zu betreten. Saargemünd immerhin hat sich spät an die Künstlerin erinnert, ihren Leichnam 1991 feierlich überführt und in der Heimatstadt beigesetzt, eine Straße nach ihr benannt und eine Gedenktafel am Geburtshaus angebracht.Die junge Lothringerin jüdischer Abstammung, geboren als Alice Marianne Colin, steht schon bei ihrer Geburt auf der falschen Seite, ist sie doch ein Mädchen, statt wie von der Mutter gewünscht ein Junge. Mit 13 Waise geworden, tritt sie eine Reise durch verschiedene Erziehungsheime an und entwickelt in der Unstetigkeit dieses Daseins den Wunsch nach einem Leben auf der Bühne. Schon die junge Marianne ist fasziniert vom "künstlerisch bewegten, aufsässigen Deutschland der Systemzeit", wie der Spiegel Nr. 27 am 30. Juni 1949 in einem Porträt schreibt. Sie ist stärker angezogen von der teutonischen Schwere, vom aggressiven Unterton als von dem gallischen Leichtsinn.Doch erst einmal zerplatzen die Träume der angehenden Sängerin, denn sie muß sich in Berlin einer schwierigen Schilddrüsenoperation unterziehen und verliert daraufhin für ein Jahr ihre Stimme. Der Wille, trotzdem zu singen, beschert ihr für den Rest des Lebens diese Baritonstimme, dieses rauhe, heisere Organ, das ungeheuer gut in die Zeit paßt, zu den Rollen desillusionierter Hafenmädchen und zynischer Frauen, zum Schrei der Verfolgten und dem Aufbegehren der Unterdrückten. Neben ihren feuerroten Haaren wird Oswalds Reibeisentimbre zu ihrem Markenzeichen und macht sie zur "Tragödin des Chansons", wie in der Berliner Zeitung vom 29. Juni 1949 zu lesen ist. Von 1925 an steht sie auf verschiedenen Bühnen der Hauptstadt, tritt u. a. im Kabarett Anti und im Korso Kabarett auf, singt und spielt Brecht/Weill, Colpet-Programme und französische Chansons und nimmt, inspiriert von Ibsens Drama "Gespenster", den Künstlernamen Oswald an. Als Emigrantin nach Paris 1933 emigriert die Jüdin nach Paris, wo sie im 1934 gegründeten Exil-Kabarett "Die Laterne" und später in der "Bunten Bühne" zu erleben ist und Tourneen durch Frankreich und Belgien unternimmt. Zwar wird sie auch hier von Rechten als "jüdische Hure, die der Berliner Kanalisation entlaufen" ist beschimpft, doch die Schriftsteller und Maler sind begeistert von der Interpretin und legen ihr Texte und Rollen zu Füßen. Jean Cocteau schreibt für sie "Anna, das Dienstmädchen" und gibt ihr eine Rolle in seinem Film "Les Amants de Verone", Jacques Prevert widmet ihr zahlreiche Chansons, Camus und Gide sind enge Freunde. Oswald wagt es als erste, Lyrik von Baudelaire, Laforge, Apollinaire und anderen zu singen, ihre eigenwillige Vortragskunst pendelt zwischen flammendem Plädoyer und sinnlich-samtenem Flüstern, aggressiver Pampigkeit und heiterer Lebenslust, französischer Doppeldeutigkeit und deutscher Direktheit. Die darstellerische Fähigkeit, stimmlich alles zu sein, ein verführerischer Faun ebenso wie eine Grande Dame, ihre Kunst, jede Silbe auszukosten und die Sprache rhythmisch zu dehnen, ihr einen expressionistischen, ja deutschen Nachgeschmack zu geben, beeinflussen das französische Chanson nachhaltig. Bis heute. Eine Chansonsängerin wie Juliette, eine der Großen der 90er Jahre, bezieht sich so direkt auf Marianne Oswald, daß sie Lieder der Sängerin im Repertoire hat: "Jeu de massacre" oder "Papier buvard".Doch was sich erfolgreich entwickelt, wird unterbrochen vom Zweiten Weltkrieg. Marianne Oswald ist gerade in New York, tritt in einem französischen Cabaret auf und entsinnt sich nun, weit entfernt der Heimat, wieder ihrer Ursprünge. Sie ändert ihren Künstlernamen in Marianne Lorraine (übersetzt: Lothringen) und schreibt ein Buch voller Kindheitserinnerungen, Titel "A small voice", das nach dem Krieg auch in Frankreich erscheint und dort "Ich habe nicht gelernt zu leben" heißt. "Schwester der Poeten" 1945, zurück in Paris, ist sie zwar immer noch "Die kleine Schwester der Poeten", wie Max Jacob sie getauft hat, doch die vielen Brüche und Einschnitte, der Selbstmord ihres Geliebten, des Schauspielers Louis Salou, und die veränderte Situation - die Menschen strömen in die großen Unterhaltungsrevuen und nicht mehr ins literarische Kabarett - bringen Marianne Oswald dazu, nach neuen existentiellen Wegen zu suchen. Sie kreiert zahlreiche Rundfunk- und Fernsehsendungen, Literaturserien für Kinder und fördert Talente, deren Namen heute in Frankreich ein Begriff sind. Ein letzter Besuch 1949 Ein letztes Mal kehrt Marianne Oswald 1949 dorthin zurück, wo alles angefangen hatte, tritt am 25. Juni in der Komödie am Kurfürstendamm in Berlin auf und feiert einen letzten Sensationserfolg in diesem Land, das nicht ihres ist und doch immer Teil ihrer Sehnsucht blieb. " und wie sie es bringt, in rauhen Tonvarianten und Wortbildern, das ist Leben, ist Dichtung des Lebens, verdichtete grausame Realität" ist anläßlich dieser Wiederkehr in der Berliner Neuen Zeit zu lesen. Begleitet von Olaf Bienert am Piano steht sie grell geschminkt im Rampenlicht und legt dem Publikum noch einmal das Selbstgespräch des Dienstmädchens Anna zu Füßen, das seine Herrin mit einer Dosis Veronal umbringt. In deutscher Sprache, mit französischem Akzent, naturellement, und jener intensiven Kraft, über die Jean Cocteau sagte: "Sie speit ihre Lieder aus mit der Selbstverständlichkeit, wie die Orientalen ihren Betel und die Kranken ihr Leben ausspeien." Wie kann man das vergessen? +++