Miguels Laden ist Lebensmittelgeschäft, Drogerie, Handwerkermarkt, Brennstoffhandel und Kneipe zugleich. Und das auf einer Fläche von etwa 25 Quadratmetern. Doch das reicht, denn er versorgt nur die wenigen, umliegenden Höfe im Nationalpark Garajonay ­ und die Wanderer mit dem Nötigsten. Entsprechend schmal ist sein Angebot, seine Bedienung jedoch um so herzlicher. Wir haben gleich den ersten Bus in den frühen Morgenstunden genommen. Jetzt, im Winter, ist es noch dunkel und La Calera liegt im tiefen Schlaf. Nur die Reisenden, die das Fährschiff in San Sebastian hinüber nach Teneriffa erreichen wollen, sind zu so früher Stunde schon auf den Beinen. In endlosen Serpentinen kurvt der Bus von La Calera im Tal der Großen Könige, dem Valle Gran Rey, hinauf auf die Hochebene. Vorbei an Terrassen mit Bananenstauden und Kokospalmen müssen über 1 000 Höhenmeter auf engen Straßen überwunden werden. Gelegentlich stockt einem der Atem angesichts der Abgründe. Doch die Busfahrer La Gomeras sind Meister ihres Faches. Ziel ist der Lorbeerwald im Zentrum Gomeras. Er ist Teil des Nationalparks. 1985 verlieh die Unesco dem hochgelegenen, einzigartigen Wald sogar das Siegel "Erbe der Menschheit". Nationalparkbestimmungen regeln heute die Verhaltensweisen der Besucher. Schier endlos kann im Lorbeerwald gewandert werden, ohne auf eine Siedlung zu treffen. Durch einen Dschungel aus Farn und efeuumrankten Bäumen führen die Wege. Lang hängen Flechtenbärte, Indikatoren für Luftreinheit, von den Ästen herunter. Die Hochebene ist ein natürlicher Wasserspeicher der Insel, der jedoch immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät. Bei klarer Sicht kann von den höchsten Punkten des Plateaus bis zur kanarischen Hauptinsel Teneriffa mit ihrem wuchtigen Wahrzeichen, dem Vulkanberg El Teide, gesehen werden. Besonders eindrucksvoll sind die Wolkenstimmungen, wenn die wabernden Passatnebel von Norden her gegen die Insel branden, im Nordteil abregnen und sich dann wie von Geisterhand auflösen. Ein Phänomen, das auch auf Gran Canaria zu beobachten ist. Während unseres Besuches ist die Luft klar und die Sonne scheint von einem makellosen Himmel. Durch schattige Wälder geht es sanft bergauf und bergab. Fruchtbare Täler bilden einen reizvollen Gegensatz zu den kargen, Mondlandschaften ähnelnden Höhenrücken. Erschöpft sinken wir am Ende des Tages in die Sitze des Linienbusses. Wir haben ihn einfach auf der Straße gestoppt. Inzwischen haben wir uns an die Fahrweise gewöhnt und lassen unseren Gedanken an das Erlebte freien Lauf; und den Gedanken an ein schönes Essen in einem der gemütlichen Restaurants in La Calera. Übrigens: In den Reiseführern wird gern auf die Pfeifensprache verwiesen, mit der sich die Bevölkerung über die langen Distanzen der tief eingeschnittenen Schluchten in vergangenen Zeiten Neuigkeiten übermittelt hat. Im Telefonzeitalter hat sich diese Art der Verständigung offensichtlich überlebt. Nur von Miguel ist sie (auf Wunsch) noch zu hören.