Ein weitverbreitetes Missverständnis besagt, dass moralische Urteile in der Geschichtswissenschaft nichts zu suchen haben, weil sie den unbefangenen Blick auf das Vergangene trüben. Wirklich trübe wird es aber erst, wenn ein moralisches Urteil nicht offen ausgesprochen, sondern versteckt wird. Als etwa der Historiker Jörg Friedrich, der mit seinem Buch "Der Brand" eine Geschichte des Bombenkriegs gegen deutsche Städte geschrieben hatte, gefragt wurde, ob die Flächenbombardements Kriegsverbrechen gewesen seien, wich er aus: Das müsse "jeder für sich selbst entscheiden". In seinem Buch hingegen hatte er die alliierten Bomberpiloten durch seine Wortwahl in die Nähe der völkermordenden SS-Einsatzgruppen gerückt - und die Frage somit indirekt bereits beantwortet.Der Philosoph A.C. Grayling dagegen verschanzt sich nicht hinter suggestiven Formulierungen, wenn er diese ja durchaus berechtigte Frage angeht; schon mit dem Untertitel seines nun auch auf Deutsch verlegten Essays "Die toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen?" spricht er den wunden Punkt direkt an. Grayling ist über den Verdacht des Revisionismus erhaben: Der ehemalige Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation June Forth ist Brite und bekennt gleich in der Einleitung, wie gern er als Kind den erfolgreichen Luftkampf der Royal Air Force gegen die Luftwaffe nachgespielt hat. Dennoch fällt Grayling am Ende ein vernichtendes Urteil über das "strategic bombing": Die Flächenbombardements deutscher und japanischer Städte waren seiner Meinung nach weder militärisch notwendig noch verhältnismäßig, sie widersprachen sowohl den humanitären Grundsätzen, Kriege einzugrenzen als auch den damals anerkannten moralischen Maßstäben der abendländischen Kultur. Moralisch gesehen, so Grayling, waren die gezielten Angriffe auf Wohnviertel und Stadtzentren somit ein Verbrechen.Sein Urteil stützt er auf eine ausgewogene Argumentation; für einen Philosophen macht er sich bemerkenswert viele Gedanken über Strategie und Praxis des alliierten Bombenkrieges. Differenziert zeichnet er nach, wie noch während des Krieges in Großbritannien über den Luftkrieg auf deutsche Städte debattiert wurde. Sein Urteil fällt dadurch nicht milder, sondern schärfer aus: Grayling zeigt, dass die britische Regierung Angriffe auf zivile Ziele in Deutschland aus moralischen Gründen 1939 noch strikt ablehnte und sie der RAF sogar explizit verbot. Man war sich der Verwerflichkeit solcher Angriffe also voll bewusst. Dass die Strategie dann doch schrittweise geändert wurde und dass Arthur Harris als neuer Chef des Bomber Command im Februar 1942 offiziell die "Moral der feindlichen Zivilbevölkerung" zum Hauptziel seiner Flotte erklärte anstatt der deutschen Militär- und Industrieanlagen, das lag in erster Linie an der damals mangelhaften Treffsicherheit der RAF: Weil die Bomber häufig Äcker und Wälder umpflügten statt Startbahnen und Raffinerien zu zerstören, verlegte man sich auf die einfacher zu treffenden Großstädte.Pikanterweise blieb Harris nach diesem Strategiewechsel allerdings der einzige, der ernsthaft an den Erfolg des Flächenbombardements gegen zivile Ziele glaubte. Churchill hatte schon im September 1941 bezweifelt, dass diese Angriffe kriegsentscheidend seien - bestenfalls könne man davon ausgehen, dass sie den Feind "in hoffentlich zunehmenden Maße belästigen werden." Vom Standpunkt der Moral aus betrachtet war diese Einstellung sogar verwerflicher als die von Harris, da Churchill achselzuckend den Tod Tausender Zivilisten in Kauf nahm, ohne dass er diese Opfer als unabwendbar betrachtete.Aber was haben wir eigentlich davon, zu wissen, ob die Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg ein moralisches Verbrechen waren? Für Grayling hat die Antwort mehr als bloß akademische Bedeutung: Mit Blick auf den "war on terror" und die aktuelle US-Kriegsdoktrin, derzufolge die "Moral der Zivilbevölkerung als solche ein legitimes Angriffsziel" sein kann, sieht er die Gefahr, dass die Fehler von einst wiederholt werden.------------------------------Foto: A. C. GraylingDie toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen? Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. C. Bertelsmann, München 2007. 411 S., 22,95 Euro.------------------------------Foto: Churchill erhoffte sich wenig vom Bombenkrieg - und hieß ihn gut.

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