Kaum eine andere Stadt litt so sehr unter der nationalsozialistischen Besatzung wie Warschau. Bereits bei der Belagerung durch die Wehrmacht im September 1939 wurden mehr als zehn Prozent der Bausubstanz vernichtet. Das Königsschloss, ein Renaissancebau aus dem späten 16. Jahrhundert, brannte nach dem Bombardement der deutschen Luftwaffe aus.Neuentwurf in sechs WochenIm November 1939 befahl Hitler seinen Statthaltern den "Nicht-Wiederaufbau der Stadt". Der Distriktgouverneur Ludwig Fischer sollte alles daransetzen, "um Warschau seines bisherigen Charakters als Mittelpunkt der Polnischen Republik zu entkleiden und gleichzeitig alles darauf abzustellen, dass Warschau auch seiner äußeren Ausdehnung nach keine weitere Vergrößerung, sondern eine Verkleinerung erfahre." Der Stadtpräsident Oskar Dengel, nach Meinung seiner Vorgesetzten ein "zuverlässiger, befähigter Nationalsozialist", wollte der polnischen Metropole rasch "ein deutsches Gepräge" geben. Der von ihm beauftragte Architekt Hubert Groß, Leiter des Würzburger Stadtplanungsamtes, entwarf im Winter 1939/40 innerhalb von sechs Wochen die Pläne für die "neue Deutsche Stadt Warschau".Sie bilden die Grundlage für Aleksandra Polisiewicz' Projekt "Wartopia", einer virtuellen Rekonstruktion der architektonischen Germanisierungsphantasien. An zwei Berliner Ausstellungsorten, dem Künstlerhaus Bethanien und dem Polnischen Institut, wird es nacheinander gezeigt. Die Farbdrucke, Modelle und computergenerierten Animationen katapultieren den Betrachter in eine menschenleere Landschaft mit neoklassizistischen Monumentalbauten. Die polnische Künstlerin transformiert die niemals realisierten nationalsozialistischen Baupläne in eine Cyber-Utopie, die in ihrem absoluten Gestaltungswillen ebenso verführerisch wie erschreckend erscheint.Der Entwurf von Hubert Groß sah einen radikalen "Abbau der Polen-Stadt" vor: Warschau, das vor Kriegsbeginn mehr als 1,2 Millionen Einwohner zählte, sollte auf eine Provinzstadt von 40 000 Einwohnern reduziert werden. Einen Wert besaß die Stadt für die Planer allein aufgrund ihrer verkehrstechnischen Lage. Warschau war ein Eisenbahnknotenpunkt; durch die Stadt verliefen wichtige Verkehrsachsen in alle Himmelsrichtungen.Bei seinen Planungen griff Groß auf Elemente zurück, die er bereits für die Neugestaltung der "Gauhauptstadt" Würzburg entworfen hatte. Am Rand des Sächsischen Gartens, dem Symbol für die Herrschaft August des Starken als polnischer König im 18. Jahrhundert, sollte ein riesiges Gauforum mit einem dominierenden Turm entstehen. Für die deutsche Bevölkerung waren zehn autarke "Siedlungszellen" mit bis zu 4 000 Bewohnern vorgesehen. Um für sie Platz zu schaffen, musste zunächst die einheimische Bevölkerung verschwinden. Das von Groß 1940 auf dem Reißbrett projektierte "Aussiedeln der Juden" realisierten SS und Polizei zwei Jahre später, indem sie innerhalb von sechs Wochen mehr als 240 000 Warschauer Juden nach Treblinka verschleppten und dort ermordeten. Der zum Stadtbaurat beförderte Groß kümmerte sich da längst wieder um die Neugestaltung der "Gauhauptstadt" Würzburg.Mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Sommer 1941 änderte sich die Bedeutung Warschaus für die Besatzer: Die größte Etappenstadt hinter der Ostfront interessierte nun als Standort kriegswichtiger Produktionsstätten. Die megalomanen Baupläne verschwanden in der Schublade. Groß' Nachfolger als Warschauer Stadtplaner, Oberbaurat Friedrich Papst, projektierte trotz offiziell verhängtem Baustopp eine riesige "Volkshalle". Der Kuppelbau sollte am Weichselufer auf den Ruinen des Königsschlosses errichtet werden und damit den deutschen Herrschaftsanspruch demonstrieren. Auch diese Pläne mussten warten, weil sich die Situation für die Besatzer nach dem Ghettoaufstand im Frühjahr 1943 erneut änderte.Für das von SS- und Polizeitruppen niedergebrannte Ghetto verlangte Himmler einen "Gesamtplan", damit "der für 500 000 Untermenschen bisher vorhandene Wohnraum, der für Deutsche niemals geeignet ist, von der Bildfläche verschwindet und die Millionenstadt Warschau, die immer ein gefährlicher Herd der Zersetzung und des Aufstandes ist, verkleinert wird." Die Abrissarbeiten auf dem mehr als 200 Hektar großen Ghettogelände, auf dem ein Park angelegt werden sollte, dauerten bis zum Ausbruch des Aufstands der polnischen Heimatarmee im Sommer 1944 an.Wiederaufbau in sechs JahrenNach der Kapitulation der Aufständischen sprengten auf Geheiß Hitlers Pioniereinheiten der Wehrmacht systematisch die Reste der schwer zerstörten Stadt, darunter auch das Königsschloss, Museen und Bibliotheken. Als die Rote Armee am 17. Januar 1945 die westlich der Weichsel gelegenen Stadtteile Warschaus eroberte, fand sie eine menschenleere Trümmerwüste vor. Sie wurde zur Projektionsfläche einer weiteren totalitären Stadtplanung: Der Ende der 40er-Jahre entwickelte Sechsjahresplan sah den Wiederaufbau Warschaus im Stil des monumentalen sozialistischen Realismus vor. Nach dem Willen von Edmund Goldzamt, dem stalinistischen Chefplaner, sollten dort, wo Groß das Gauforum projektiert hatte, ein mächtiges "Denkmal der Befreiung" und ein Pantheon für die Kämpfer der Revolution entstehen.Der geschundenen Stadt blieben Goldzamts Vorhaben erspart. Sie wurden ebenso wenig realisiert wie das seiner nazistischen Vorgänger. Die Pläne für die erneute radikale Reorganisation der Stadt nimmt Aleksandra Polisiewicz im zweiten Teil ihres Projekts auf. Es wird zusammen mit den NS-Utopien für Warschau ab Anfang Februar im Polnischen Institut gezeigt.Wartopia noch bis 1. Februar, Mi-So, 14-19 Uhr im Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg. Anschließend vom 4. bis 28. Februar, Di-Fr, 10-18 Uhr im Polnischen Institut Berlin, Burgstr. 27, Mitte.------------------------------Foto: Unbekannte Geschichte wird sichtbar gemacht: Die Künstlerin Aleksandra Polisiewicz hat in Archiven recherchiert und dann Warschau virtuell rekonstruiert - eine totalitäre Stadt, nach nicht verwirklichten Entwürfen der Nazis.