War Homo sapiens einmal eine bedrohte Art? Wissenschaftler suchen die Antwort im Erbgut: Ein schmaler Grat in der menschlichen Evolution

Wie sich bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts zeigt, sind alle heutigen Menschen egal ob Europäer, Inder oder Aborigine sehr nahe miteinander verwandt. Daraus schließen viele Wissenschaftler, dass alle ethnischen Gruppen aus einer kleinen Zahl von Urmenschen hervorgegangen sein müssen. Vor wenigen hunderttausend Jahren hat es ihrer Ansicht nach eine Phase gegeben, in der nur etwa zehntausend Individuen den Fortbestand der Menschheit sicherten. Anthropologen bezeichnen dieses evolutionäre Nadelöhr als "Bottleneck" (englisch für Flaschenhals)."Vom genetischen Standpunkt aus betrachtet, könnte diese Phase den Ursprung des modernen Menschen darstellen", sagt Svante Pääbo, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie. Der Engpass in der menschlichen Entwicklung kann nicht all zu weit zurückliegen, denn den modernen Menschen gibt es erst seit etwa hunderttausend Jahren. Aber noch wissen die Forscher weder genau, wann der Engpass einsetzte, noch wie lange er währte. "Der hohe Verwandtschaftsgrad ist entweder das Ergebnis einer kurzen, heftigen oder einer länger andauernden, weniger starken Dezimierung", sagt Pääbo. Dies könne man jedoch anhand der genetischen Untersuchung heutiger Menschen nicht entscheiden.Die Ursache für das Bottleneck-Phänomen wird kontrovers diskutiert. War die Menschheit damals bis auf eine kleine Gruppe von Überlebenskünstlern ausgestorben? Oder waren es wenige Überflieger, die sich schneller als alle anderen Menschen vermehrten und sie dadurch schließlich verdrängten?Die Arbeitsgruppe um Svante Pääbo studiert auch unsere nächsten lebenden Verwandten, die Schimpansen. Der Vergleich mit den afrikanischen Affen verrät viel über die Geschichte der Menschheit. Wie die Forscher im Wissenschaftsmagazins "Science" berichten, zeichnen Schimpansen sich durch eine genetische Vielfalt aus, die fast viermal so groß ist wie die des Menschen.Die Erklärung dafür ist einfach: Mehr Vorfahren vererben mehr genetische Varianten. Die Leipziger Forscher errechneten aus der jetzigen Verteilung der unterschiedlichen Genvarianten, dass die durchschnittliche Zahl der Schimpansen im Laufe der Evolution um etwa 35 000 Individuen gelegen hat. Für den Menschen berechneten sie dagegen einen statistischen Wert von nur 11 000 Individuen. Nachdem Schimpansen und Menschen sich vor etwa fünf Millionen Jahren im Stammbaum der Primaten trennten, war es also nur der menschliche Zweig, der später sehr dünn wurde.Um dieses Phänomen zu erhellen, werden unterschiedliche Theorien herangezogen. Eine der möglichen Erklärungen geht von einer Naturkatastrophe aus. Diese können sich vor allem auf kleine Populationen verheerend auswirken. Ein Feuer, eine Seuche oder eine Überschwemmung könnte demnach das kleine Volk der ersten modernen Menschen bis auf die wenigen tausend Überlebenden dezimiert haben.Andere Forscher vermuten, dass die Ursache des Bottlenecks mit neuen Lebensgewohnheiten zusammenhängt. "Als die Menschen die Savanne besiedelten und zur Jagd den großen Huftierherden folgten, fielen Schwärme von Tsetsefliegen über sie her und infizierten sie mit der Schlafkrankheit", vermutet Pascal Gagneux, Anthropologe von der University of California in San Diego (UCSD). "Überdies waren die wenigen Wasserstellen im neuen Lebensraum wahre Sammelbecken für Krankheitserreger und Parasiten." Gagneux vermutet, dass vor allem die Menschen, die vom Wald in die Savanne zogen, durch ansteckende Krankheiten stark dezimiert wurden. "Solche Verluste haben die Menschen immer dann getroffen, wenn sie versuchten, neue Ressourcen für sich zu erschließen", sagt Gagneux. Jede Neuerung im Lebenswandel sei mit dem hohen Risiko einer Erkrankung verbunden gewesen. Letztendlich hätten sich die neuen Verhaltensweisen aber als entscheidende Vorteile in der Evolution erwiesen. Da diese Vorteile teuer erkauft waren, konnten nur wenige Menschen diesen evolutionären Engpass überstehen.Durch die neuen genetischen Befunde wurde auch das Bild des Menschen als "Killer-Affe" neu belebt. Unsere Vorfahren haben dieser Theorie zufolge versucht, sich ihrer ärgsten Konkurrenten zu entledigen und töteten daher die Mitglieder fremder Sippen. Aus diesen gewalttätigen Auseinandersetzungen sei nur eine kleine Gruppe Überlebender hervorgegangen.David Woodruff, ebenfalls Anthropologe an der UCSD, weist allerdings darauf hin, dass es außer den genetischen keine weiteren Beweise für prähistorische Ausrottungskriege gibt. Seiner Meinung nach scheidet Krieg als alleinige Ursache für den Bottleneck aus: "Wahrscheinlich haben die drei Faktoren Katastrophe, Krankheit und Krieg zusammengewirkt."Svante Pääbo interpretiert das Phänomen wiederum anders. Möglicherweise, so spekuliert er, hat die genetische Armut der heutigen Menschen gar nichts mit dem Bottleneck-Phänomen zu tun. Der genetische Engpass könnte auch durch die schnelle Vermehrung einer kleinen, aber besonders erfolgreichen Gruppe zustande gekommen sein. Diese hat andere Gruppen auf dem Weg zum modernen Menschen möglicherweise einfach hinter sich gelassen und schließlich verdrängt. Demnach wäre der Bottleneck weniger ein Nadelöhr als vielmehr eine Art evolutionäre Überholspur.Pääbo zufolge zeigt die Besiedlung der anderen Kontinente den Wandel zum neuen Menschen an. "Der moderne Mensch hat sich innerhalb von hunderttausend Jahren fast auf dem ganzen Planeten ausgebreitet." Mit Amerika und Australien erreichte er auch bis dahin unberührte Kontinente. Pääbo: "Das haben frühere Menschen in zwei Millionen Jahren nicht geschafft."Nur wenige Menschen waren damals bereit, neue Wege zu gehen, vermutet Svante Pääbo. Dieser Mut hat ihnen nicht nur dabei geholfen, neue Kontinente zu besiedeln, er hat sie darüber hinaus womöglich zu den Vorfahren der gesamten heutigen Menschheit gemacht.Science, Bd. 286, S. 1159