Eine aristokratische Erscheinung, hochgewachsen, schlank, silbergraues Haar, edle Gesichtszüge - jahrzehntelang der Schwarm junger Mädchen und älterer Damen gleichermaßen. Ein virtuoser Darsteller, intelligent, sensibel, mit breitem Rollenprofil und unnachahmlicher Sprechkultur - einer der großen Schauspieler des Berliner Theaters: Erich Schellow. Heute wird er 80.Keine Feier, keine öffentlichen Ehrungen wird es geben. Erich Schellow ist krank. Seit seinem Schlaganfall 1993 schirmt ihn seine Familie ab. "Es geht ihm nicht besonders gut", sagt der 20jährige Sohn Alexander am Telefon und bittet um Verständnis, keine weitere Auskunft geben zu können. Tief erschüttert "Er hat sich total zurückgezogen, auch für Freunde ist er nicht mehr erreichbar", bedauert Schaubühnen-Direktor Jürgen Schitthelm. "Die Schließung der Staatsbühnen hat diesen überragenden Schauspieler, der alle Top-Angebote anderer Theater ablehnte in absoluter Treue zu seinem Haus, getroffen wie keinen anderen. Er hat das gar nicht persönlich gegen sich gerichtet gesehen. Er konnte nur nicht verstehen, daß eine Stadt wie Berlin sich so etwas antut." Schitthelm ist überzeugt, daß diese "tiefe Erschütterung" die Krankheit auslöste, "so schnell und ohne alle Anzeichen".Kultursenator Ulrich Roloff-Momin weiß um Schellows "Groll und Verdruß wegen der leider unabwendbaren Schließung des Schiller Theaters". Dies beeinträchtige jedoch nicht "im mindesten" seine "Bewunderung und Hochachtung für den Künstler und Menschen Erich Schellow", heißt es in dem Glückwunsch des Senators. 45 Jahre gehörte Erich Schellow dem Schiller Theater an, eine feste und verläßliche Größe. Er hat sich immer als Ensembleschauspieler verstanden, selten anderswo gastiert und nur wenige Ausflüge zu Film und Fernsehen unternommen. "Ich bin kein Star, ich brauche die mir vertraute Gemeinschaft."Diese künstlerische Heimat hat Erich Schellow mit dem radikalen Ende des Schiller Theaters im Sommer 1993 verloren. Als "skandalös" empfand der Staatsschauspieler das lapidare Kündigungsschreiben. Mit Ehrungen wie dem Bundesverdienstkreuz und dem Berliner Kunstpreis, den er zweimal erhielt, könne er sich nun "die Wand tapezieren, sonst nichts", empörte sich der Künstler. Seine Klage gegen die Kündigung blieb erfolglos.In Berlin geboren und in Berlin zum Schauspieler ausgebildet, debütierte Erich Schellow in Hamburg, spielte 1941 bis 1944 bei Gustaf Gründgens im Preußischen Staatstheater am Gendarmenmarkt, kehrte nach dem Krieg nach Hamburg zurück, bis ihn Boleslaw Barlog 1948 endgültig nach Berlin holte. In den 50er Jahren war er der jugendliche Held in allen klassischen Rollen und "ein Vorbild für uns alle", erinnert sich Jürgen Schitthelm. Den Durchbruch ins Charakterfach verbuchte er 1963 mit Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"Schellow verkörperte den schneidigen Offizier ebenso überzeugend wie den charmanten Gentleman. Noble Herren lagen seinem Naturell näher, verkrachten Existenzen gab er eine reizvolle Brüchigkeit. Regisseure wie Piscator, Kortner, Barlog haben Schellow geprägt. Seine Arbeit mit Zadek und Neuenfels nannte er "Seitensprünge". Er blieb neugierig auf junge Regisseure. In Leander Haußmanns "Don Carlos"-Inszenierung spielte er den Großinquisitor. Es war seine letzte Rolle in seinem Ensemble. Unheimlich gefreut Eine Tschechow-Produktion war geplant. "In Schwanengesang" sollte Schellow einen alten Mimen verkörpern, der melancholisch Bilanz eines langen Theaterlebens zieht, eine ideale Altersrolle. Jürgem Schitthelm bot ihm an, diese Produktion als offizielles Gastspiel des schon geschlossenen Schiller Theaters in die Schaubühne zu übernehmen, "wir haben uns unheimlich gefreut". Doch drei Wochen vor der geplanten Premiere im Dezember 1993 wurde Schellow krank. Schellow in einem Gespräch mit Boleslaw Barlog: "Es geht gar nicht um den Applaus. Es geht um das zweite Leben, das ich seit 50 Jahren auf der Bühne lebe." +++