Was er von den Asylbewerbern halte? „Die haben es nicht so leicht, die können ruhig hier sein“, sagt der kleine Mann. Schüttere Haare hat er, ein eingefallenes Gesicht und nur wenige Zähne im Mund. Dem äußeren Anschein nach keiner, der auf der Gewinnerseite des Lebens steht. Vielleicht ja einer, der in der Wahlkabine bei den Rechtspopulisten sein Kreuz macht? „Nein. Ich habe die Schwedendemokraten nicht gewählt“, sagt er und klingt verwundert über die Frage. Dann läuft er weiter, die Konstmästaregata entlang. Zwei junge Männer kommen ihm entgegen, offensichtlich aus dem arabischen Raum. Auf der anderen Straßenseite eine Familie aus Afrika.

Es ist Dienstagnachmittag, und in Kopparberg, einem verschlafenen Städtchen tief in der schwedischen Provinz, scheint richtig etwas los zu sein. Bei genauerem Hinsehen erklärt sich der Eindruck. Es sind viele Fußgänger auf der Straße. Die meisten haben ihre Wurzeln erkennbar nicht in Schweden. Knapp 3000 Einwohner hat Kopparberg. 500 davon sind Flüchtlinge. In Europa ist Schweden das Land, das pro Einwohner die meisten Flüchtlinge aufnimmt. Innerhalb Schwedens nimmt die Kommune Ljusnarsberg, zu der Kopparberg gehört, einen der Spitzenplätze ein. Und während die schwedischen Einwohner mit dem Auto durch den Ort fahren, gehen die Flüchtlinge zu Fuß.

Ein Geschäftsmodell

Ein Spaziergang durch den Ort zum kleinen Rathaus, wo Bürgermeisterin Ewa-Leena Johansson die Versorgung der Flüchtlinge zu organisieren versucht, lässt erahnen, wie die Krise Schweden verändert und strapaziert. So angespannt ist die Situation, dass die Regierung Anfang des Monats erklärte, Schweden könne keine weiteren Unterkünfte für Flüchtlinge mehr bereitstellen. Wer niemanden habe, der ihn aufnehmen kann, möge in Deutschland oder Dänemark bleiben, sagte der Migrationsminister Morgan Johansson. Seit voriger Woche gibt es Grenzkontrollen in den Fährhäfen und an der Öresundbrücke. Flüchtlinge ohne Ausweisdokumente werden abgewiesen, in den deutschen Häfen kommen sie schon gar nicht mehr an Bord der Schiffe. Am Dienstag kündigte Ministerpräsident Stefan Löfven eine Verschärfung der Asylgesetze an: Weniger Flüchtlinge erhalten ein Bleiberecht, Aufenthaltsgenehmigungen werden befristet, der Familiennachzug erschwert. Schweden, das weite, dünn besiedelte Land, das lange Zeit die liberalste Flüchtlingspolitik der EU praktizierte, versucht, die Zahl der Einreisenden zu begrenzen. Und in Kopparberg lässt sich verstehen, warum.

Vor 40, vor 50 Jahren hatte der kleinen Ort noch große Konjunktur, der tief im borealen Nadelwald an der Kreuzung zweier Landstraßen liegt. Kupfer, Eisenerz, Blei und Wolfram wurden rund um Kopparberg gefördert. Die Minen versorgten Schwedens Fabriken und legten die Grundlage für den Wohlstand des Landes. Inzwischen sind alle Gruben geschlossen, die Einwohnerzahl hat sich halbiert. Eine Brauerei und eine Papierfabrik gibt es noch, immerhin, doch der Reichtum vergangener Jahrhunderte lässt sich nur erahnen. Ewa-Leena Johansson ist seit 18 Jahren im Amt. Die 53-jährige ist eine resolute Frau mit festem Händedruck und einem unverwüstlichen Optimismus – sonst hätte sie das höchste Amt in ihrer Heimatkommune wohl auch nicht übernommen. „Als ich angefangen habe, hatten wir überhaupt kein Geld. Unsere Infrastruktur war für doppelt so viele Einwohner ausgelegt, wie wir heute haben.“ Johansson hat radikal gespart, Schulen geschlossen, kommunale Wohnhäuser abgerissen.

Man muss es nehmen, wie es kommt

Durchatmen kann sie nicht, denn fast über Nacht sind Hunderte neue Einwohner gekommen, die auf die Hilfe der Kommune angewiesen sind: die Flüchtlinge. Das Sozialamt ist längst überfordert, von den zehn Mitarbeitern sind fünf krankgeschrieben. Die Grundschule kann ihrer Aufgabe kaum noch nachkommen, die Flüchtlingskinder einzugliedern, ihnen Schwedisch beizubringen – und die anderen Kinder darüber nicht zu vernachlässigen. „Es fühlt sich allmählich übermächtig an“, sagt Johansson. Und gleich darauf: „Aber man muss es nehmen, wie es kommt.“

Wie es kommt, darauf hat die Bürgermeisterin von Kopparberg wenig Einfluss. Dass Ljusnarsberg so viele Flüchtlinge aufnimmt, hat vor allem mit einem Unternehmer zu tun: Jimmy Hoppe heißt er, und vor einigen Jahren hat er begonnen, Immobilien in und um Kopparberg aufzukaufen. Mehrere Wohnhäuser gehören ihm, auch zwei alte Hotels. Einen großen Teil seines Bestandes vermietet er an die Migrationsbehörde, die gut zahlt und entsprechende Angebote dankbar annimmt.

Hoppes Geschäftsmodell ist weit verbreitet in Schweden. Während in den Großstädten eklatanter Wohnungsmangel herrscht, sind passende Gebäude in der schwedischen Provinz oft zu Spottpreisen zu haben. In der Flüchtlingskrise lassen sie sich veredeln – längst ist von „Asylmillionären“ die Rede. Was Hoppe von anderen Unternehmern in seiner Branche unterscheidet: Er investiert in Ljusnarsberg, hat den Golfplatz, das Schwimmbad und das Hotel samt Skilift übernommen. Auf eine Anfrage der Berliner Zeitung antwortet er nicht, aber in der Lokalzeitung erzählt er ausführlich von seinen Plänen für den Ausbau des Tourismus, den er mit seinen Einnahmen aus dem Flüchtlingsgeschäft querfinanzieren will.

Gewaltige Kosten für eine kleine Kommune

Ewa-Leena Johansson lässt erkennen, dass sie skeptisch ist und noch nicht recht an die Visionen des Asylunternehmers glaubt. Vor allem muss ihre kleine Kommune kurzfristig gewaltige Kosten stemmen. „Ich habe nichts gegen Hoppe, aber ich mag dieses System nicht. Das Geld, das er bekommt, bräuchten wir für die Integration der Menschen.“ Für sie geht es um handfeste Dinge: die Kosten für den Schulbus, die Sprachlehrer. Einiges wird der Gemeinde vom Staat erstattet, aber das dauert mitunter fast ein Jahr. „Die Regierung leiht sich Geld von uns, das wir nicht haben.“

Bis zu 190.000 Flüchtlinge wird Schweden nach Prognosen der Migrationsbehörde in diesem Jahr aufnehmen. Während sich das Nachbarland Dänemark abschottet, sind die schwedischen Grenzen lange offen geblieben. Trotz aller Restriktionen kamen auch vorige Woche mehr als 8500 Menschen, die meisten kommen mit den Fähren aus Deutschland.

Die großzügige Asylpolitik ist Teil des schwedischen Selbstverständnisses, das die Sozialdemokraten in der Nachkriegszeit geprägt haben. Bis heute sind auch weite Teile des konservativen Lagers überzeugt, dass sich das kleine Land nur behaupten kann, wenn es sich der Welt öffnet – in jeder Hinsicht. Noch Ende September, als die Flüchtlingszahlen bereits einen historischen Höchststand erreicht hatten, sprachen sich in einer Meinungsumfrage 44 Prozent der Teilnehmer dafür aus, mehr Menschen aufzunehmen. So ist es gekommen.

Brände in vier Unterkünften

In Ljusnarsberg ist es immerhin bislang friedlich geblieben. Es ist nicht lange her, da schien dieser Frieden im wohlhabenden Schweden selbstverständlich zu sein. Doch von dieser Gewissheit ist nichts mehr übrig. Binnen weniger Tage zündeten Brandstifter Ende Oktober vier Flüchtlingsheime an. Eine der Unterkünfte war bereits bezogen, nur mit Glück konnten die Bewohner sich retten. Wenige Tage später stürmte der 21-jährige Anton Lundin-Pettersson in eine Schule im westschwedischen Trollhättan. Mit einem Schwert tötete er zwei Menschen und verletzte mehrere schwer, ehe die Polizei ihn erschoss. Seine Opfer suchte der Attentäter nach der Hautfarbe aus.

Dass viele Bewohner von Ljusnarsberg zumindest latent fremdenfeindlich sind, zeigen die Ergebnisse der Wahl im vorigen Jahr. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten wurden mit fast 24 Prozent zweitgrößte Partei, es war ihr bestes Ergebnis im ganzen Land. Bürgermeisterin Johansson sagt, sie wisse nicht, woran das liegt – die Fraktion der Schwedendemokraten im Gemeinderat sei jedenfalls vollkommen passiv.

Manche Leute im Ort sagen, es gehe gar nicht um die Flüchtlinge, sondern um alte Streitigkeiten, um die Verteilung des Gelds innerhalb der Gemeinde. Doch fragt man nach, dann hört man, dass im Wohnheim für minderjährige Flüchtlinge eines Nachts im Frühjahr mehrere Jugendliche randalierten. Polizisten, die eingreifen oder auch Streit unter den Flüchtlingen schlichten könnten, gibt es nicht in Ljusnarsberg. Die nächste Wache ist 40 Kilometer entfernt.

Von Wärtern zu Tode geprügelt

Streit oder Übergriffe sind aber nicht das vordringliche Problem unter den Flüchtlingen. Es ist die Langeweile. An der einzigen größeren Kreuzung in Kopparberg sitzt auf einer Grünfläche ein Grüppchen junger Männer. Sie genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages, sonst gibt es für sie nicht viel zu tun. „Es gibt nichts in Europa. Kein Geld, keine Arbeit“, sagt einer von ihnen, ein Palästinenser aus Gaza. Er spricht Arabisch, einer seiner Kumpels übersetzt. Seit 15 Monaten sei er hier, aber noch immer sei über seinen Asylantrag nicht entschieden. „Wenn zwei Jahre rum sind, werde ich tot sein.“ Dann steht er auf und geht. „Die Schweden respektieren einander. Aber uns respektieren sie nicht“, sagt er noch.

Zwei Männer bleiben, es sind Brüder aus Syrien, Ahmad und Hossam, 28 und 33 Jahre alt. Hossam ist erst vor kurzem nach Schweden gekommen. Nervös zittert sein linkes Bein. Ein Jahr war er in Damaskus im Gefängnis. „Er denkt viel nach“, sagt Ahmad über seinen Bruder. Tatsächlich ist Hossam wohl tief traumatisiert. 125 Menschen seien sie in der Zelle gewesen, erzählt er, darunter ein 13-jähriger Junge, den die Wärter zu Tode geprügelt hätten. Warum er selbst inhaftiert worden sei, und warum er irgendwann freikam, wisse er nicht.

Ahmad ist schon länger hier, sieben Monate. Nicht nach Europa floh er ursprünglich, sondern in die andere Richtung, nach Thailand. Er schlug sich dort durch, hatte aber keinen Aufenthaltsstatus und landete im Gefängnis. Als Quotenflüchtling kam er nach Schweden und wurde der Gemeinde Ljusnarsberg zugeteilt, die ihn seitdem mit einem Zimmer, etwas Sozialhilfe und einem Sprachkurs versorgt. Sein Schwedisch ist schon ganz ordentlich, aber was soll er hier tun? „Ich will wieder als Koch arbeiten“, sagt er. Doch in Kopparberg, wo es ein Restaurant und zwei Imbisse gibt, wird das wohl nichts.

Altes Hotel, neue Bewohner

Auch Kontakte zu den Alteingesessenen ergeben sich kaum. Nein, sagt Vanja Karlsson, sie kenne keine Flüchtlinge. Gerade putzt sie die Küche der ehemaligen Postfiliale in Ställdalen, dem Nachbarort von Kopparberg. Der Dorfrat hat sein wöchentliches Kaffeetrinken abgehalten, eben sind alle gegangen. „Die Flüchtlinge kümmern sich um ihre Dinge, wir kümmern uns um unsere“, sagt Vanja Karlsson. Alle Wohnungen in dem Haus sind mit Flüchtlingen belegt, durchs Fenster blickt sie auf ein ehemaliges Hotel, wo ebenfalls Asylbewerber wohnen. 300 Menschen, hat der Unternehmer Jimmy Hoppe in Ställdalen mit seinen 1000 Einwohnern untergebracht. Gäbe es sie nicht, dann wäre dieser Teil des Dorfes wohl schon abgerissen, sagt Vanja Karlsson.

Ihr ist trotzdem nicht ganz wohl mit den neuen Nachbarn. „Man würde sich schon wünschen, dass sie wüssten, wie wir hier leben. Wir passen uns ja auch an, wenn wir in ein anderes Land kommen“, sagt die 63-Jährige. Was sie damit meint? „Sie gehen im Dunkeln auf der falschen Straßenseite und tragen keine Reflexe an den Jacken.“ Dass ihre Sorge sich nicht auf Fragen der Verkehrssicherheit beschränkt, deutet sie an, als sie sich über den Müll beschwert, den man an diesem Tag freilich nirgends herumliegen sieht. Und als sie erzählt, dass ihre Enkelin auf eine Privatschule geht, wo es keine Flüchtlingskinder gibt. Aber trotzdem: „Wir haben keinen Schaden davon, dass sie hier sind.“

Sie werden wohl auch nicht bleiben, glaubt Bürgermeisterin Ewa-Leena Johansson. „Das sind ganz normale Menschen, die wollen fast alle in die großen Städte.“ Irgendwann, in ein paar Jahren, werden die Einwohner von Ljusnarsberg wahrscheinlich wieder unter sich sein.